Arzneiverordnungsreport: Viele Medikamente sind zu teuer
VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 18.09.2009 - 07:36Berlin (RP). Bei den Ausgaben für Arzneien könnten die deutschen Krankenkassen laut Arzneiverordnungsreport jährlich 6,1 Milliarden Euro sparen. Deutschland gilt international als Hochpreisland für Arzneien.
Arzneimittel, die in Deutschland verordnet werden, sind vielfach zu teuer und in ihrer Wirkung umstritten. Der Arzneiverordnungsreport listet ein Einsparpotenzial von 6,1 Milliarden Euro jährlich auf. Das entspricht etwa einem halben Beitragspunkt für die Krankenkasse. Ein Durchschnittsverdiener mit 3500 Euro brutto monatlich könnte also acht bis neun Euro weniger pro Monat an Krankenkassenbeitrag zahlen, wenn besser gewirtschaftet würde.
Deutschland gilt als Hochpreisland für Arzneien. Im Jahr 2008 haben die gesetzlichen Krankenkassen 29,2 Milliarden Euro für Pillen, Salben und Säfte ausgegeben. Das waren 5,3 Prozent mehr im Jahr zuvor. Sowohl teure Spezialpräparate gegen Krankheiten wie Aids und Krebs lassen die Kosten steigen, aber auch immer neue Mittel gegen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen gelten als Preistreiber.
Unterstützung Der Arzneiverordnungsreport erscheint jährlich seit 25 Jahren. Der Vorsitzende der AOK Schleswig-Holstein, Dieter Paffrath, ist Mitherausgeber.
Grundlage Der Report basiert auf 723 Millionen Verordnungen für Kassenpatienten, ausgestellt von rund 13.500 Ärzten.
Im Mittelpunkt der Kritik stehen die sogenannten Analogpräparate. Das sind Arzneimittel, die als Neuerungen auf den Markt gebracht werden, aber keinen weiteren Nutzen im Vergleich zu herkömmlichen Mitteln bieten. "Besonders eklatant sind die Preisunterschiede beim Cholesterinsenker Inegy", sagt der Herausgeber des Reports Ulrich Schwabe. 100 Tabletten dieser Medizin kosteten 204,66 Euro. Für eine vergleichbare Packung der ebenso wirksamen Simvastatingenerika würden nur 15,46 Euro fällig. Schwabe forderte die Einrichtung einer eigenen Institution, die künftig die Preisverhandlungen für das Gesundheitswesen führen soll.
Einen heftigen Ausgabenschub gab es auch bei den Spezialpräparaten "Die Ausgaben sind in den letzten vier Jahren um 70 Prozent auf sieben Milliarden Euro gestiegen", kritisierte der Chef der KV-Nordrhein, Leonhard Hansen. Seit der Gesundheitsreform 2008 könnten nach einer Kosten-Nutzen-Bewertung eigentlich Höchstpreise für diese Mittel festgelegt werden. Eine Umsetzung werde aber blockiert. Für die Pharmaindustrie wäre sie unattraktiv. Kritisch bewertet der Ärztefunktionär auch das übliche Vorgehen der Arzneimittelhersteller, Ärzte für "Anwendungsstudien" zu bezahlen.
Dies seien "Fangprämien", um Medikamente auf dem Markt einzuführen. Zugleich fordert Hansen, dass die Regeln für die Verschreibung von Arzneien in Kliniken und Praxen angepasst werden. Niedergelassene geraten in Gewissenskonflikte, wenn Patienten mit einer teuren Medikation aus dem Krankenhaus entlassen werden und der Hausarzt günstigere Arzneien verschreiben muss. Hansen meinte auch, es sollten nicht mehr als fünf Präparate gleichzeitig verschrieben werden.
In Deutschland würden für neue Arzneien "Mondpreise" gezahlt, beklagte AOK-Chef Herbert Reichelt. Als Beispiel für außerordentliche Medikamentenpreise nennt der Arzneiverordnungsreport die neue Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs für junge Frauen. Sie kostet hierzulande 477 Euro. In den USA ist sie für 247 Euro und in der Schweiz nach Verhandlungen der Kantone mit dem Hersteller für 314 Euro zu haben.
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Apothekerverband kritisierten den Report. Er mache sich nicht die Mühe, tatsächlichen Fortschritt auch zu benennen, erklärte der BPI. Kommentar
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