Einsparungen in Milliardenhöhe möglich: Wie unser Gesundheitswesen Geld verschleudert
VON ANTJE HÖNING UND EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 25.09.2010 - 17:04(RP). Die Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse müssten im kommenden Jahr nicht steigen, wenn das Gesundheitssystem besser organisiert wäre, meinen Experten. Nach Schätzungen des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI könnten jährlich 12 Milliarden Euro eingespart werden.
Die Krankenkassen schlagen Alarm. Jährlich müssen sie Milliarden-Beträge verschwenden, weil die Arzt- und Krankenhauslandschaft in Deutschland schlecht organisiert ist. "Die Arzneimittel sind in Deutschland überdurchschnittlich teuer, in vielen Regionen haben wir eine teure und unnötige Überversorgung mit niedergelassenen Fachärzten, und in den Krankenhäusern steht jedes fünfte Bett leer", kritisiert die Chefin des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI schätzt, dass zehn Prozent der Ausgaben der Kassen für die stationäre und ambulante Versorgung sowie für Arzneimittel eingespart werden könnten. Damit könnte der allgemeine Beitragssatz für die Krankenkassen um ein Prozent niedriger liegen. In dem anteilig von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanzierten System geht es für einen Angestellten mit 3000 Euro brutto im Monat also um rund 15 Euro im Monat.
Einsparpotenzial bei den Krankenhäusern
Erhebliches Einsparpotenzial sieht der Chef der AOK Rheinland/Hamburg, Wilfried Jacobs, bei den Krankenhäusern. Allein Nordrhein-Westfalen habe mindestens 10 000 Krankenhaus-Betten zu viel, sagt Jacobs. "Ein nicht belegtes Bett ist für ein Krankenhaus teuer. Da besteht die Gefahr, dass die Betten mit Patienten belegt werden, selbst wenn es die Diagnose nicht erfordert." Jacobs mahnt, es mache keinen Sinn, einzelne Betten abzubauen. Vielmehr müssten ganze Abteilungen oder ganze Kliniken geschlossen werden. Er argumentiert: "Im Umkreis von 100 Kilometer rund um Essen operieren 30 Krankenhäuser die Hüfte. Es wäre besser nur dort die Hüfte zu operieren, wo eine vernünftige Fallzahl zustande kommt." In einzelnen Bereichen sieht Jacobs eine völlige Überversorgung: "Wir haben in Köln so viele Kernspintomographen wie in ganz Italien."
Die Klagen der Krankenkassen decken sich mit den Analysen der Wissenschaftler. "Das Angebot schafft sich seine Nachfrage, Geräte wollen ausgelastet werden. Doppeluntersuchungen sind die Folge", sagt Boris Augurzky vom RWI. Das Problem der hohen Kosten sieht er nicht in überteuerten Preisen, sondern in einem übersättigten Markt. "Die Preise für Krankenhausleistugen sind im internationalen Vergleich nicht zu hoch, aber die deutschen Kliniken behandeln sehr viel." Wenn die Kliniken zehn Prozent weniger Patienten hätten, ließen sich rund vier Milliarden Euro einsparen. In Branchenkreisen wird unter der Hand durchaus eingeräumt, dass sich allein im Krankenhaussektor acht bis zehn Prozent der Kosten einsparen ließen. Die großen regionalen Unterschiede lassen Experten aufhorchen. So weist Augurzky darauf hin, dass es in Sachsen-Anhalt 37 Prozent mehr Krankenhaus-Patienten pro 1000 Einwohner gibt als in Baden-Württemberg.
Obwohl es in ländlichen Regionen teilweise zu wenig niedergelassene Mediziner gibt, ist die Ärztedichte mit 2,5 Ärzten pro 1000 Einwohnern relativ hoch. Mit 18 Besuchen pro Jahr beim Doktor sind die Deutschen international spitze.
Krankenkassen drängen auf mehr Freiheit
Die Krankenkassen drängen auf mehr Freiheit, selbst Verträge mit Krankenhäusern und Ärzten abschließen zu können. "Es ist an der Zeit, durch mehr Wettbewerb zwischen Krankenhäusern die verkrusteten Strukturen bei der Versorgung aufzubrechen und die zweifellos vorhandenen Effizienzreserven zu mobilisieren", sagt GKV-Spitzenverband-Chefin Pfeiffer. Sie betont: "Durch eine vernünftige Bedarfsplanung muss endlich organisiert werden, dass neue Ärzte sich nur noch dort niederlassen dürfen, wo sie auch tatsächlich gebraucht werden."
Auch bei Medikamenten sehen die Experten noch Luft für Einsparungen. Die zwei Milliarden Euro, die Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) 2011 einsparen möchte, gelten nur als Anfang. Dem Arzneiverordnungsreport zufolge birgt der Markt ein Einsparvolumen von rund neun Milliarden Euro jährlich. Kommentar
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