Herbstgutachten: 3,5 Prozent Wachstum: Verbraucher sind Stütze des Aufschwungs
zuletzt aktualisiert: 14.10.2010 - 17:24Berlin (RPO). Das Herbstgutachten 2010 hält für Deutschland gute Zahlen bereit: die Arbeitslosenquote soll unter drei Millionen sinken, das Wachstum beschleunigt sich auf 3,5 Prozent. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle zeigen sich hocherfreut.
Merkel hat den erwarteten Rückgang der Arbeitslosenzahl auf unter drei Millionen als die wichtigste Nachricht aus der Konjunkturprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute bewertet. "Insgesamt ist für mich das allerwichtigste, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht", sagte Merkel am Donnerstag.
Im nächsten Jahr könne man den Forschern zufolge damit rechnen, dass Deutschland im Schnitt unter drei Millionen Arbeitslose haben werde. Eine weitere gute Nachricht sei, dass der Binnenkonsum in Deutschland anspringen werde. Merkel wertete dies als ein gutes Zeichen für einen dauerhaften Aufschwung.
Grund für die rasante Entwicklung der Wirtschaft sei, dass die weltweite Nachfrage nach deutschen Gütern zu Jahresbeginn massiv zugenommen hat. Dieser Boom, der vor allem von den Schwellenländern getragen wird, schwäche sich aber ab. Daher komme den deutschen Verbrauchern eine Schlüsselstellung zu. Sie haben zuletzt nach jahrelanger Zurückhaltung wieder mehr Geld ausgegeben und sind den Forschern zufolge zu einer wichtigen Stütze des Wachstums geworden. Der Boom am Arbeitsmarkt werde wohl dazu führen, dass dieser Trend weiter anhält.
-- Ifo Institut für Wirtschaftsforschung München in Kooperation mit der Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich
-- Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel in Kooperation mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim
-- Institut für Wirtschaftsforschung Halle in Kooperation mit Kiel Economics
-- Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung Essen in Kooperation mit dem Institut für Höhere Studien Wien
Merkel: "Deutschland ist auf dem richtigen Weg"
"Das Herbstgutachten, das heute vorgelegt wurde, zeigt uns in beeindruckender Weise, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist", sagte Merkel. "Die Wachstumszahlen für dieses Jahr sind beeindruckend", kommentierte sie die vorausgesagte Wachstumsrate von 3,5 Prozent in 2010. Auch die für das kommende Jahr geschätzte Rate von zwei Prozent Zuwachs zeige, "dass dies ein nachhaltiger Aufschwung werden kann, wenn wir weiter auch die richtigen politischen Maßnahmen treffen".
Die Forschungsinstitute ermutigten die Regierung, den Kurs solider Finanzen und einer soliden Haushaltspolitik fortzusetzen, sagte Merkel weiter. Es gebe aber auch Risiken für den Aufschwung, die das Gutachten richtig benenne. "Deshalb werden wir uns auch dafür einsetzen, dass nicht nur in Europa eine gute Stabilitätskultur bei den Haushalten, bei den Finanzen ist, sondern dass dies auch weltweit praktiziert wird". Beim letzten G20-Gipfel in Kanada sei vereinbart worden, dass die Industrieländer ihre Schulden bis 2013 halbieren sollten. Diese Vereinbarung müsse ernst genommen werden.
Brüderle: Weiterhin deutliches Wachstum zu erwarten
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat sich ebenfalls hoch erfreut über das Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute gezeigt. "Der XL-Aufschwung geht weiter", sagte er am Donnerstag auf seiner Asienreise im japanischen Nagoya. Auch weiterhin sei "deutliches Wachstum zu erwarten. Die Konjunkturerholung sei klassisch durch den Export angetrieben worden, greife nun über auf Investitionen, Konsum und Reallöhne. Deutschland komme nun schrittweise in einen Fachkräftemangel hinein. Dagegen müssten "strukturelle Maßnahmen" ergriffen werden.
