Tarifstreit im öffentlichen Dienst: Warnstreiks: Hunderte Flüge gestrichen
zuletzt aktualisiert: 05.03.2008 - 12:27Düsseldorf (RPO). Mehr als 300 Flüge wurden gestrichen, tausende Reisende stecken fest. Die Warnstreiks im öffentlichen Dienst haben am Mittwoch die deutschen Flughäfen und den Nahverkehr in NRW lahmgelegt. An den Arbeitsniederlegungen beteiligten sich 90 Prozent der Beschäftigten, hieß es bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.
Im Tagesverlauf sollten die Streiks auf weitere Bereiche ausgeweitet werden. Verdi droht für die nächste Woche sogar mit einer Ausweitung der Streiks. "Entweder die öffentlichen Arbeitgeber legen ein Angebot mit deutlicher Lohnerhöhung und ohne Arbeitszeitverlängerung vor, oder wir zeigen denen unsere Kraft", sagte Verdi-Chef Frank Bsirske am Mittwoch bei einer Kundgebung auf dem Frankfurter Flughafen.
Allein am größten deutschen Flughafen Frankfurt am Main fielen am Morgen rund 100 Inlandsflüge aus, wie ein Unternehmenssprecher sagte. Die Lufthansa strich 300 der 1200 innerdeutschen Tagesflüge. "Die meisten der betroffenen 18.500 Passagiere konnten auf spätere Flüge umgebucht werden, der Interkontinentalverkehr war nicht betroffen", sagte ein Lufthansa-Sprecher in Berlin. Bei Air Berlin fielen nach Unternehmensangaben rund 30 Flüge aus. Von den Ausständen ausgenommen waren laut Verdi die Berliner Flughäfen, Leipzig-Halle oder Erfurt.
Die Arbeit ruhte auch erneut im öffentlichen Nahverkehr, in Kliniken, Kitas, Stadtreinigungsbetrieben oder Behörden. Allein in Nordrhein-Westfalen waren insgesamt 67.000 Beschäftigte von Bund und Kommunen zu Warnstreiks aufgerufen.
Zahlreiche Flüge gestrichen
Am Düsseldorfer Flughafen wurden nach Angaben eines Sprechers von 118 geplanten Flügen in der Zeit zwischen sechs und neun Uhr 51 Flüge annulliert. Bei den übrigen Flügen sei es zu Verspätungen gekommen. Von der Streikaktion sei vor allem die Gepäckabfertigung betroffen gewesen. Bis 9 Uhr traten den Angaben zufolge am Düsseldorfer Flughafen rund 200 Mitarbeiter in den Warnstreik. Im Laufe des Tages könne es zu weiteren Behinderungen kommen.
Am Köln/Bonner Flughafen wurden laut einem Sprecher vorsorglich elf Flüge annulliert. Die betroffenen Verbindungen seien wegen der angekündigten Warnstreiks bereits am Dienstag gestrichen worden.
Die Flughafenfeuerwehr hat am Mittwochmorgen auch den Verkehr am Airport in Hamburg komplett lahm gelegt. Zwischen 6 Uhr und 9 Uhr seien etwa 39 Abflüge und 30 Ankünfte gestrichen worden, sagte eine Flughafen-Sprecherin. Davon waren schätzungsweise 6000 Passagiere betroffen. Die ankommenden Flüge seien nach Bremen und Berlin umgeleitet worden. Vermutlich werde es noch einige Zeit dauern, bis sich der Flugverkehr normalisiert habe.
Auch auf dem Münchner Flughafen kam es zu starken Behinderungen. Von 462 geplanten Starts und Landungen in der Zeit zwischen 5 Uhr und 12 Uhr seien 100 abgesagt, teilte Flughafensprecher Peter Prümm mit. Es handele sich hauptsächlich um innerdeutsche Lufthansa-Verbindungen.
