Düsseldorf: Wie weiter nach der WestLB?
VON HANNA KOCH - zuletzt aktualisiert: 24.12.2011 - 02:30Düsseldorf (RP). Betül Üte arbeitet bei der WestLB. Noch – denn bald wird es die Landesbank nicht mehr geben. Trotzdem setzt die 40-Jährige darauf, dass die Bank ihr doch eine Zukunft bieten kann. Nicht nur für sich, sondern auch für ihre fünfjährige Tochter.
Als Betül Üte ihren Job bei der WestLB bekam, war sie glücklich: Sie arbeitete nun bei einer Weltbank, einer Bank, deren Ruf im Jahr 2004 noch zum Besten stand. "Ich habe gedacht, dort steht mir alles offen", sagt Frau Üte heute. Dann kamen die Rückschläge: die Wirtschaftskrise, die Fehlentscheidungen der Eigentümer, der Streit mit den Sparkassen. Politiker, die von der Bank, die einst zu den ersten Adressen der Wirtschaftswelt gehörte, nichts mehr wissen wollten. Und die Medien, die den Namen "RestLB" erfanden, als die Aufspaltung feststand.
"Das alles hat uns hart getroffen", sagt Üte, die als Risikoanalystin in der WestLB-Zentrale in Düsseldorf arbeitet. "Uns", damit meint sie die Mitarbeiter, ihre Kollegen, von denen viele verzweifelt sind, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht im neuen Jahr, wenn die WestLB zur "Servicegesellschaft" umgebaut und abermals verkleinert wird. Von über 10 000 Jobs, die es bei der WestLB vor zehn Jahren noch gab, wird dann ein Viertel übrig sein – wenn überhaupt.
Betül Üte, alleinerziehende Mutter, muss nun ihrer Tochter erklären, warum sie vielleicht bald ihre Arbeit verliert. Zufällig hat die fünfjährige Asya ein Gespräch mit angehört, in dem es um das Ende der Bank ging. "Seitdem fragt Asya oft, wie es weitergeht", sagt Üte. Sie versucht dann, ihre Tochter zu beruhigen, obwohl sie selbst keine Antwort weiß auf die Fragen des Kindes. Sie quälen Schlafprobleme, "tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf", erzählt die 40-Jährige. Doch aufgeben will sie nicht: "Ich habe immer schon gekämpft", sagt Üte, die als Kind türkischer Eltern in Deutschland geboren wurde. Die Familie ging zurück in die Heimat, Betül Üte wuchs in der modernen Küstenstadt Izmir auf, studierte Tourismusmanagement. Sie hätte dort bleiben können, bei ihrer Familie. Doch sie wollte mehr: Als junge Frau kehrte sie zurück in ihre Geburtsstadt Frankfurt und machte geradezu eine Bilderbuchkarriere: Studium der BWL, Werksstudentin bei der Dresdner Bank, Projektarbeit bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Sofort nach dem Diplom bekam sie eine Anstellung bei der WestLB. Sie zog nach Düsseldorf, bekam ihre Tochter, kann heute dank moderner Arbeitszeitregelungen bei der WestLB in Teilzeit arbeiten, auf einer 80-Prozent-Stelle.
Natürlich hat sie sich bei anderen Banken beworben, es gab Vorstellungsgespräche. "Ich bin eine Top-Bankerin", sagt Üte. "Aber ich bin auch alleinerziehend." Das will, das kann sie nicht verschweigen. "Ich arbeite hart, und ich möchte für meine Tochter da sein", sagt Üte. Bei der Landesbank WestLB ist das möglich. Bei vielen anderen Banken nicht.
So bleibt der Druck, bei einer Bank beschäftigt zu sein, die es bald nicht mehr gibt, einer Bank, deren Ruf so stark gelitten hat, dass von der Euphorie aus früheren Tagen nicht mehr viel übrig ist. "Es ist einfach ungerecht", sagt Üte. Alle Mitarbeiter seien hochqualifiziert, motiviert – und müssen sich dennoch andauernd fragen lassen, wieso sie ausgerechnet bei der WestLB arbeiten. "Weil es trotz allem ein guter Arbeitgeber ist, mit einem Vorstand und einem Betriebsrat, die sich für uns einsetzen", sagt Üte. Und mit einer Belegschaft, die angesichts des drohenden Aus näher zusammengerückt ist. "Es gibt viele Abschiede", erzählt Üte. "Wer eine andere Stelle findet, geht." Die zurückbleiben, arbeiten weiter. "Und zwar so, als würde es die WestLB ewig geben", erzählt die Bankerin. Anders sei die Situation nicht zu ertragen, sonst müsse man aufgeben. Und das will Betül Üte nicht: "Ich bin eine Kämpfernatur", sagt die Risikoexpertin. Sie will bleiben, am liebsten bei der WestLB, zumindest aber in Düsseldorf, wo sie heimisch geworden ist über die Jahre. Weihnachten, das sind Tage der Hoffnung für Betül Üte. "Meine Tochter betet, dass ich meine Arbeit nicht verliere", sagt sie.
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