Interview mit Arbeitsmarktforscher: Was ist der gerechte Lohn?
VON DAS GESPRÄCH FÜHRTE MAXIMILIAN PLÜCK - zuletzt aktualisiert: 24.08.2009 - 13:05Düsseldorf (RPO). Der Arbeitsmarktforscher Hagen Lesch hat für das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln eine Studie zum gerechten Lohn erarbeitet. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der Forscher, welche Folgen eine ungerechte Bezahlung hat und warum ein flächendeckender Mindestlohn gefährlich sein kann.
Herr Lesch, verdienen Sie beim IW genug Geld?
Hagen Lesch (lacht) Ja, ich empfinde meinen Lohn als gerecht. Ich habe ein Festeinkommen, das meinen Grundbedarf abdeckt, und einen variablen Anteil, der besondere Leistungen entlohnt. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden.
Wie könnte man den gerechten Lohn definieren?
Lesch Er bestimmt sich in Abhängigkeit von der Leistung des Einzelnen. Wer hohen Belastungen ausgesetzt wird und hohe Leistungen erbringt, der muss auch einen entsprechend hohen Lohn erhalten. Außerdem gibt es noch eine zweite Komponente: Der Lohn muss so hoch sein, dass er dem Arbeitnehmer ein bedarfsgerechtes Leben ermöglicht.
Welche Auswirkungen hat eine ungerechte Entlohnung auf die Arbeitsleistung?
Lesch Das ist eine ganz wichtige Frage in der Ökonomie, die leider all zu häufig vernachlässigt wird. Ein ungerechter Lohn führt oft dazu, dass der Betroffene nur noch Dienst nach Vorschrift macht, öfter krank wird, seine Arbeitsleistung reduziert oder Kollegen wichtige Informationen vorenthält. Da der Arbeitgeber in der Regel nicht genau nachvollziehen kann, ob der Mitarbeiter seine Leistung senkt, kann ein drastischer Schaden entstehen. Der Unternehmer hat also ein Interesse, gerecht zu zahlen. Nicht aus reiner Menschenliebe, sondern aus handfesten betriebswirtschaftlichen Überlegungen.
Gibt es Schätzungen, wie hoch der gesamtwirtschaftliche Schaden durch ungerechte Entlohnung in Deutschland ist?
Lesch Das lässt sich nur schwer sagen, weil wir nicht wissen, welchen Anteil die verminderte Arbeitsleistung am Output hat. Studien haben aber gezeigt, dass Menschen in Deutschland mit ihrem Lohn häufiger zufrieden als unzufrieden sind: zwei Drittel fühlen sich gerecht entlohnt.
Sie haben in ihrer Studie den Niedriglohnsektor näher untersucht. Wie hat sich dieser in den vergangenen Jahren entwickelt?
Lesch Entgegen vieler Klagen, dass die Armut in der Bevölkerung größer wird, hat sich der Niedriglohnsektor in den letzten Jahren relativ stabil entwickelt. Laut Definition zählt jeder dazu, der weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens verdient. Das trifft etwa auf jeden Fünften zu. Konkret verdienen 20,6 Prozent der Beschäftigten in Deutschland weniger als 8,91 Euro pro Stunde.
Warum ist ein Mindestlohn nicht per se ein gerechter Lohn?
Lesch Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass für Geringverdiener der individuelle Lohn weniger wichtig fürs Gerechtigkeitsempfinden ist. Viel mehr spielt das zusammengerechnete Einkommen aller Mitglieder eines Haushaltes eine zentrale Rolle. Also kann ein Lohn, der niedriger als die von Gewerkschaften geforderten 7,50 Euro pro Stunde ausfällt, durchaus vom Individuum als gerecht empfunden werden.
Welche Gefahren gehen Ihrer Ansicht nach vom Mindestlohn aus?
Lesch Da gibt es mehrere Punkte: Zum einen nimmt die Lohndifferenzierung ab. Das heißt: Schlechter ausgebildete Beschäftigte bekommen genauso viel wie ihre besser qualifizierten Kollegen. Damit zerstört man Qualifizierungsanreize. Gibt es einen Mindestlohn, der unabhängig von der Leistung und den mitgebrachten Voraussetzungen gezahlt wird, überlegt sich der Arbeitnehmer sehr genau, ob sich die Fortbildung lohnt.
Und weiter?
Lesch Es kann aber auch der Fall eintreten, dass sich alle Nicht-Mindestlohnbezieher ungerecht behandelt fühlen und die Stauchung der Lohnstruktur am unteren Ende nicht akzeptieren. Diese Gruppe wird dann versuchen, höhere Löhne durchzusetzen. Gelingt dies, würden die Löhne insgesamt ansteigen.
Wäre das so schlimm?
Lesch Ja, denn dadurch würden die Personalkosten der Unternehmen deutlich steigen. Sollten sie deshalb gezwungen sein, Mitarbeiter zu entlassen, würde es tendenziell zuerst die schlechter Qualifizierten treffen, sprich die Mindestlohnempfänger.
Was halten Sie von der derzeit geführten Debatte über Mindestlöhne?
Lesch Mich stört, dass sich die Gerechtigkeits-Diskussion nur um die Mindestlohnbegünstigten dreht. Die anderen Arbeitnehmergruppen werden dabei völlig ausgeblendet. Letztlich löst man doch nur eine Neid-Debatte aus, ohne das Problem der Lohngerechtigkeit zu lösen.
Das Gespräch führte Maximilian Plück.
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