Ein Jahr Lehman-Pleite: Wo ist das ganze Geld hin?
VON THORSTEN BREITKOPF - zuletzt aktualisiert: 14.09.2009 - 21:33New York (RP). Knapp 10,5 Billionen Dollar hat die Krise bislang gekostet. Das haben die Experten der Commerzbank jüngst ausgerechnet. Eine unvorstellbar große Zahl: 10.500 Milliarden oder eine 105 mit elf Nullen. Aber wo ist das ganze Geld geblieben?
Hat es etwa jemand versteckt? Ist es tatsächlich verbrannt, wie viele schreiben, oder sitzt einer gemütlich am Strand mit unseren Billionen? Wer hat also das Geld? Börsianer haben eine einfache und zynische Erklärung: „Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anders.” Stimmt das, und wer ist der andere? Tatsache ist: Es stimmt teilweise.
Verschiedene, wirklich existierende Menschen, haben das Geld. Zum Beispiel der Bauunternehmer in der amerikanischen Provinz, der seinem Kunden vor zwei Jahren am Stadtrand von Huntsville oder Springfield ein Häuschen gezimmert hat. Die Bank hatte dem Häuslebauer Kredit gegeben, und der hat davon den Bauunternehmer bezahlt ganz einfach. Und dann ist da noch der Banker, der dem Häuslebauer zu seinem Kredit verholfen hat. Der hat eine Provision erhalten, und wenn er sie nicht in einem windigen Immobilienfonds angelegt hat, dann hat er das Geld auch heute noch. Es gibt noch viele mehr, die sich einen Teil der 10,5 Billionen unter den Nagel gerissen haben. Doch sollte man nicht vorschnell mit einem Urteil sein. Wenn sich nämlich der Bauunternehmer aus Huntsville oder Springfield von seinem Verdienst einen schmucken neuen Liebherr-Bagger gekauft hat, dann steckt ein Teil des verschwundenen Schatzes auch in deutschen Sparschweinen. Globalisierung sei Dank. Sind damit die Profiteure der Mega-Krise ausfindig gemacht? Nein. Denn der Bauarbeiter und der Liebherr-Mechaniker haben nur einen Mini-Anteil am Billionen-Batzen. Wo ist also der Rest?
Das Geld war nie wirklich da
In fast allen Tageszeitungen war es zu lesen: „Das Geld ist verbrannt.” Ein 10,5-Billionen-Dollar-Feuer etwa? Trotz stetig steigender Heizölkosten wird jedem schnell klar: Verbrannt ist das Geld sicher nicht. Es ist viel trauriger. Das Geld war nie wirklich da, sagen Börsenexperten. „Ein großer Teil der Summe, die immer wieder als der große Preis der Krise beziffert wird, ist fiktiv und hat gar nicht existiert”, sagt der angesehene Düsseldorfer Börsenmakler Klaus Mathis. Doch wie konnte dieser Trugschluss passieren? Das Geld, gar nicht da? Die Erklärung ist einfach. Banken und Firmen haben ihr Vermögen einfach zu hoch eingeschätzt. Und das nicht einmal auf illegalem Wege oder mit böser Absicht.
Die amerikanische Art, eine Bilanz aufzustellen, macht das möglich. Denn die geht bei der Berechnung des Firmenvermögens von Marktpreisen aus. Einmal im Jahr schauen die Buchprüfer ins Depot und zählen alles zusammen. Sagen wir einfach, sie finden 1000 Aktien der Firma X. Dann blicken sie an die Börse und stellen fest, dass die Aktie der Firma X heute 100 Dollar wert ist. Dann wird der Taschenrechner gezückt und festgestellt, dass diese Position heute 100.000 Dollar kostet. Und das schreiben die Buchhalter dann in die Bilanz. Die Krux ist nur: An der Börse wurden nur ein paar der Millionen Aktien der Firma X tatsächlich gehandelt. Der Preis, der an der Börse erzielt wird, ist unter Umständen gar nicht repräsentativ. Die Firma X ist vielleicht viel weniger wert, und an der Börse wurde nur gezockt darauf, dass sie irgendwann mal mehr wert sein könnte.