In Frankfurt legten mehr als 2000 Beschäftigte der Fraport AG laut Verdi für mehrere Stunden die Arbeit nieder. In Stuttgart verlief der Flughafenbetrieb weitgehend normal. Bis zum Morgen seien drei Flüge ausgefallen, sagte eine Sprecherin. Am Nürnberger Flughafen ging Verdi-Sprecher Manfred Weidenfelder von etwa 100 Streikenden aus, unter anderen Haustechniker und Busfahrer. Dort soll vier Stunden lang gestreikt werden.
In Hannover nahmen laut Verdi zwischen 150 und 250 Mitarbeiter unter anderem aus den Bereichen Gepäckabfertigung, Technik und Feuerwehr an der Aktion teil. Die Arbeit sollte für sechs Stunden ruhen. Auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel sollten die Beschäftigten nach Gewerkschaftsangaben zwischen 6 und 9 Uhr in den Ausstand treten.
Warnstreiks im Nahverkehr
In Nordrhein-Westfalen legten mit dem Schichtwechsel um 2 Uhr als erste die Beschäftigten der Kölner Verkehrsbetriebe ihre Arbeit nieder, wie ein Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Düsseldorf mitteilte. Der öffentliche Personennahverkehr in NRW wird nach Einschätzung der Gewerkschaft im Verlauf des Tages fast flächendeckend zum Erliegen kommen. Außerdem sollten unter anderem Kindertagesstätten, Krankenhäuser, die Müllabfuhr, Sparkassen, Altenpflegeeinrichtungen, Theater und Stadtverwaltungen bestreikt werden.
Der Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) hat am Morgen den öffentlichen Nahverkehr weitgehend lahmgelegt. U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen blieben in den Depots. Die S-Bahnen fuhren oft verspätet und waren völlig überfüllt. Viele Menschen stiegen auf das Auto um, doch das Schneewetter sorgte auch auf den Straßen für Behinderungen. "Es herrscht Chaos", sagte ein Sprecher der Verkehrslenkung Berlin (VLB) auf ddp-Anfrage. Den Angaben zufolge kam es zu zahlreichen kleineren Unfällen, die Fahrzeuge bewegten sich im "Schneckentempo" vorwärts.
Verdi droht mit weiteren Streiks
Die Entscheidung über weitere Streiks werde relativ schnell fallen, warnte Bsirske am Mittwoch in Frankfurt. Er könne nur hoffen, dass das Signal aus den Kindergärten, Verwaltungen und von den Flughäfen bei den Arbeitgebern ankomme. "Wir haben jedes Jahr weniger im Portemonnaie. Damit ist jetzt Schluss!" Bsirske kritisierte, das Angebot der Arbeitgeber gleiche effektiv nicht einmal die Inflationsrate aus. Diese spekulierten offenbar auf eine Schlichtung.
Am Donnerstag findet in Potsdam die fünfte und vorerst letzte Verhandlungsrunde im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes von Bund und Kommunen statt. Verdi und andere Gewerkschaften verlangen für die 1,3 Millionen Beschäftigten des Bundes und der Kommunen eine Lohnerhöhung um acht Prozent, wenigstens aber 200 Euro mehr im Monat. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll ein Jahr betragen. Die Arbeitgeber bieten ein Plus von fünf Prozent für zwei Jahre. Gleichzeitig soll die Arbeitszeit im Westen von 38,5 Wochenstunden auf 40 Stunden und damit auf Ost-Niveau steigen.
Die Warnstreiks sind bei Städten und Kommunen auf scharfe Kritik gestoßen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, sagte der "Bild"-Zeitung: "Flughäfen lahm zu legen ist völlig unverhältnismäßig und gefährdet den Standort Deutschland." Man werde künftig die Frage stellen müssen, wo die Verhältnismäßigkeit von Warnstreiks endet. Er halte angesichts der umfassenden Streikaktionen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der starren Verhandlungshaltung ein neues Angebot der Arbeitgeber vor der letzten Verhandlungsrunde ab Donnerstag für ausgeschlossen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
