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Immer mehr "Aufstocker": Wenn Juristen Hartz IV brauchen

VON MAXIMILIAN PLÜCK - zuletzt aktualisiert: 18.03.2009 - 07:00

Düsseldorf (RP). Die Anwaltsflut hat die wirtschaftliche Situation vieler Juristen verschärft: Dumping-Preise führen teilweise dazu, dass manche Anwälte von ihrem Honorar nicht mehr leben können und auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

In welcher Form eine Weiterbildung Sinn macht, besprechen die Frauen mit den Sozialarbeitern. Letztendlich entscheiden die Mitarbeiter der Arge, welche Maßnahme bewilligt wird.  Foto: AP, AP
In welcher Form eine Weiterbildung Sinn macht, besprechen die Frauen mit den Sozialarbeitern. Letztendlich entscheiden die Mitarbeiter der Arge, welche Maßnahme bewilligt wird. Foto: AP, AP

Dass er einmal als Bittsteller bei der Arbeitsagentur sitzen würde, hätte Bernd Strowel (Name geändert) sich niemals träumen lassen. Das Jurastudium sollte doch eigentlich seine Eintrittskarte zu einer bürgerlichen Karriere sein. Doch der Tag, an dem der Jurist Hartz IV beantragen musste, hat sich eingebrannt. "Ich hatte richtig Angst um meine Existenz", erinnert sich der 31-Jährige. Und so wurde Strowel zu einem der vielen "Aufstocker" – Menschen, deren Gehalt nicht reicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und die daher Hilfe vom Staat brauchen.

Strowel, der in seinem Elternhaus nie Not erlebt hatte, begann, sein Leben komplett umzustellen. Denn von nun an hatte er inklusive Hilfe nur 800 Euro im Monat zum Leben. Für Lebensmittel konnte er gerade einmal 30 Euro pro Woche ausgeben. Nicht nur die Einkäufe fielen spartanischer aus: Kneipengänge mit den Freunden wurden komplett gestrichen. "Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich regelmäßig am Karate-Training teilgenommen", erinnert er sich. Die 50 Euro Vereinsbeitrag wurden allerdings zur Belastung. Das Training hängte er vorerst an den Nagel. Strowel ist kein Einzelfall. Denn die Flut der Jura-Absolventen hat den Wettbewerb in der Branche dramatisch verschärft. 150  375 Rechtsanwälte zählte die Bundesanwaltskammer Anfang März in Deutschland, elf Mal so viel wie 1950. Vor allem in Metropolen knubbelt es sich: Fast zwei Drittel der Juristen praktizieren in nur acht Kammerregionen um Ballungszentren herum.

"Und die Schere geht derzeit weiter auseinander", sagt Susanne Offermann-Burckart, Sprecherin der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf: "Natürlich gibt es viele Rechtsanwälte, die sich hervorragend am Markt behaupten – auch viele exzellente Junganwälte." Allerdings gebe es auch genug, die überhaupt nicht ins Geschäft kämen. "Der Honorar-Kuchen ist nicht unbegrenzt vergrößerbar", sagt sie. Ohne Nebenjobs oder eben staatliche Hilfe könnten viele nicht leben. Mit der Anwaltsflut steigt die Gefahr, dass vor allem Anfänger ihre Dienstleistung unter Wert verkaufen. Nach Ansicht von Christian Christiani, Geschäftsführer des Anwaltsvereins Berlin, sind Dumpingpreise vor allem bei der Beratung denkbar. Während die Gebührenordnung für alle Bereiche, in denen der Anwalt seinen Klienten nach außen vertritt, Untergrenzen vorschreibt, dürfen Juristen außergerichtliche Beratung auch mit drastischen Preisnachlässen anbieten.

Und selbst die Honorarordnung schützt nach Ansicht von Helmut Rudolph vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor Armut nicht. "Wer nur wenige Aufträge im Monat bekommt, vielleicht nur zwei Geschwindigkeitsübertretungen, dem droht auch der Absturz." Zwar gibt es keine amtliche Übersicht über die Zahl aufstockender Anwälte, aber auch Rudolph kennt welche.

Insgesamt sind 109 259 Selbstständige und Freiberufler in Deutschland auf staatliche Fürsorge angewiesen, so die Bundesagentur für Arbeit. Vor zwei Jahren waren es nur halb so viele. Bezogen auf den Anteil der Anwälte an den Selbstständigen könnten bis zu 10 000 Rechtsberater zu den Aufstockern zählen.

Strowel ist froh, dass er die "fiese Zeit", wie er sie nennt, inzwischen durchgestanden hat. Abwägungen zwischen dem Geld für den Internetzugang oder doch lieber für einen Sportkursus liegen hinter ihm. Er hat nach einem qualvollen Jahr einen neuen Job: Der Jurist ist jetzt Berater bei der Arbeitsagentur.

Quelle: RP

 
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