Personalnot bei der Bahn: Verwandte halten S-Bahnen am Laufen
VON L. BROOK, K.P. KÜHN UND G. VOOGT - zuletzt aktualisiert: 08.07.2011 - 05:57Düsseldorf (RP). Die Deutsche Bahn hat in Nordrhein-Westfalen zehn Wochen lang S-Bahnen mit gestörter Elektronik eingesetzt. Um ein Risiko auszuschließen, fuhren zusätzlich zum Lokführer andere Bahnbeschäftigte oder Verwandte im Führerstand mit.
Die Deutsche Bahn hat nach zehn Wochen Notbetrieb in ihrem S-Bahn-Netz enthüllt, wie sie eine durch technische Mängel ausgelöste Krise weitgehend unbemerkt entschärft hat. Als am 7. April erstmals Software-Probleme bei den Standardzügen des Typs ET 422 auftauchten, wurde bekannt gegeben, dass die Höchstgeschwindigkeit der 84 Triebwagen vorübergehend von 140 auf 100 km/h herabgesetzt werde.
Verwandte als Beobachter
Auslöser war ein Hersteller-Fehler in der Elektronik der Fahrzeuge. Als Folge konnte dem Lokführer der Ausfall eines automatischen Bremssystems nicht angezeigt werden. Deshalb senkte die Bahn das Tempo und stellte in jedem Zug dem Lokführer einen Begleiter an die Seite. Aufgabe dieser insgesamt 150 Mitarbeiter war es, die Signale zu beobachten.
Das Gros der Nothelfer-Mannschaft waren nach Bahn-Angaben Führungskräfte aus den Büros des Unternehmens, aber auch Fahrkartenprüfer, einige pensionierte Lokführer und vereinzelt Familienmitglieder von Bahnbeschäftigten. Alle erhielten vor ihrem Einsatz einen eintägigen Schnellkurs in Signalkunde. Das Eisenbahnbundesamt, die Aufsichtsbehörde, nahm dieses Verfahren zur Kenntnis.
Während sich Heinrich Brüggemann, Chef der NRW-Regionalverkehrstochter DB Regio, im Gespräch mit unserer Redaktion begeistert über die "Flexibilität der Regio-Familie" zeigte, nannte NRW-Verkehrsstaatssekretär Horst Becker (Grüne) den Einsatz von Angehörigen im Führerstand "ein Stück aus dem Tollhaus". Es liege der Verdacht nahe, dass die Bahn damit ein Sicherheitsrisiko eingegangen sei. "Bei einem Lkw würde man auch nicht jemanden, der lediglich einen Mofa-Führerschein besitzt, ans Steuer lassen, wenn der Fahrer seine Lenkzeit überschritten hat."
Opposition sieht Sicherheitsrisiko
Ex-NRW-Verkehrsminister Lutz Lienenkämper (CDU) erklärte: "Das Vorgehen der Bahn mutet verwunderlich an." Christof Rasche, FDP-Verkehrsexperte im Landtag, verwies auf die zweieinhalbjährige Ausbildungszeit von Lokführern: "Wichtige Kenntnisse kann man nicht in einem Crashkurs vermitteln. Das halte ich für verantwortungslos."
Arndt Klocke, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, sagte: "Das Vorgehen der Bahn erinnert an Lukas den Lokomotivführer, der seinen Freund Jim Knopf mitnimmt. Das darf nicht sein. NRW ist nicht Lummerland."
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