Blick hinter die Kulissen: WestLB: So lief die Rettung wirklich
VON DETLEV HÜWEL UND GEORG WINTERS - zuletzt aktualisiert: 09.02.2008 - 12:10Düsseldorf (RP). In einem nächtlichen Verhandlungsmarathon gelang in Düsseldorf der Durchbruch. Doch längst nicht alle sind zufrieden mit dem Ergebnis. Zur bitteren Gewissheit wurde: Bis zu 1500 Mitarbeiter der angeschlagenen Bank verlieren ihren Job. Ein Blick hinter die Kulissen der WestLB-Rettung.
Vor 48 Stunden schrillten bei Jürgen Rüttgers die Alarmglocken: Die Sparkassenverbände für Rheinland und Westfalen fuhren mit Vollgas auf Crash-Kurs - gegen die Landesregierung. Eine Sanierung der tief im US-Immobilien-Sumpf verstrickten WestLB schien plötzlich in weite Ferne gerückt zu sein. Finanzminister Helmut Linssen (CDU) stelle immer neue Forderungen, auf die man unmöglich eingehen könne, wetterten die beiden Verbände. Doch weiter andauernde Querelen und Querschläge zwischen den Eigentümern (Sparkassenverbände, Land und Landschaftsverbände) waren weder der Bank noch ihren Mitarbeitern zuzumuten, zumal jeder Tag neue Ausfälle bedeuten würde.
Also ließ sich Rüttgers gegen 16 Uhr, vor Beginn der nächsten Runde der Eigentümerversammlung, mit Bundesbankchef Axel Weber verbinden. Er bat den Banker eindringlich, sofort nach Düsseldorf zu kommen, um den Eigentümern den Ernst der Lage vor Augen zu führen. Nach Einschätzung von Beobachtern waren ein Zusammenbruch der WestLB und damit eine schwere nationale Finanzkrise nicht mehr auszuschließen.
Weber handelte sofort. Er verschob seine Reise nach Japan zum Gipfeltreffen der großen Acht (G8), wo das Thema Finanzkrise ebenfalls auf der Agenda steht (dafür hatte sich auch Rüttgers während seines USA-Trips stark gemacht). Zusammen mit dem Chef des Bundesamtes für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Jochen Sanio, stieß Weber am Donnerstag Abend zu den hitzigen Verhandlungen in der Düsseldorfer WestLB. Wie Insider berichten, galt es vor allem, den anhaltenden Widerstand des gewieften Vorsitzenden des westfälischen Sparkassenverbandes, Rolf Gerlach, zu überwinden. Auf der Sitzung soll er die Landesregierung wegen ihrer angeblich immer neuen Forderungen mehrfach massiv attackiert haben.
"Ein schlechter Witz"
In keiner beneidenswerten Position befand sich sein Kollege vom Rheinischen Sparkassenverband, Michael Breuer (CDU). Der frühere Europaminister gilt als enger Vertrauter von Rüttgers, doch die Sparkassen erwarteten von ihm jetzt die Durchsetzung ihrer Interessen. Ein Zusammengehen von WestLB und Sparkassen, wie es die Landesregierung fordere, komme nicht in Frage, hieß es. Außerdem könne es nicht so sein, dass das Land WestLB-Aktien von den Sparkassen übernehme, diese aber voll in der Haftung belassen wolle. Das sei ein schlechter Witz.
Die Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt. Ein Abbruch der Verhandlungen wie bereits am Abend zuvor schien nicht mehr ausgeschlossen - mit unabsehbaren Risiken. Doch dank der Intervention von Weber und Sanio, sowie nicht zuletzt aufgrund des umsichtigen Agierens von Linssen sei im Morgengrauen der Durchbruch erzielt worden, berichten Insider.
Finanzminister Linssen wirkte gestern Vormittag noch ein wenig mitgenommen, als er die Einzelheiten des milliardenschweren Rettungspakets erläuterte. Seine positive Einschätzung mochte der Koalitionspartner indes nicht teilen. FDP-Chef Andreas Pinkwart und der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Gerhard Papke, wirkten ohnehin leicht säuerlich, weil sie die Einigung nur vom Fernseher bzw. Agenturticker her kannten. Niemand hatte offenbar daran gedacht oder es für nötig gehalten, sie vorab zu informieren.
"Braut erst schön machen"
In einer improvisierten Pressekonferenz mochten sich beide deshalb auch nur „vorläufig“ zum Verhandlungsergebnis äußern. Tenor: Es handle sich um Schritte in die richtige Richtung, aber sie müssten jetzt konsequent umgesetzt werden. Immerhin sei ein „Einstieg in eine gute Lösung“ gefunden worden. Die FDP will die Landesanteile an der WestLB verkaufen - je eher desto besser. Linssen dagegen hatte wiederholt betont, er wolle die „Braut“ erst schön machen. „Das hat wohl nicht ganz geklappt“, höhnte die FDP verhalten.
Wenig später trat auch der Ministerpräsident vor die Kameras. Ob er zu lange gezaudert und damit wertvolle Zeit verstreichen habe lassen, wurde er gefragt. Rüttgers kennt diesen Vorwurf von der Opposition. Nein, wehrte er unwirsch ab, schließlich sei die US-Immobilienkrise nicht vorhersehbar gewesen. Dann drehte er den Spieß um: Rot-Grün habe die notwendigen Anpassungen versäumt. Jetzt müsse all das in einem schmerzhaften Prozess nachgeholt werden.
Anders als die FDP, die mit Erleichterung einen Einstieg in die „Vertikalisierung“ (also das Zusammengehen von WestLB und Sparkassen) registriert, nahm Rüttgers dieses Wort nicht in den Mund, sondern sprach von einer „pragmatischen Lösung“, die den Einstieg in ein neues Geschäftsmodell ermögliche. Niemand habe jemals die Privatisierung der Sparkassen gewollt, beteuerte er. Die gefundene Lösung trage dazu bei, dass die WestLB mit der Hessischen Landesbank (Helaba) demnächst „als Partner auf Augenhöhe“ verhandeln könne.
Man merkt, Rüttgers schaut jetzt lieber nach vorn als zurück. Was sich in der voraufgegangenen Nacht im zähen Ringen abgespielt hat, fasste er so zusammen: „Es war die Stunde der Rettung der Bank.“
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