Vor der Bundestagswahl: Viele Branchen hoffen auf Rückenwind durch Regierungswechsel
zuletzt aktualisiert: 02.09.2005 - 08:24Düsseldorf (rpo). Der deutsche Aktienmarkt setzt auf die vorgezogene Bundestagswahl. Seit der Ankündigung von Bundeskanzler Gerhard Schröder kletterte der Deutsche Aktienindex (DAX) um rund zehn Prozent. Sowohl Aktionäre als auch Unternehmen versprechen sich viel von einem bevorstehenden Regierungswechsel. Doch nicht alle Branchen würden im gleichen Maße von einem Politikwechsel profitieren.
Als sichere Gewinner im Falle einer schwarz-gelben Regierung gelten vor allem die großen deutschen Energieversorger wie E.ON oder RWE. Durch die von Union und FDP geplanten längeren Restlaufzeiten für Kernkraftwerke könnten sie nach Einschätzung von Union- Investment-Analyst Thomas Deser mit zusätzlichen Einnahmen in Milliardenhöhe rechnen.
"Allerdings wird das nach unserer Erwartung nicht ohne Gegenleistung ablaufen", schränkt der Experte gleichzeitig übertriebene Erwartungen ein. Die neue Regierung könnte von der Industrie voraussichtlich im Gegenzug kostspielige Zugeständnisse etwa in Form von Preissenkungen oder Investitionen für alternative Energien verlangen. Die Industrie werde deshalb nicht den ganzen Windfall-Profit einstreichen.
Kraftwerksbauer skeptisch
Was für die Energiekonzerne und ihre Aktionäre eine gute Nachricht ist, dürfte allerdings für die deutschen Kraftwerksbauer negative Folgen haben. Denn eine längere Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke bedeutet gleichzeitig, dass zumindest auf absehbare Zeit weniger Ersatzkraftwerke errichtet werden müssen. Auch Wind- und Solarenergieunternehmen müssen sich möglicherweise auf stürmischere Zeiten einrichten, wenn die massive staatliche Förderung von Windrädern und Solarzellen auf den Prüfstand kommt.
Doch noch mehr als das Thema Energie beschäftigt die Wirtschaft die Hoffnung, eine schwarz-gelbe Regierung könnte mit ihrer Mehrheit in Bundestag und Bundesrat einschneidende Senkungen bei den Lohnnebenkosten durchsetzen, etwa durch eine Abkoppelung der Sozialversicherung von den Arbeitslöhnen im Rahmen des von Angela Merkel favorisierten Kopfprämien-Modells.
Hoffnung auf sinkende Lohnnebenkosten
Davon könnten nach einer Studie der HypoVereinsbank alle Unternehmen profitieren, die viele Beschäftigte in Deutschland haben: Autobauer wie Volkswagen und BMW ebenso die Chemiekonzerne Bayer oder BASF, Großkonzerne wie die Deutsche Telekom ebenso wie Mittelständler. Auch von einer Lockerung des Kündigungsschutzes nach einem Unionssieg erhoffen sich Unternehmen quer durch alle Branchen positive Impulse.
Zu den Verlierern nach einem Unionssieg könnte dagegen der ohnehin krisengeschüttelte deutsche Einzelhandel gehören. Denn die angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer dürfte die seit Jahren anhaltende Konsumflaute noch verstärken. Kenner der Szene bezweifeln angesichts des beinharten Wettbewerbs in der Branchen, ob die Einzelhandelsunternehmen überhaupt in der Lage sein werden, die Mehrwertsteuererhöhungen an die Kunden weiterzugeben. Damit drohen der notorisch ertragsschwachen Branche nicht nur weitere Umsatz-, sondern auch Ergebniseinbußen.
Auch für den deutschen Steinkohlebergbau dürften nach einem schwarz-gelben Wahlsieg die Tage wohl gezählt sein. Schließlich haben die beiden CDU/FDP-Regierungen in den Kohleländern Saarland und Nordrhein-Westfalen bereits ihre Entschlossenheit zum Ausstieg zu Protokoll gegeben.
Die Deutsche Post profitiert derweil erst einmal von dem Hang zur Briefwahl. Doch könnte ein Regierungswechsel für sie unter Umständen auch weniger erfreuliche Entwicklungen mit sich bringen. Denn unter den schwarz-gelben Politikern gibt es auch entschiedene Befürworter einer schnelleren Liberalisierung des Briefmarktes.
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