NYSE wird NYX: Wall Street geht an die Börse
VON WALTER PFAEFFLE - zuletzt aktualisiert: 08.03.2006 - 14:04New York (RP). Am Mittwoch kommen die ersten Aktien der New York Stock Exchange in den Handel. Börsenchef Thain hat den Ruf des weltgrößten Handelsplatzes wiederhergestellt und die elektronische Revolution eingeleitet.
John Thain ist ein schüchtern dreinblickender hagerer Mann. Niemand würde hinter dem knapp Fünfzigjährigen einen Aufräumer vermuten. Doch der Schein trügt. Der ehemalige Präsident der Wall-Street-Bank Goldman Sachs steht seit 2004 an der Spitze der New York Stock Exchange. Für die ist heute ein historisches Datum: Unter dem Symbol „NYX“ gehen die ersten Akien der New York Stock Exchange (Nyse) in den Handel.
Aufzuräumen gab es seit den Tagen von Thains Vorgänger Richard Grasso viel. Der musste 2003 wegen eines Gehaltsskandals und der Vetternwirtschaft im Aufsichtsrat den Hut nehmen. Thain musste den ramponierten Ruf des vor 213 Jahren gegründeten Börsenplatzes wiederherstellen. Verschwunden sind die Insider, die zu Grassos Zeiten den Verwaltungsrat fest unter ihrer Kontrolle und die Börse heimlichtuerisch wie einen Privatklub betrieben hatten.
Die Funktionen des Aufsehers und der Beaufsichtigten hat Thain getrennt, die hohen Gehälter und Nebenleistungen, die Grassos Schicksal besiegelten zurückgefahren. Heute ist der „Big Board“ so transparent wie die gelisteten Publikumsgesellschaften. Thain: „Wir veröffentlichen einen Geschäftsbericht, der sich an der Offenlegungspflicht börsennotierter Unternehmen orientiert.“
In kurzer Zeit hat der Harvard-Absolvent viele neue Regeln geschaffen, die Unternehmen beachten müssen, wenn sie an der Nyse gelistet sein wollen. Vor allem die Corporate Governance hat sich verbessert, also die Frage nach der Rolle und Kompetenzverteilung bei den Unternehmen. Die Nyse schreibt vor, dass die unabhängigen Mitglieder im Aufsichtsrat die Mehrheit haben müssen. Und die Sitzungen des Aufsichtsrates müssen von denen des Vorstands getrennt stattfinden.
Thains zweites wichtiges Anliegen ist der Anschluss an das elektronische Börsenzeitalter, den Europas Märkte längst vollzogen haben. Am Montag hat die US-Börsenaufsicht die Übernahme der elektronischen Handelsplattform Archipelago genehmigt. Die Umstellung ließ sich nicht vermeiden. Denn immer mehr Großinvestoren wandern zu den elektronischen Börsen wie der Nasdaq ab. Dort sind die Gebühren niedriger, und Transaktionen werden in Sekundenbruchteilen vollzogen.
Die Revolution hat eine Schattenseite. Thain hat zwar versprochen, keine der mehr als 3000 Stellen zu streichen. Das nimmt ihm aber kaum jemand ab. Auf dem Parkett herrscht seit Monaten Unsicherheit. Viele bangen um ihre Jobs. Ein höherer Automationsgrad könnte dazu führen, dass selbst bei steigendem Handelsvolumen weniger Parketthändler gebraucht werden.
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