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Unternehmen schließt 200 Filialen
Was der Kurswechsel bei der Deutschen Bank bedeutet

Was der Kurswechsel bei der Deutschen Bank für Folgen hat
Anshu Jain und Jürgen Fitschen haben sich zu gravierenden Einschnitten bei der Deutschen Bank durchgerungen. FOTO: dpa, brx kno vfd
Frankfurt. Die Deutsche Bank baut mit radikalen Schritten um. Die Postbank wird abgestoßen, am Montag gab das Unternehmen bekannt, bis zu 200 Filialen schließen zu wollen. Der Kurswechsel hat unmittelbare Folgen für Kunden, Arbeitnehmer und das Unternehmen. Von Michael Braun und Antje Höning

Das haben die beiden Chefs der Deutschen Bank geschickt gemacht: Zwei Tage nachdem der Aufsichtsrat die Abspaltung der Postbank beschlossen hat, legen Anshu Jain und Jürgen Fitschen Zahlen für das erste Quartal vor, die ihren Strategieschwenk untermauern. Das Privatkundengeschäft (einschließlich Postbank) machte nur einen Gewinn von 536 Millionen Euro vor Steuern. Das Investmentbanking lieferte dagegen satte 643 Millionen ab. Und das, obwohl diese Sparte die Kosten für die jüngste Milliardenstrafe im Skandal um manipulierte Zinssätze zu tragen hatte. Insgesamt machte die Bank einen Gewinn vor Steuern von 1,48 Milliarden Euro, wie sie am Sonntag mitteilte.

Was liegt näher, so die Botschaft, als das Privatkundengeschäft zu stutzen? Genau das hat der Aufsichtsrat am Freitag beschlossen. Danach will die Deutsche Bank sich von der Postbank trennen und ihren Anteil von rund 95 auf unter 50 Prozent reduzieren. Erst vor sieben Jahren war die Deutsche Bank bei der Postbank eingestiegen.

Warum die Rolle rückwärts? Deutschlands größtem Geldhaus ist es seit der Finanzkrise 2007 nicht gelungen, seine Gewinne zu stabilisieren. Eigentlich will die Bank mit ihrem Kapital zwölf Prozent nach Steuern verdienen, 2014 waren es gerade mal 2,7 Prozent. Die Kosten für Rechtsstreitigkeiten werden immer größer, die Minizinsen verderben die Geschäfte und schärfere Auflagen der staatlichen Aufseher belasten die Bank. Als Folge der Lehman-Pleite 2008 hatte die Politik festgelegt, dass Banken sich höhere Kapital-Polster zulegen müssen.

Warum verkauft die Deutsche Bank die Postbank? Durch die Reduzierung ihres Anteils muss die Deutsche Bank die Postbank nicht mehr in ihre eigene Bilanz aufnehmen. Damit muss sie für diese auch kein haftendes Eigenkapital mehr bereitstellen. Zudem hat die Postbank die Rendite-Erwartungen nicht recht erfüllt. Ohne Postbank sinkt die Bilanzsumme des Privatkundengeschäfts bei der Deutschen Bank um rund 60 Prozent. Es gehen aber nur 30 Prozent der Erträge weg.

Was sind die Vorteile? Mit Spannung wird heute die Öffnung der Börsen erwartet. Analysten dürften das Ergebnis befürworten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war die Postbank für die Deutsche Bank eher zum Ballast geworden. Sie hat einen hohen Bestand an Spargeldern von acht Milliarden Euro, die sie nicht als Kredite weiterverkaufen konnte. Sie musste sie vielmehr zu Negativzinsen bei der Europäischen Zentralbank anlegen. "Eine Postbank ist nicht so aufgestellt, dass sie eine Deutsche Bank im Privatkundengeschäft weiterbringt", sagt Stefan Bongardt, Analyst von Independent Research. Die Eigenkapitalrendite lag bei der Postbank 2014 nur bei vier Prozent. Im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank wurden sechs Prozent erreicht.

