Industrie klagt Banken an: Unternehmen leiden unter Kreditklemme
VON ALEXANDER VON GERSDORFF - zuletzt aktualisiert: 16.06.2009 - 08:04Berlin (RP). Das Verhältnis von Wirtschaft und Bankenwelt ist beschädigt. Die Industrie wirft den Finanzinstituten vor, die Kreditvergabe zu bremsen. Darunter leiden die Unternehmen. Wichtige Investitionen müssen verschoben werden. Arbeitsplätze geraten in immer größere Gefahr. Trotz Milliarden-Hilfen des Staates droht sich die Lage sogar noch zu verschlimmern.
Als im Mai der Autozulieferer Aksys Pleite ging, verstanden Chefetage, Betriebsrat und Mitarbeiter die Welt nicht mehr. Die Firma hatte eine Staatsbürgschaft für einen Bankkredit über 22 Millionen Euro beantragt – und war in Berlin abgeblitzt. Eine Begründung gab es nicht. Jetzt wirtschaftet das Wormser Unternehmen unter Insolvenzrecht weiter, Zukunft: ungewiss.
Aksys ist eines der prominenteren Opfer der Kreditklemme, also der Zurückhaltung von Banken, die Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Denn zunächst hatten sich ja die Hausbanken geweigert, Aksys über die Auftragsschwäche hinwegzuhelfen.
75 Milliarden Euro im Topf
Das Beispiel zeigt, wie wenig der Staat letztlich helfen kann, wenn die Banken kneifen: Aus dem 40-Milliarden-Topf für Kredite über die Förderbank KfW nehmen ein halbes Jahr nach dem Start 440 Unternehmen lediglich rund 1,3 Milliarden in Anspruch, überwiegend Mittelständler. Eine Bundesbürgschaft für Kredite erhielten 1800 Unternehmen, Volumen: 280 Millionen Euro. Im Topf sind 75 Milliarden Euro.
Grund für die schleppende Staatshilfe sind die harten Kriterien. So musste der Antragsteller vor Ausbruch der Krise gesund sein, was auf Aksys eigentlich zutraf. Bisher wurden 1100 Anträge auf KfW-Kredit und Staatsbürgschaft abgeleht.
Von der Finanzwelt fühlen sich die Unternehmen erst recht im Stich gelassen. Am schlimmsten betroffen sind Autozulieferer, Maschinenbau sowie die Metall- und Elektroindustrie – die Créme de la Créme der exportorientierten deutschen Wirtschaft also. Die Banken halten sich zurück – trotz gesunkener Leitzinsen, trotz der Möglichkeit, faule Wertpapiere, die das Kreditgeschäft bremsen, in staatlich finanzierten Mülleimern ("Bad Banks") auszulagern.
"200.000 Euro für einen Job bei Opel"
Entsprechend groß ist die Verärgerung. "Ein Mittelständler hat kein Verständnis dafür, dass ein Opel-Arbeitsplatz mit 200.000 Euro gerettet wird, während er selbst keinen Kredit in dieser Größenordnung bekommen kann", kritisiert Industrie-Präsident Hans-Peter Keitel.
Die Aussichten sind noch düsterer als die Gegenwart. "Die Kreditvergabe steht in den nächsten Monaten unter keinem guten Stern", heißt es vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Kreditklemme ist immer noch ein Problem, und je länger sie dauert, desto schwieriger wird es für die Unternehmen", sagte EU-Industriekommissar Günter Verheugen der "Welt". Und Keitel fürchtet, dass es angesichts des Sanierungsbedarfs bei Banken "in den nächsten Wochen mit der Kreditversorgung eher noch schwieriger wird".
Selbst das Wirtschaftsministerium schließt sich der Prognose an. "Die ganze Lieferkette in der Industrie droht in Mitleidenschaft gezogen zu werden", warnt Staatssekretär Hartmut Schauerte. Einen Grund neben der Kreditklemme sieht er im Rückzug der Warenkredit-Versicherer, aus Angst vor Pleiten.
Industrieverband BDI und Ministerium arbeiten derzeit fieberhaft an einer Lösung: Die Versicherer sollen in den Rettungsschirm für Firmen einbezogen werden, damit sie ihren Kunden treu bleiben. Doch vor einer schnellen Lösung stehen Parlamentsferien und Bundestagswahl. Und so deutet nichts darauf hin, dass sich Wirtschaftskrise und Kreditklemme noch in diesem Jahr ihrem Ende zuneigen.
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