Interview mit Bayer-Chef Wenning: Zuversicht im CO-Pipeline-Projekt
zuletzt aktualisiert: 12.12.2009 - 09:26Düsseldorf (RP). Unsere Redaktion sprach mit Bayer-Chef Werner Wenning über die umstrittene CO-Pipeline, Entlassungen und den Pharmamarkt.
Am Tag nach der Wahl ging die Bayer- Aktie nach oben. Haben sich Ihre Erwartungen bislang erfüllt?
Wenning Der Start der neuen Bundesregierung muss natürlich vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen bewertet werden. Aber es werden die richtigen Themen angepackt, wie zum Beispiel der gesellschaftliche Dialog über Zukunftstechnologien. Der Koalitionsvertrag setzt auch mit der Förderung von Forschung und Bildung richtige Schwerpunkte. Allerdings darf es nicht dabei bleiben, dass nur die Forschung im Mittelstand stärker gefördert wird. Wir müssen die Wachstumsimpulse verstärken, denn nur so werden wir in der Lage sein, die Verschuldung wieder zurückzuführen.
Wenn der Wettbewerb nicht funktioniert, schließt Schwarz-Gelb als ultima ratio eine Zerschlagung von Konzernen nicht aus. Wie finden Sie das?
Wenning Wir haben ein funktionierendes Wettbewerbs- und Kartellrecht. Im Übrigen: Für den Pharmamarkt beispielsweise stellt sich diese Frage nicht. Hier herrscht starker Wettbewerb.
Die Preise sind aber in Deutschland so hoch wie nirgends in Europa. Daher lassen viele Hersteller am liebsten zuerst hier ihre Medikamente zu.
Wenning Wir lassen neue Arzneien weltweit zuerst dort zu, wo wir am weitesten mit unseren Studien sind. Ohnehin bekommt der Hersteller vom Verkaufspreis in Deutschland nur 57 Prozent. Der Rest entfällt auf Mehrwertsteuer, Großhandel und Apotheken. Hinzu kommt, dass die Arzneimittel, die von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden, seit 1995 um fast zehn Prozent günstiger geworden sind – während sich der private Verbrauch im gleichen Zeitraum um über 20 Prozent verteuert hat.
Was halten Sie von den Steuersenkungsplänen der Regierung?
Wenning Dafür sehe ich derzeit keine finanziellen Spielräume. In den nächsten Jahren wird das Wirtschaftswachstum nicht einmal reichen, um die krisenbedingten Schulden zu reduzieren.Es wäre wünschenswert, wenn die Regierung auch die heutigen Subventionen vor dem Hintergrund der dringend notwendigen Haushaltskonsolidierung überprüfen würde.
Jürgen Rüttgers und Gesamtmetall schlagen die 26-Stunden-Woche vor, die Arbeitsagentur soll einen Teil des Lohnausfalls tragen. Ihre Meinung?
Wenning Grundsätzlich sind alle Maßnahmen gut, die Beschäftigung erhalten. Die Kosten dafür dürfen aber nicht am Ende den Beitragszahlern aufgebürdet werden und damit die Lohnnebenkosten erhöhen. Gut ausgelastete Branchen müssten die Arbeitszeitverkürzung in anderen Branchen mitfinanzieren. Das wäre schädlich im internationalen Wettbewerb, denn die Sozialbeiträge sind hoch genug.
Die Landesregierung hat mit der Wirtschaft einen Pakt geschlossen. Was bringt der mehr als schöne Worte.
Wenning Ich halte diesen Pakt, den ich auch selbst mit unterschrieben habe, für sinnvoll, um Politik und Wirtschaft auf das gemeinsame Ziel einer wettbewerbsfähigen Industrie am Standort NRW auszurichten. Nur gemeinsam können wir die Probleme lösen..
Unterstützt Sie die Landespolitik ausreichend bei der CO-Pipeline?
Wenning Ja. Der Landtag, die Landesregierung und vor allem Wirtschaftsministerin Thoben unterstützen dieses für die Region wichtige Infrastrukturprojekt. Bei einigen Kommunalpolitikern sieht das leider anders aus. Dabei sollte ihnen klar sein, welches Signal für die Wirtschaft von einem Stopp der Pipeline ausgehen würde.
Welches Signal?
Wenning Ein Stopp würde bedeuten, dass es in NRW keine Planungssicherheit mehr gibt. Wenn Unternehmen Gefahr laufen, dass die Zustimmung von Landesparlament und Bezirksregierung keinen Bestand hat, werden sie diesen Standort künftig meiden und woanders investieren. Wir dürfen nicht verkennen: Es gibt sehr viele Investoren außerhalb von Nordrhein- Westfalen, die den Verlauf dieser Diskussion um die Pipeline mit großer Aufmerksamkeit verfolgen.
Verkleinerte Schutzmatten, versäumte Kampfmittel-Prüfungen – warum erklärt Bayer das nicht besser?
Wenning Das haben wir doch immer wieder erläutert. Bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größe lassen sich Änderungen leider nicht vermeiden. Es gab rund 70 Abweichungen, ganz überwiegend kleinräumige Trassenanpassungen. Mal musste einem Rohr ausgewichen werden, ein anderes Mal sollte ein alter Baumbestand geschützt werden. Das ist vollkommen normal bei allen Projekten dieser Art. Dafür haben wir dann, wie üblich, die Zustimmung der Behörden eingeholt. Wir agieren doch nicht im rechtsfreien Raum.
