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Crowdfunding
Wer Visionen hat, sollte ins Netz gehen

Crowdfunding: Wer Visionen hat, sollte ins Netz gehen
Geld ODER Liebe? – eben nicht, im Gegenteil: Nur für Ideen, die berühren und überzeugen, kommt bei kickstarter.com auch genügend Geld zusammen. Wenn sich die Erfinder nicht allzu sehr verkalkuliert haben, steht am Ende ein fertiges "gemeinsames" Produkt. FOTO: Phil Ninh
Düsseldorf. Ob für Videospiele oder Wege zum Weltfrieden: Bei kickstarter.com bitten Existenzgründer Fremde um Geld. Wir zeigen, womit Rheinländer dort Erfolg hatten – und womit nicht. Von Tobias Jochheim

Wer eine Vision hat, solle zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt bekanntlich einmal gebrummt. Für alle, denen ihre Visionen ungelegen kommen, ein zeitlos guter Tipp. Wer sie allerdings Wirklichkeit werden lassen will, egal wie viele Kreditgeber abwinken, sollte nicht zum Arzt gehen, sondern ins Netz.

Schließlich finden sich dort dutzende "Crowdfunding"-Plattformen, die Erfinder direkt mit potenziellen Unterstützern zusammenbringen: 100Fans.de richtet sich an Buchautoren, sciencestarter.de an Wissenschaftler, erzeugerwelt.de an Bauern. Bei "Lego Ideas" können Fans darüber abstimmen, welche Bau-Ideen aus ihren Reihen bald im Laden stehen sollen. Andere Seiten sind nach Orten aufgeteilt: Nicht nur für Hamburg und Berlin, auch für Kassel, Südbaden und Bau Nauheim gibt es eigene Websites (erschöpfende Übersicht hier). Die bekannteste und größte, international erfolgreichste ist www.kickstarter.com.

Seit 2009 haben dort Privatleute aus aller Welt 2,2 Milliarden US-Dollar gestiftet beziehungsweise investiert, vor einigen Wochen wurde das 100.000. erfolgreich finanzierte Projekt gefeiert.

Der Fantasie der Unternehmer sind keine Grenzen gesetzt: Berühmt-berüchtigt ist der Fall des Spaßvogels, der mit 55.000 Dollar überschüttet wurde, um einen Kartoffelsalat zu machen. Manche Projekte sind nur auf den ersten Blick albern: Für einen Film, der stundenlang weiße Wandfarbe beim Trocknen zeigt, hatte der Künstler Charlie Lyne fast 6.000 Pfund (7600 Euro) vom "Schwarm" erhalten. Dahinter steht ein Protest gegen die kostenpflichtige Zwangsabnahme jedes Films durch das "British Board of Film Classification" – durch die Dada-Aktion machte diese fragwürdige Praxis weltweit Schlagzeilen.

48 Ideen aus Düsseldorf, 7 umgesetzt

Viele Ideen bei Kickstarter.com sprechen kleine, aber umso treuere Zielgruppen an, Liebhaber von Comics, Rollenspielen oder technischen Gadgets aller Art. Parallel finden sich immer wieder auch Projekte von Idealisten aus Wissenschaft und Journalismus. Das wohl handfesteste Ergebnis eines Kickstarter-Kampagne ist das genial-einfache, extrem preisgünstige, windbetriebene Landminen-Räumgerät "Kafon" aus Bambus und Plastik, das als eins von vier Kickstarter-Projekten auch vom Museum of Modern Art in New York geadelt worden ist.

Seit gut einem halben Jahr gibt es kickstarter.com auch auf Deutsch. Ein Blick auf Projekte aus dem Rheinland – erfolgreiche wie gescheiterte.

Rund 2.000 Ideen aus ganz Deutschland haben Tüftler insgesamt bislang eingereicht, davon rund 500 aus Berlin, 100 aus Hamburg und 80 aus Köln. Aus Düsseldorf kamen immerhin 48, von denen sieben tatsächlich ihre Zielsumme erreichten. Aus vielen größeren Städten der Region wie etwa Wesel sind überhaupt keine Projekte aufgeführt, aus kleineren schon gar nicht. Die auf der Seite zu findenden Ideen aus der Region aber vermitteln einen recht guten Eindruck davon, was auf Kickstarter funktioniert und was nicht – wobei Letzteres nicht immer auch ein allzu großer Verlust sein muss.

Erfolgreich: Kaffeefilterhalter, Kalender und ein Knopf

Dass es auch anders geht, beweisen mehrere erfolgreiche Kampagnen aus der Region – auch ohne Promi-Bonus wie bei der Düsseldorfer Sängerin Doro Pesch ("Queen of Metal"), die den Dreh eines Musikvideos mit fast 40.000 Euro von 300 Unterstützern finanzierte.

