Die Wirtschaftskrise greift um sich: Welche Branche kippt als nächste?
zuletzt aktualisiert: 20.11.2008 - 17:07Frankfurt/Main (RPO). Weltweit reißt der Strudel der Finanzkrise die Wirtschaft in die Rezession. Die Exportnation Deutschland trifft es besonders hart. Zu Beginn der Krise taumelten Banken und Finanzinstitute, dann die Autobauer. Am Mittwoch folgte die erste Schreckensmeldung aus der erfolgsverwöhnten Chemiebranche. Andere Branchen werden folgen. Ein Überblick.
Der Ölpreis Die Angst vor einer langen weltweiten Rezession lässt den Ölpreis immer weiter abrutschen. Ein Fass Rohöl kostete am Donnerstag erstmals seit fast zwei Jahren kurzzeitig wieder weniger als 50 Dollar je Fass. Das ist der niedrigste Stand seit Januar 2007. In London war die Nordseeöl Brent sogar für 48,83 Dollar zu haben. Im Juli kostete ein Barrel Öl noch rund 147 Dollar.
Die aktuellen Vorzeichen sind düster: "Der Rückgang der Auslandsnachfrage trifft die deutsche Wirtschaft stärker als andere", sagte der Geschäftsführende Vorstand des Bankenverbandes, Manfred Weber. Er geht nicht von einer raschen Verbesserung der Konjunktur in Deutschland aus. "Derzeit müssen die Risiken einer weiteren Verschlechterung höher eingeschätzt werden als die Chancen einer zügigen Erholung."
Der ifo-Index für das Weltwirtschaftsklima fiel zum fünften Mal in Folge. Nicht nur in Nordeuropa, Westeuropa und Asien hat sich demnach die Stimmung verschlechtert. Auch in Mittel- und Osteuropa, Russland, Lateinamerika und Australien. In den USA seien aber zumindest die Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate nicht mehr ganz so pessimistisch.
Nicht so in Deutschland. Viele Branchen hat es voll erwischt, weitere müssen sich auf schwere Zeiten einstellen. Ein Überblick.
Chemie: Der Chemieriese BSAF senkte am Mittwoch zum zweiten Mal in diesem Jahr seine Gewinnprognose und drosselte wegen sinkender Nachfrage die Produktion. Der größte Chemiekonzern der Welt will rund 80 Anlagen weltweit vorübergehend stilllegen. In gut 100 Anlagen wird die Produktion gedrosselt. Betroffen seien vorwiegend die Betriebe, die für die Abnehmerbranchen Automobil, Bau und Textil produzierten. Die BASF werde im laufenden Jahr das Vorjahresergebnis nicht erreichen, erklärte Vorstandschef Jürgen Hambrecht.
Autozulieferer: Die Mittelständler in der Autobranche sehen für die Geschäftsaussichten schwarz. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Firmen rechnet mit Personalkürzungen, knapp jedes zweite Unternehmen kalkuliert für 2009 Umsatzverluste ein, wie aus einer Befragung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) hervorgeht. Drei von vier Befragten berichteten über Auftragsrückgänge, und zwei von drei Betrieben hätten ihre Geschäftsprognosen für 2009 gesenkt.
Stahlindustrie: Vieles spricht dafür, dass der nächste Schock den in den vergangenen Jahren boomenden Stahlbereich treffen wird. Allein durch die Absatzeinbrüche in der Autoindustrie, ist ein Nachfragerückgang zu erwarten. Zudem hat auch der Boom der osteuropäischen und der Schwellenländer gelitten. Die Auftragslage sei katastrophal, verlautet es aus der Branche. Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, sieht jedoch keinen Grund schwarz zu sehen. Die Unternehmen seien für konjunturelle Eintrübungen gut gerüstet.
Maschinenbau: Im kommenden Jahr wird die Fertigung in der mittelständisch geprägten Industrie erstmals seit 2003 schrumpfen, meldet Deutsche Bank Research. Eine Umfrage in der Metall- und Elektroindustrie unter 450 Firmen ergab: 75 Prozent klagen über Auftragsschwund, 25 Prozent erhalten Kredite nur noch zu schlechteren Konditionen oder gar nicht mehr. „Die Banken lassen uns am kleinen Finger verhungern“, klagte ein Unternehmenschef jüngst in kleiner Runde – ein Hinweis darauf, dass eine Bürgschaft nicht unerwünscht wäre.
Textil und Bekleidung: Tausende Arbeitsplätze am einst textilstarken Niederrhein sind weggefallen. Wer geblieben ist, versucht es oft mit Spezialisierung und Premium-Orientierung. Die Rezession trifft nun auch die Besten. Laut Deutsche Bank sinkt die Produktion im Bekleidungsgewerbe 2009 um 18 Prozent. „Die Textilwirtschaft hätte natürlich Argumente für den Ruf nach Staatshilfe”, sagt Ökonom Hamm.
Luftfahrt: Auch hier sind die Auswirkungen spürbar. Airbus-Chef Thomas Enders fordert einen Luftfahrt-Finanzfonds von 60 Millionen Euro, um den „Strukturwandel“ bei den Zulieferern, also den Arbeitsplatzabbau, besser zu bewältigen. Weltweit werden Streckennetze ausgedünnt. Die Airlines lehnen Staatshilfen zwar ab, wittern aber die Chance, zusätzliche Auflagen durch den ab 2013 geplanten EU-Emissionshandel für Flugzeuge zu verhindern: „Wir wollen keine Subventionen, wir wollen aber auch keine neuen Belastungen”, sagte ein Sprecher von Air Berlin unserer Redaktion.
Handwerk Die Beschäftigung ist stabil, doch sind die Betriebe von der Krise in Schlüsselbranchen wie Maschinen- und Autobau betroffen. Handwerks-Präsident Otto Kentzler hat daher Verständnis für Staatshilfen an Opel: „Es geht hier um viele Arbeitsplätze, nicht nur in der Industrie, auch im Zulieferhandwerk und im Kraftfahrzeuggewerbe.“ Hilfen in Form von Bürgschaften seien daher angebracht, „sofern keine Steuergelder im Ausland verschwinden“. Zudem dürfe es in der Krise „nicht nach dem Motto gehen, dass bei den Großen der Kanzler kommt, beim Handwerk der Konkursrichter“. Daher sei das verabschiedete Konjunkturpaket richtig. Ob die darin enthaltene Verdoppelung des Handwerks-Steuerbonus ausreiche, mehr Aufträge aus der Schwarzarbeit zu holen, „muss sich zeigen“.
Baugewerbe: Vergleichsweise robust zeigt sich das Baugewerbe. Nur jeder vierte Mittelständler erwartet hier eine schwächere Entwicklung im Jahr 2009. Auftragsrückgänge melden erst 15 Prozent der befragten Bauunternehmen.
Werbebranche: Die Firmen drosseln ihre Ausgaben. Wie der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) in Berlin erklärte, dürfte der Werbeaufwand im laufenden Jahr 30,79 Milliarden Euro erreichen, was einem schmalen Wachstum von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspreche und sich hart an der Grenze zur Stagnation bewege. Für das kommende Jahr erwartet der ZAW einen Rückgang der Investitionen in Werbung von ein bis zwei Prozent.
Ebenfalls in den Abwärtsstrudel sind auch Hotels und Restaurants geraten. Dagegen hält sich der Einzelhandel wacker. Kaufhäuser hoffen auf ein Weihnachtsgeschäft auf Vorjahresniveau.
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