Falls Sie den Pipeline-Prozess vor dem Verwaltungsgericht verlieren: Gehen Sie in die nächste Instanz?
Wenning Warten wir die Entwicklung im kommenden Jahr doch erst einmal ab. Wir sind zuversichtlich, dass wir die offenen Fragen vor Gericht beantworten können.
Welche Auswirkungen hätte ein möglicher Wechsel der Landesregierung auf die Pipleine?
Wenning Ich gehe davon aus, dass jede Landesregierung daran interessiert ist, den Standort Nordrhein-Westfalen zu stärken. Auch die Gewerkschaften haben sich klar hinter die Pipeline gestellt, weil diese Arbeitsplätze sichert.
Was passiert mit dem Werk Uerdingen, wenn die Pipeline nicht kommt?
Wenning Noch einmal: Ich bin zuversichtlich, dass die Pipeline in Betrieb gehen kann. Wir brauchen die Pipeline und brauchen auch eine wettbewerbsfähige Energieversorgung in Uerdingen. Denn es ist doch klar, dass der Standort im konzerninternen Wettbewerb um Investitionen an Attraktivität verlieren würde, wenn seine Infrastruktur nicht konkurrenzfähig wäre.
Die Schering-Übernahme gilt als Ihr größter Erfolg. Nun gibt es Sorge, dass Bayer die Pharma-Forschung in Berlin zulasten der Forschungsstandorte in NRW konzentriert.
Wenning Diese Sorge ist völlig unbegründet. Der Forschungsstandort Wuppertal bleibt. Gerade erst haben wir einen Teil der Toxikologie-Forschung von Berlin nach Wuppertal verlegt.
Eine andere Sorge ist, dass Sie die Kunststoff-Sparte verkaufen. Gehört Bayer Material Science in zehn Jahren noch zum Konzern?
Wenning Wir wissen alle nicht, wie die Welt in zehn Jahren aussieht. Sicher ist hingegen: Bayer Material Science gehört heute zum Kerngeschäft – ebenso wie die Bereiche HealthCare, also Gesundheit, und CropScience, unser Pflanzenschutz-Geschäft.
Aber müssen Sie die Kunststoffe nicht verkaufen, um – wie angekündigt – den Pharmabereich auszubauen?
Wenning Überhaupt nicht. Wir haben für 17 Milliarden Euro Schering übernommen – und bis zum Jahresende werden wir die Schulden in Richtung zehn Milliarden abgebaut haben. Wir können – wie auch schon in der Vergangenheit – bei der Finanzierung unseren Cash Flow nutzen, uns verschulden oder Portfolio- und Kapitalmaßnahmen vornehmen.
Gerade verhandeln Sie mit dem Betriebsrat über den Vertrag, der betriebsbedingte Kündigungen nach 2009 ausschließt. Wie weit sind Sie?
Wenning Die Verhandlungen sind in der finalen Phase. Wir hoffen, den Vertrag noch in diesem Jahr abschließen zu können. Unser wichtigster Leitsatz lautet: Wir wollen die Menschen in Arbeit halten.
Was verlangen Sie als Gegenleistung?
Wenning Wir brauchen eine Anpassung unserer Kapazitäten an die veränderten Marktbedingungen – und dafür auch die Flexibilität unserer Mitarbeiter. Die Beschäftigten müssen im Rahmen des Konzerns dorthin gehen, wo die Arbeit anfällt – also zum Beispiel von Uerdingen nach Leverkusen, wenn es notwendig ist.
Die Wirtschaftskrise ist noch nicht vorbei. Was erwarten Sie 2010?
Wenning Bayer hat die Trendwende geschafft. Und die Gesamtwirtschaft hat die Talsohle durchschritten. Doch einen selbsttragenden Aufschwung sehe ich noch nicht. Den wird es erst geben, wenn der Konsum auch in den USA wieder anspringt – also dort, wo die Krise ausgelöst wurde.
Haben Sie Angst vor der Kreditklemme?
Wenning Nein. Bayer hat Zugang zum Kapitalmarkt und kein Finanzierungsproblem. Bei Unternehmen, die in guten Zeiten nicht genug Eigenkapital gebildet haben, mag das anders aussehen.
2010 geben Sie den Stab an Marijn Dekkers ab. Die Corporate-Governance- Regeln verbieten Ihnen, in den Aufsichtsrat zu gehen. Sind die falsch?
Wenning Es geht nicht um mich. Aber ich halte die Regeln für überzogen. Es kann doch nicht schaden, wenn man als Aufsichtsrat etwas vom Geschäft versteht. Damit haben wir bei Bayer über viele Jahrzehnte gute Erfahrungen gemacht. Für Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten sind übrigens keine Karenzzeiten vorgesehen – die dürfen direkt aus dem Unternehmen kommen.
Wechseln Sie in zwei Jahren?
Wening Mal schauen, das lasse ich offen.
Das Gespräch führten Sven Gösmann und Antje Höning
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