Barmer GEK-Chefin Fischer im Gespräch: "Wir brauchen ein Bündnis für Gesundheit"
zuletzt aktualisiert: 21.01.2010 - 07:35Düsseldorf (RP). Die Chefin der größten deutschen Krankenkasse, Birgit Fischer, will mit Ärzten und Krankenhäusern Verträge abschließen, in denen sie Qualitätsstandards für die Patienten festlegt. Fischer kündigt an, das die Mehrheit der Krankenkassen in diesem Jahr Zusatzbeiträge erheben muss.
Sie fordern mehr Verhandlungsfreiheit für die Krankenkassen. An welchen Stellen wollen Sie etwas für Ihre Versicherten heraushandeln?
Fischer Es geht um die Versorgung. Wir wollen mehr individuelle Verträge mit der Pharmaindustrie, Ärzten und Krankenhäusern abschließen.
Was heißt das konkret?
Fischer Wir wollen mit den Ärzten Vereinbarungen treffen, wie eine optimale Versorgung von Patienten aussieht. Ärzte und Krankenhäuser, die qualitätsgesicherte Konzepte mittragen, sollen auch besser honoriert werden.
Können Sie ein Beispiel für eine qualitätsgesicherte Behandlung nennen?
Fischer Heute ist es häufig so, dass Menschen, die ein Nierenleiden haben, erst dann zum Nephrologen überwiesen werden, wenn sie eine Dialyse benötigen. Wenn sie früher zum Facharzt gingen, könnte man in vielen Fällen die Dialyse hinausschieben. Das wäre für die Patienten ein Gewinn an Lebensqualität und für die Krankenkasse eine Kostenersparnis.
Wenn Sie den Menschen sagen, zu welchem Arzt sie gehen sollen, schränken Sie die freie Arztwahl ein.
Fischer Nein. Das oberste Prinzip bleibt die freie Arztwahl. Wir wollen aber eine bessere Information und Beratung der Versicherten. Wir wollen den Versicherten beispielsweise die Ärzte in ihrer Nähe nennen, mit denen wir Qualitätsverträge abgeschlossen haben. Der Versicherte kann am Ende aber selbst entscheiden, ob er zu einem dieser oder einem anderen Arzt geht. Für die Ärzte ist die Teilnahme ebenfalls freiwillig.
Was sollte sich konkret verbessern?
Fischer Ein Beispiel: Alte Menschen, die in Pflegeheimen leben, werden an Wochenenden viel zu schnell in ein Krankenhaus eingewiesen. Da müssen wir die ärztliche Versorgung in den Pflegeheimen besser sicher stellen.
Welche Missstände sehen Sie bei der Patientenversorgung?
Fischer Ein Defizit sehe ich bei der Abstimmung der Ärzte untereinander. Wenn ein Patient zu vielen Ärzten muss, reicht es nicht aus, wenn jeder einzelne seinen Job gut macht. Wir brauchen ärztliche Konferenzen, in denen die unterschiedlichen Befunde erörtert werden. Es gibt genügend moderne Kommunikationsmittel, mit denen man das machen kann, ohne sich treffen zu müssen. Der einfache Arztbrief reicht nicht immer.
Brauchen wir dafür nicht die elektronische Gesundheitskarte?
Fischer Mit der elektronischen Gesundheitskarte und der elektronischen Patientenakte könnten Qualitätsverbesserungen erreicht werden.
Wollen Sie eine Termingarantie, dass Versicherte beispielsweise nicht länger als zwei Wochen auf einen Termin warten müssen?
Fischer Eine Termingarantie wird man leider nicht für alle Krankheitsbilder geben können.
Das verstehen aber Versicherte als Qualität im Gesundheitssystem.
Fischer Wenn Untersuchungen dringend sind, ist sicherzustellen, dass die Ärzte sich untereinander so absprechen, dass diese Untersuchungen auch kurzfristig erfolgen. Darüberhinaus gibt es Termine, bei denen es für den Versicherten wünschenswert wäre, dies zeitnah zu erledigen. Wenn die Erkrankung aber nicht existenziell ist, haben die dringenden Fälle Vorrang.
Welche Taktik haben Sie, um gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern?
Fischer Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Im Gesundheitswesen geht es nämlich nicht nur um die Heilung von Krankheiten, sondern auch um Vorbeugung. Chroniker brauchen Hilfe, ihre Krankheit zu managen, damit ihre Lebensqualität erhalten bleibt. Das gelingt nur, wenn die Akteure im Gesundheitswesen zusammenarbeiten, Patienten ausreichend informiert sind und die Politik das unterstütz.
In welcher Rolle sehen Sie den Gesundheitsminister?
Fischer Zurzeit werden im Gesundheitswesen immer nur die Einzelinteressen formuliert. Meiner Ansicht nach muss der Minister eine moderierende Funktion übernehmen, um die unterschiedlichen Partner im Gesundheitswesen zur Zusammenarbeit zu bringen.
Wie kann das funktionieren?
Fischer Wir brauchen ein Bündnis für Gesundheit, bei dem sich alle Beteiligten regelmäßig an einen Tisch setzen. Eine bessere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen kriegt man nicht nur über Gesetze hin. Dafür bedarf es einer anderen Kultur.
Wann muss die Barmer GEK Zusatzbeiträge erheben?
Fischer Wir sind froh, dass wir im Augenblick nicht darüber reden müssen. Die Vier-Milliarden-Lücke im Gesundheitssystem wird aber dazu führen, dass die Mehrheit der Krankenkassen diesen Zusatzbeitrag noch in diesem Jahr erheben müssen.
Wo sehen Sie Einsparpotenzial?
Fischer Bei den Arzneimittelpreisen sind über die Rabattverträge hinaus noch Senkungen möglich. So zeigen uns bei den Originalpräparaten andere Länder, wie man die Kosten begrenzen kann. Es ist auch nicht einsichtig, warum wir den vollen Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel zahlen sollen. Hier ist die Politik gefordert.
Warum geben Sie Ihre politischen Ämter als Chefin der größten deutschen Krankenkasse nicht auf?
Fischer Dass ich eine SPD-Frau bin, ist klar - ob mit oder ohne Ämter. Es ist aber falsch zu glauben, dass ich mein Amt als Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK für Parteipolitik nutze. Meine Rolle ist es, dass ich im Sinne der Versicherten handele. Bei meinen gesundheitspolitischen Positionen fühle ich mich übrigens in sehr guter Gesellschaft mit vielen Politikern von CDU und CSU.
Eva Quadbeck fasste das Gespräch zusammen
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