Liechtenstein-Affäre: Zumwinkel – die Anklage
zuletzt aktualisiert: 07.11.2008 - 21:43Düsseldorf (RP). Dem ehemaligen Postchef wird wegen mutmaßlichen Steuerbetrugs der Prozess gemacht. Der Manager ist ein Beispiel für das Schwinden bürgerlicher Akzeptanz für wirtschaftliche Eliten.
Manchmal werden mutmaßliche Kriminelle nur deshalb in Untersuchungshaft gesteckt, weil ein Staatsanwalt sie zu einem vorzeitigen Geständnis bewegen will. Strafverteidiger nennen das „Apokryphe Haftgründe”. Ein mutmaßlicher Wirtschaftskrimineller wird nach Erfahrungswerten bei so etwas schnell geständig und hilfsbereit, um seine Freiheit nicht weiter aufs Spiel zu setzen.
Ob die Bochumer Staatsanwaltschaft diesen Effekt auch am 14. Februar dieses Jahres nutzen wollte, wird sich offiziell nie bestätigen lassen. Doch als die Polizisten an diesem nebligen Morgen die Villa des Ex-Postchefs Klaus Zumwinkel in der Mehlemer Straße 22 des Kölner Nobelstadtteils Marienburg mit rotweißen Plastikbändern abgesperrt hatten, um Aktenmaterial zu sichern, war der einstige Top-Manager sichtlich angeschlagen. Der Verdacht: Zumwinkel soll über Jahrzehnte hinweg Steuergelder in Millionenhöhe über Stiftungen bei der LGT-Bank in Liechtenstein versteckt und somit den deutschen Fiskus um rund eine Million Euro betrogen haben.
Kräftige Kaution
Ob es die Kaution „in nicht unerheblicher Höhe” (Staatsanwalt), Angst vor dem Verlust der Freiheit oder einfach nur ein geschickt agierender Anwalt war die mürbemachende Untersuchungshaft zwischen Drogendealern und Schlägern blieb Zumwinkel an diesem Tag doch noch erspart. Gut anderthalb Stunden nach der Razzia war der 65-Jährige wieder daheim. Eine Woche später legte er seine Ämter als Postchef und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom nieder.
Seitdem hat er zu allen Vorwürfen beharrlich geschwiegen. In einigen Wochen muss er jedoch reden. Denn jetzt hat die Staatsanwaltschaft Bochum alle Unterlagen gesichtet und erhebt Anklage gegen den ehemaligen Postchef, dessen Ansehen sich vom „Häuptling Silberlocke” zu dem eines kalkulierenden Kriminellen wandelte. Sein Fall ist deshalb so tief, weil er es wie kaum ein anderer Manager verstand, als Meister von Lobbyarbeit Großes für seine Post zu leisten und sich gleichzeitig auch als Großer zu inszenieren. Er begeisterte die Aktionäre und seine Belegschaft. Nur zu gern glaubte das Publikum der Inszenierung. So speist sich das gesellschaftliche Entsetzen aus dem bröckelnden Image des Vorzeigemanagers.
Dabei hatte die Fassade schon vorher Risse, sie waren nur zu fein, um von einer großen Öffentlichkeit bemerkt zu werden: Das defizitäre USA-Geschäft beispielsweise war lange Zeit ein unpopuläres Postthema. Als sich das Offensichtliche nicht mehr verbergen ließ, wurde es endgültig zum Postgeheimnis, Zahlen für das USA-Geschäft veröffentlichte man nicht mehr. Der Zuschnitt der Postsparten wurde so verändert, dass eine direkte Vergleichbarkeit nur schwer möglich war. Auch die Mindestlohndebatte für Briefszusteller flammte erst auf, als der Post kostengünstigere Konkurrenz drohte, die hohe Löhne noch nicht zahlen konnte. Zumwinkel inszenierte sich als Held, der für seine Mitarbeiter höhere Gehälter durchsetzt. Konkurrenten wie das amerikanische Paketunternehmen UPS warfen ihm zudem vor, er missbrauche das Briefmonopol, um mit überhöhten Gewinnen ein Imperium für die Post zusammenzukaufen.
Generalverdacht bei den Menschen
Doch der Fall Zumwinkel erlangt auch deshalb hohe Aufmerksamkeit, weil sein mutmaßlich kriminelles Handeln dem Generalverdacht vieler Bürger gegen Politik und Wirtschaft neue Nahrung gibt. „Die da oben lügen und betrügen doch alle” sind Sätze, die vermehrt geäußert werden. Und obwohl viele „da unten” auch derartige Delikte begehen, ist es „da oben” viel schlimmer zu werten, weil „das ja alles in größerem Stil gemacht wird”. Das Vertrauen in wirtschaftliche Eliten wird durch derartige Fälle egal wie sie enden massiv erschüttert. Denn auch wenn Steuerhinterziehung mit einer Freiheitsstrafe von bis zuzehn Jahren geahndet werden kann, wird Zumwinkel höchstwahrscheinlich mit einer Bewährungsstrafe davon kommen.
Ein guter Verteidiger dürfte dies erledigen. Mit Hanns Feigen steht Zumwinkel dafür einer der routiniertesten Strafverteidiger Deutschlands zur Seite. Der Frankfurter Wirtschaftsanwalt hat unter anderem im Mannesmann-Prozess den früheren Vodafone-Chef Chris Gent vertreten. Der Fall einer Haftstrafe würde auf Zumwinkel unter Umständen zukommen, wenn die Staatsanwaltschaft Bonn wegen möglicher Verwicklungen des einstigen Top-Managers in die Telekom-Spitzel-Affäre auch noch Anklage erhebt. Er soll von den Aufträgen zur Auswertung von Telefonverbindungen gewusst haben.
"Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen"
Doch unabhängig, zu welchem Ende der Fall Zumwinkel kommt, er wird Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Bei einem Freispruch bleibt das Misstrauen in Manager, bei einer Verurteilung ohne Haftstrafe wird es an vielen Stammtischen wieder heißen: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.”
Der Grund für beide Reaktionen aber ist der gleiche: Eine enttäuschte Sehnsucht nach Vorbildern, nach Grundvertrauen in Führungspersonal und der Wunsch, sich an etwas halten zu können.
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