Auf die Frage, ob die von den Instituten für 2011 vorhergesagte Ausweitung des deutschen Zahlungsbilanz-Überschusses nicht erneut Kritik aus den USA und Frankreich hervorrufen werde, sagte Brüderle, dies wäre nicht gerechtfertigt und könnte auch mit dem US-Wahlkampf zu tun haben. Deutschland sei nicht nur Vize-Weltmeister bei den Exporten, sondern auch bei den Importen. Das deutsche Wachstum sei mehr als doppelt so hoch wie im Rest Europas, wo nur 1,6 Prozent erwartet würden. Deutschland ziehe daher seine Nachbarn mit. "Statt Kritik wäre ein Stück Anerkennung angebracht", sagte Brüderle.
Wirtschaftskrise in Deutschland schneller vorbei
Denn Deutschland lässt die Wirtschaftskrise nach Ansicht der führenden Forscher deutlich schneller als gedacht hinter sich. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt um 3,5 Prozent steigen, im kommenden Jahr nochmals um 2,0 Prozent, wie die Wirtschaftsforschungsinstitute am Donnerstag in ihrem Herbstgutachten voraussagten. Der Aufschwung wird demnach die Arbeitslosenzahl 2011 im Schnitt auf unter drei Millionen sinken lassen. Damit würde die Arbeitslosenquote auf sieben Prozent sinken und so niedrig liegen wie seit 1992 nicht mehr.
Mit ihrer neuen Prognose liegen die Forscher deutlich über den bisherigen Schätzungen: Im Frühjahrsgutachten hatten sie für 2010 noch ein Wachstum von 1,5 Prozent vorausgesagt. Auch die Bundesregierung geht derzeit noch von einem Wachstum von nur 1,4 Prozent in diesem Jahr aus, hat aber bereits angedeutet, ihre Schätzung in der kommenden Woche deutlich nach oben zu korrigieren. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft in der Krise noch um 4,7 Prozent gesunken.
Der Boom werde auch wieder Geld in die Staatskasse spülen und die Schulden senken. Die Defizitquote werde dieses Jahr noch bei 3,8 Prozent liegen, 2011 aber auf 2,7 Prozent sinken, womit Deutschland die Maastricht-Kriterien der EU dann wieder einhalten würden. Zugleich gehen die Wirtschaftsforscher davon aus, dass die Preise wegen des Booms nicht mehr so langsam steigen werden wie im vergangenen und in diesem Jahr: Für 2011 gehen sie von einer Inflationsrate von 1,6 Prozent aus. Im vergangenen Jahr hatte die Inflationsrate noch bei 0,4 Prozent gelegen.
Wirtschaftsforscher warnen auch vor Risiken
Die Wirtschaftsforscher warnen in ihrem Gutachten allerdings zugleich vor zahlreichen Gefahren, die den Aufschwung abwürgen könnten. "Die strukturellen Risiken sind noch nicht überwunden", erklärten die Forscher. In Ländern wie Irland, Spanien und Großbritannien gebe es weiter eine hohe Verschuldung. Dies könne sich nicht nur auf die deutschen Exportchancen auswirken.
Da die Bundesrepublik über den EU-Rettungsschirm für schwere Krisen in diesen Ländern einstehen müsste, würden sich diese auch stark auf Deutschland auswirken. Zudem seien Verschuldung und Arbeitslosigkeit in den USA weiter sehr hoch. Auch eine Immobilienblase in Teilen Chinas, das mit seiner Nachfrage nach deutschen Autos und Maschinen bisher den Boom befeuert, sei ein Risiko.
Die Wirtschaftsforscher forderten die Politik zugleich dazu auf, Maßnahmen zu treffen, um den Risiken zu begegnen. So müssten klare Regeln geschaffen werden, nach denen Staaten und Finanzkonzerne in die Pleite geschickt werden können. Die Forscher warnten vor weiteren Rettungen von Staaten oder Banken.
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