Was sind die Nachteile? Durch die Trennung von der langweilig-soliden Postbank wird nun das Geschäft der Deutschen Bank wieder riskanter. Klaus Nieding von der Aktionärsschützervereinigung DSW kritisierte, mit seiner Entscheidung handele der Bank-Vorstand um An-shu Jain und Jürgen Fitschen gegen die Lehren aus der Finanzmarktkrise. In der Krise hätten die Spareinlagen der Postbank geholfen, die Risiken abzufedern.

Wer könnte die Postbank kaufen? Die Deutsche Bank kann ihre Anteile nun Stück für Stück über die Börse abgeben (etwa an Investmentfonds und Pensionskassen). Sie kann sie aber auch en bloc an eine andere Bank verkaufen. Als mögliche Interessenten werden die Commerzbank, die Hypovereinsbank, die spanische Santander und die französische BNP Paribas gehandelt. Die Commerzbank könnte so zum deutschen Marktführer werden, hat aber eigentlich genug eigene Probleme. BNP und Santander könnten zum großen Spieler im deutschen Privatkunden-Geschäft werden. Bisher sind sie hier eher in Nischen tätig.

Was wird aus den Postbank-Filialen? Sie werden weitgehend bestehen bleiben. Die Postbank bietet ihre Finanzdienstleistungen derzeit in 1100 Finanzcentern und 4500 Partner-Filialen der Deutschen Post an. Fast alle großen Post-Filialen, in denen die Bank untergebracht ist, gehören ohnehin der Postbank.

Müssen sich Postbank-Kunden auf neue Kontonummern einstellen? Nein, für Kunden der Postbank ändert sich erstmal nichts. Die Postbank ist ein eigenständiges Unternehmen mit eigenen Bankleitzahlen. Dabei ist es egal, wer ihr Eigentümer ist, solange er die Postbank als eigenständiges Unternehmen erhält. Damit bleiben auch die Bankverbindungs-Daten der Postbank-Kunden (Iban und Bic) bestehen. Gleiches gilt für die Zugangsdaten zum Online-Banking.

Was bedeutet die Entscheidung für die Arbeitnehmer? Für die 14.800 Beschäftigten der Postbank war es eine Hängepartie - zumal auch die Tarifverhandlungen stocken und nun gestreikt wird. Nach der Entscheidung des Aufsichtsrates erklärte Verdi-Chef Frank Bsirske, man werde für eine Verlängerung des Kündigungsschutzes kämpfen. Er sagte aber auch: "Der Postbank wird mit dem Börsengang zugleich eine neue Wachstumsperspektive erschlossen." Bsirske sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und hat dem Strategie-Wechsel am Ende zugestimmt. Die Gewerkschaft ist froh, dass es nicht noch schlimmer kommt. Bei einer "großen Lösung", also der kompletten Trennung vom Privatkundengeschäft, wären womöglich viele Arbeitsplätze bedroht gewesen.

Was wird aus dem Filialgeschäft der Deutschen Bank? Das bleibt. Die Co-Chefs Jain und Fitschen hatten in einem monatelang dauernden Strategieprozess zwar auch diskutieren lassen, ob die Deutsche Bank komplett aus dem Filialgeschäft aussteigt. Doch das haben sie am Ende wegen zu großer Risiken verworfen. "Der Vorstand der Deutschen Bank hält am Modell einer Universalbank mit starkem Heimatmarkt in Deutschland fest", lobte am Wochenende die Gewerkschaft Verdi. Damit bleibt das Filialgeschäft der blauen Bank grundsätzlich bestehen, wird aber ebenso Ziel von Einsparungen. Am Montag gab das Institut bekannt, 200 der 700 Filialen schließen zu wollen. So dürfte sich die neue Deutsche Bank noch stärker auf die Vermögensverwaltung für reiche Kunden konzentrieren und noch mehr als bisher auf das Investmentbanking setzen.

Quelle: RP
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