Der Düsseldorfer Schreiner Birger Schneider (22) hat gemeinsam mit seinem Vater die "Ouver Coffee Station" entwickelt. Im Grunde handelt es sich dabei bloß um die Filtertüten-Halterung für Menschen, die ihren Kaffee selbst aufbrühen möchten. Dem handgefertigten Produkt aus Glas, Edelstahl und wahlweise Eschen-, Eichen, Kirsch- oder Walnussholz sieht man allerdings an, dass es am Ende einer Entwicklungsreihe aus sieben Prototypen steht. Rund 200 der Geräte hat Schneider inzwischen versendet, größtenteils ins Ausland, zum fair scheinenden Preis von 59 Euro pro Stück. Sein Architekturstudium betreibt er weiter – plant aber schon die nächsten Produkte rund um Kaffee und Küche, natürlich wieder mit Unterstützung der Kickstarter-Gemeinde.

Der Fotograf Moritz Leick (28) hat mit rund 3.500 Euro von Fremden die Produktion eines Fotokalenders gesichert, in dem er die Mitglieder des schwul-lesbischen Schwimmvereins "Düsseldorf Dolphins" porträtiert. Damit sollten die Kosten für den Druck von 500 Exemplaren gesichert werden. "Die letzte Woche war schon sehr spannend, da noch rund 1.000 Euro fehlten", berichtet Leick. Schließlich wurde das Ziel aber erreicht – auch dank Unterstützern aus der Schweiz und Schweden, denen er pünktlich vor Weihnachten die versprochenen Belohnungen senden konnte. "Ein tolles Erlebnis" nennt Leick die Kampagne, wenn auch mit viel Arbeit und spannenden Wendungen verbunden." Mit Hetze oder Hass musste er sich dabei überhaupt nicht herumschlagen. So weiß Leick auch bereits, dass der Kalender nicht sein letztes Crowdfunding-Projekt ist: "Die Dynamik und Begeisterung, die man damit für seine eigenen Pläne und Ziele entfachen kann, ist einfach inspirierend."

Damian Kaczmarek (29) aus Siegen sieht das ebenso. Er hat den "Sockenkuss" erfunden – winzige Druckknöpfe aus Plastik, die beim Tragen nicht stören, aber Sockenpaare auch nach 10.000 Waschgängen noch sicher zusammenhalten, sodass das lästige Suchen und Sortieren der Vergangenheit angehört. Die Produktion läuft gerade an. Bei Kickstarter hatte er die bewusst relativ niedrige angesetzte Summe von 7.500 Euro einzuwerben und auch geschafft, dass Medien wie WDR und Sat.1 über den Gründer und seine Idee berichteten.

Den Nerv der stark vertretenen Gruppe von Spiele-, Musik- und Filmproduzenten hat ganz offensichtlich das Düsseldorfer Unternehmen "Nob Control" getroffen: Für einen großen, gewollt analog und altmodisch aussehenden Drehknopf auf Mahagoniholz, der die Computermaus ergänzen soll, trugen 441 Unterstützer 65.000 Euro bei. Das Geld ist unterwegs, letzte Detail-Fragen vor der Klärung, die Produktion soll bald anlaufen.

"Die größte Party" und "Das beste Buch aller Zeiten"?

Weniger handfest geht es in Neuss zu: Nicht weniger als 95.000 Dollar einwerben will ein Motivationscoach, der unter anderem an einem einzigen Tag den Mount Everest besteigen will. Zuvor hatte ein internationales Klassik-Quartett die angepeilten 2.000 Dollar für eine Konzertreise nach Neuss nicht zusammenbekommen. Grundsätzlich gilt: Wenn das Zahlungsziel verfehlt wird, bekommen die Fans das auf einer Art Treuhandkonto "geparkte" Geld zurück.

Aus Solingen stammt eine hübsch anzusehende Ladestation für Smartwatches wie die Apple Watch, für deren Produktion 1100 Euro zusammenkamen. Ein Leverkusener hatte in nur einer einzigen Woche mehr als 10.000 Euro für die Produktion eines Science-Fiction-Brettspiels erhalten, bevor er das Projekt im November selbst abbrach. Das hat keinen inhaltlichen Grund; alles scheint extrem gut durchdacht, die Fotos und Videos wirken professionell. Der Kopf dahinter, Chun-Hee Her (42), nennt eine kuriose Begründung: Extrem viele Fans hätten ihm traurig mitgeteilt, dass sie wegen anstehender Weihnachtseinkäufe schlichtweg kein Geld mehr zur Verfügung hätten. Bald will er deshalb eine zweite Kampagne für das Spiel beginnen: noch größer, düsterer, geheimnisvoller.

