Immer öfter Ärger für Vermieter: Vermieter unterschlägt die Nebenkosten
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER UND CHRISTIAN SCHROEDER - zuletzt aktualisiert: 17.06.2009 - 12:30Kamp-Lintfort/Neukirchen-Vluyn (RP). Der Besitzer maroder Hochhäuser in Lintfort und Vluyn ist offenbar in solche Geldnöte geraten, dass er Zahlungen für Nebenkosten nicht mehr an die Energieversorger weiterleitete. Experten rechnen in der Zukunft mit vielen ähnlichen Fällen.
Die verdreckte Eingangstüre aus Glas steht offen. Die blauen Briefkästen im Flur sind zerbeult, Werbeprospekte quillen aus den Schlitzen. "Camera-Überwachung" steht auf einem Schild. Dass die Videokamera noch in Betrieb ist, glaubt aber keiner der Bewohner der drei Kamp-Lintforter Hochhäuser (Markgrafenstraße 13 bis 17) mehr.
Denn in den völlig verwahrlosten Gebäuden ist auch sonst kaum noch etwas intakt. "Freiwillig wohnt hier keiner. Auch ich lebe hier nur, weil ich muss", sagt Erika Flindt. Wenn die 64-Jährige an den Januar zurück denkt, bekommt sie gleich wieder Angstzustände: Wochenlang waren die Mieter ohne funktionstüchtige Heizung – auch bei tiefen Minusgraden.
Die tristen Hochhäuser gehören Ottmar Nau aus Berlin. Auch die Mietskasernen am Vluyner Nordring im Nachbarort Neukirchen-Vluyn sind im Besitz des 51-Jährigen. Und auch diese Häuser verfallen immer mehr. "Solche Immobilienhaie reparieren nur das Nötigste", sagt Elisabeth Vogel, Verbandsdirektorin der Eigentümerschutzgemeinschaft Haus und Grund Rheinland. "Denn sie denken nur an den Profit." Doch bei Nau floss der Gewinn offenbar nicht mehr wie gewohnt. In Geldnot, leitete er die Nebenkosten der Mieter nicht mehr an die Energiekonzerne weiter.
Solche Fälle werden sich künftig in Deutschland häufen, sagt Elisabeth Vogel. "Da kommt einiges auf die Städte und Kommunen zu. Überall, ob in Düsseldorf, Hamburg oder München, gibt es solche Spekulanten, die oft große Wohnhauskomplexe erworben haben." Ganz besonders im dicht besiedelten Ruhrgebiet seien solche Modelle besonders häufig. Viele Investoren könnten wegen der weltweiten Krise jetzt in finanzielle Schieflage geraten. Vielen Städten drohen massive Leerstände, weil die Wohnungen unbewohnbar werden. Ganze Stadtteile könnten veröden.
Auch Erika Flindt will eigentlich nur noch weg. Sie wohnt in der fünften Etage eines der "Nau-Hochhäuser". Erst vor wenigen Tagen erhielt die 64-Jährige eine erneute Zahlungsaufforderung von der von Nau eingesetzten Düsseldorfer Wohnungsverwaltung. Sie soll jetzt noch mehr Geld für ihre Nebenkosten bezahlen – das Doppelte. Doch die Mieter zahlen mit Unterstützung der Stadt und des Mieterschutzbunds ihre Nebenkosten statt an den Vermieter auf ein Treuhandkonto ein. Nau schuldete den Stromlieferanten und Kommunen vor drei Wochen insgesamt über eine Million Euro.
Die Energiekonzerne hatten den Bewohnern deshalb schon gedroht, den Strom abzustellen. "Das hat es bisher bundesweit noch nicht gegeben", meint Peter Heß vom Mieterschutzbund Duisburg. "Aber man kann davon ausgehen, dass sich das ändern wird", betont Heß. Denn so wie Nau hätten sehr viele Investoren die Wohnanlagen mit großen Krediten finanziert.
"Die Kredite sind wegen der gestiegenen Zinsen nicht mehr zu bedienen. Das Kartenhaus bricht zusammen", sagt der Experte. Das bestätigt auch Bernhard Hoffman vom Immobilienverband Deutschland in Köln. "Die Kredite werden meist durch ausländische Banken vergeben. Die dortigen Banken können den Kreditzins einfach ohne Grund erhöhen – und das machen sie auch. In England verlieren deswegen täglich bis zu 120 Hauseigentümer ihren Besitz."
Immobilienspekulanten suchen und kaufen meist gezielt Objekte in sozialschwachen Milieus. Die Menschen leben dort von Hartz-IV. Die Arge oder das Sozialamt bezahlen die Mieten pünktlich. Aber die Rechnung geht nur auf, so lange der Gewinn aus den Mieteinnahmen höher ist als der Kreditzins. Der Eigentümer der Kamp-Lintforter Hochhäuser soll sich in Spanien aufhalten. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen.
Der Spuk für die Mieter geht indes weiter: Einige Bewohner berichten von "Geldeintreibern", die plötzlich vor der Wohnungstür standen. "Ich habe gar nicht gefragt, in welchem Namen die abkassieren wollten", so Jessica Naumaier. "Ich habe einfach die Tür zugeknallt."
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