Der Golf-Vergleich
Ein Beispiel: Im Kreis Olpe gab es im Jahr 2005 einige Dutzend gebrauchter Golf IV. Bei einem Internetauktionshaus wurde ein Golf IV versteigert so wie auch an der Börse Aktien versteigert werden. Der Golf IV erzielte einen Rekordpreis von 190.000 Euro. So viel Geld für ein abwrackreifes Anfänger-Auto? Hintergrund des Spitzenpreises: Der Golf hatte früher einmal Josef Ratzinger gehört. Der wurde im gleichen Jahr Papst, der Preis für den grauen Volkswagen stieg in schwindelnde Höhen. Dürfen sich die übrigen Olper Alt-Golf-Besitzer nun freuen, weil der Wert von alten Vierergolfs in sechsstellige Bereiche gerückt ist? Natürlich nicht, denn der Preis für den Golf war nicht reell, sondern ein Preis von Spekulanten, die den Wagen vielleicht noch teurer an einen Papst-Fan verkaufen wollten. Der Wert solch alter Karossen liegt tatsächlich bei ein paar hundert oder tausend Euro, je nachdem wie gut der Wagen noch aussieht, oder ob man ihn noch ausschlachten kann.
Und sicher wäre auch kein sauerländischer Golf-IV-Fahrer auf die Idee gekommen, sein Vermögen nun kräftig nach oben aufzurunden, weil er das gleiche Auto fährt wie früher der Papst. Die amerikanischen Bilanzierungsregeln erlauben aber genau dieses Vorgehen.
"Börsen Gerüchte"
Es werden sicherlich mehr Aktien einer Firma an der Börse gehandelt als Papstautos im Internet verkauft werden. Aber Fakt ist, dass nur ein Bruchteil der existenten Aktien einer Firma wirklich über die Börsentheke gehen. Dennoch wird der Preis dieses kleinen Aktienpakets zur Wertermittlung des ganzen Vermögens herangezogen. Und genau diese Art, eine Bilanz aufzustellen, ist unter dem Namen IFRS auch in Deutschland und Europa in den vergangenen Jahren schwer in Mode gekommen. Und als schließlich an den Börsen das Gerücht umging, die Papiere der Firma X seien eigentlich nicht mehr als zehn Dollar wert, und der Preis daraufhin fiel, mussten die Firmen das auch in ihre Bilanzen schreiben. 90 Dollar weniger pro Aktie, das macht für unser Depot mit 1000 Aktien einen Verlust, oder besser: eine Abschreibung von 90.000 Dollar. Das Geld ist nicht weg, es hat auch kein anderer es war nie da.
Geld entsteht durch die Banken selbst
Jetzt sagen die Skeptiker, vielleicht war das Geld nur an der Börse fiktiv, aber die Geldmenge, die von den Zentralbanken ermittelt wird, die ist doch auch gesunken. Wo ist jetzt dieses Geld hin? Und auch dafür gibt es eine Erklärung. Bei der Geldmenge werden neben Scheinen und Münzen auch noch die Spareinlagen, das Geld auf Girokonten und bestimmte Kredite mitgezählt. Geld entsteht nicht nur dadurch, dass in Frankfurt oder New York die Notenpresse angeworfen wird.
Geld entsteht auch durch die Banken selbst. Und das funktioniert so: Man stelle sich vor, auf einer Insel leben nur drei Menschen. Einer von ihnen hat 100 Euro. Dann wäre die Geldmenge in dieser Mini-Volkswirtschaft exakt 100 Euro. Jetzt leiht der Erste dem Zweiten 90 seiner Euro, dann gibt es schon 190 Euro. Und wenn der Zweite dem Dritten davon nochmal 80 Euro leiht, dann gibt es schon 270 Euro auf der Insel. Fachleute nennen das Giralgeldschöpfung. So ist das auch bei den echten Banken. Die verleihen das von den Kunden geliehene Geld weiter und weiter und schaffen somit Geld.
Zurück zur Insel. Wenn der erste Inselbewohner jetzt dem zweiten nicht mehr vertraut, weil der ein elender Zocker ist, dann holt er sich sein Geld zurück. Und der Zweite muss es dem Dritten wieder wegnehmen, um es dem Ersten zurückzugeben. Am Ende hat der Erste wieder seine 100 Euro, und die anderen nichts mehr. Und die Geldmenge auf der Insel ist wieder bei 100 Euro. Genau das ist unter den echten Banken passiert. Weil sie sich untereinander nicht mehr vertrauen, leihen sie sich auch kein Geld mehr, und die Geldmenge sinkt rapide.
Hat jetzt noch jemand außer den amerikanischen Bauunternehmern und den Bankern von den 10,5 Billionen Dollar profitiert? „Ja”, sagt Börsenmakler Mathis. „Profitiert hat der Glückspilz, der für einen Schnäppchenpreis die Immobilie des amerikanischen Häuslebauers gekauft hat, nachdem der nicht mehr zahlen konnte. Der hat vielleicht für 100.000 Dollar ein Haus gekauft, das bald schon wieder 200.000 Dollar wert sein könnte.” Das Geld ist also doch nicht verschwunden, es versteckt sich nur eine Weile.
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