Aus Krefeld wurden vier Projekte eingereicht, drei davon kamen nicht auch nur in die Nähe einer erfolgreichen Finanzierung. Ein hoffnungsvoller Fantasy-Autor beispielsweise bekam eine Zusage für 49 Euro statt der erhofften 15.000 für seine Buchserie, eine Fahrradmanufaktur erreichte 270 von 100.000 Euro für eine neue Modellreihe. Für "Die größte Party im Ruhrgebiet" fand sich kein einziger Unterstützer. Wenig verwunderlich, finden sich dort doch nur ein pixeliges Symbolfoto irgendeiner Party sowie ein paar so dürre wie schwammige Sätze über das "Team aus Studenten im Alter von 22 bis 26", das es sich "zur Aufgabe gemacht" habe, "die Großraumdiscotheken im Ruhrgebiet wieder mit Leben zu füllen". Das erinnert an die Idee eines 23-Jährigen aus Düsseldorf: Ein Roman über die Radikalisierung eines deutschen Teenagers bietet ja Potenzial, aber als Gegenleistung für 30.000 Euro ohne auch nur eine Leseprobe zu versprechen, "das beste Buch aller Zeiten" abzuliefern, reicht eben nicht. Zumal es mehr als optimistisch ist, zu der extrem herausfordernden Suche nach einem Verlag bloß lässig zu bemerken, man habe ja auch ein wenig Marketing studiert.

Doch auch das Scheitern einer Kickstarter-Kampagne muss nicht zwangsläufig den Tod der Idee bedeuten.

Boxershorts mit Strahlenschutz

Die Kanadierin Allison Zaman beispielsweise hätte sich über finanzielle Unterstützung für ein Blog über ihren Umzug von Calgary nach Kleve gefreut – als Informationsquelle für andere Auswanderer und Heimweh-Therapie. Die Crowd ließ das kalt, umgezogen ist Zaman trotzdem: Seit August 2014 lebt sie in Kleve, lernt Deutsch und bloggt hier.

Die Firma Multiholz aus Tönisvorst konnte von potenziellen Käufern ihres ergonomischen Massivholzschreibtischs mit Multimedia-Anschlüssen Zusagen für ein Drittel der erhofften 85.000 Euro einwerben. Den an der Hochschule Niederrhein ausgebildeten Designer Adrian Geiger (25) hat das nicht entmutigt – im Gegenteil: "Die positive Resonanz, unter anderem aus den USA und Russland, hat uns angespornt." Statt in einer Halle produziert er die ersten Exemplare des Tischs nun kurzerhand in der Garage seiner Eltern. Für das nächste Produkt erneut eine Kickstarter-Kampagne zu starten, kann sich Geiger "gut vorstellen", schließlich winke dort nicht nur finanzielle, sondern auch emotionale Unterstützung. Nicht unterschätzen dürfe man aber den Aufwand für Marketing und andauernde Kommunikation mit den Unterstützern, warnt er.

Die vielleicht skurrilste Geschichte zum Schluss: Gemeinsam mit drei Freunden hatte der Düsseldorfer Unternehmensberater Nick Piepenburg (31) die Idee, Boxershorts auf den Markt zu bringen, die mittels eingewebter Silberfasern die männlichen Geschlechtsorgane vor Handy- und WLAN-Strahlung schützen sollen. Dass ihr Produkt diesen Zweck erfüllt, wies das Quartett wissenschaftlich nach. Ob der unterstellte schädliche Effekt auf die Zeugungsfähigkeit so überhaupt existiert, ist jedoch fraglich – was sie allerdings ebenfalls unmissverständlich transparent machen: "Wir sind keine Radiologen, Physiker oder Krebsforscher und können das tatsächliche Risiko durch Handystrahlung ebenso wenig einschätzen wie jeder andere Handynutzer." Immerhin knapp die Hälfte der angepeilten 25.000 Euro erreichten sie per Crowdfunding trotzdem, doch danach war Schluss und sie fielen auf null zurück. Piepenburg meldet aber, dass er "einen Großteil" der über Kickstarter gewonnenen Interessenten in Kunden verwandeln konnte.

Deshalb gibt es sein Stoff gewordenes Baby namens "Kronjuwelen" für 30 Euro pro Stück heute trotzdem zu kaufen. Und zwar bei dem Unternehmen, das Woche für Woche so viel Umsatz generiert wie kickstarter.com in seiner gesamten Geschichte: Amazon.com.

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