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Interview mit Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer
"Viele ältere Fachkräfte gehen uns von der Fahne"

Berlin. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer spricht im Interview mit unserer Redaktion unter anderem über die Bedeutung von Zuwanderern für die Wirtschaft. Von Birgit Marschall

Wie sieht der Ausblick auf das Handwerksjahr 2015 aus?

Wollseifer 2014 war ein wirklich gutes Jahr für das Handwerk - mit einem Umsatzwachstum von zwei Prozent. Das wird sich 2015 nicht wiederholen lassen. Wir erwarten ein geringeres Wachstum von ein bis 1,5 Prozent und nur stabile Beschäftigungszahlen. Für das geringere Wachstum gibt es neben den Krisen im Ausland vor allem viele hausgemachte Gründe. Die Regierung hat den Unternehmen zusätzliche dauerhafte Kosten aufgebürdet - durch die Rente mit 63, die Mütterrente, höhere Pflegebeiträge, die Pflege-Teilzeit und den Mindestlohn. In der Summe erhöht das die Lohn- und Lohnzusatzkosten - und das ist Gift für die weitere Entwicklung.

Spüren Sie im Handwerk schon jetzt die Folgen der Rente mit 63?

Wollseifer Ja. Uns gehen viele gute, erfahrene Fachkräfte von der Fahne. Denn das Angebot, nach 45 Jahren abschlagsfrei schon mit 63 in Rente gehen zu können, ist für viele berauschend attraktiv. Auch in meinem Betrieb nimmt das ein Fachmann an, den ich gerne noch mindestens zwei Jahre weiter beschäftigt hätte. Das belastet die Betriebe, denn in vielen Regionen finden wir ja jetzt schon kaum noch neue Fachkräfte. Mit der Rente mit 63 werden per Gießkannenprinzip einfach ganze Jahrgänge beglückt, gesunde Mitarbeiter, die gut noch länger hätten arbeiten können.

Die Rente mit 63 wurde aber doch gerade auch mit Blick auf das Handwerk erfunden, weil viele in körperlich anstrengenden Berufen nicht länger arbeiten können, ich erinnere an den berühmten Dachdecker...

Wollseifer Das ist vor allem eine Regelung für Industriearbeiter und den öffentlichen Dienst. Wir haben im Handwerk Verständnis für alle Älteren, die körperlich nicht mehr können. Unsere Betriebe versuchen zunächst, diese Mitarbeiter dort, wo es geht, in weniger belastenden Tätigkeiten einzusetzen. Wenn es gar nicht mehr geht, gibt es die Erwerbsminderungsrente.

Nun soll auch noch der Handwerkerbonus gekappt werden, um die steuerliche Förderung für energetische Gebäudesanierung zu finanzieren.

Wollseifer Zunächst einmal: Das Handwerk ist ein unverzichtbarer Treiber der Energiewende. Über 30 Branchen mit mehr als 1,5 Millionen Beschäftigten arbeiten daran, die Energieeffizienz in unseren Gebäuden zu verbessern. Deutschland muss bei der Reduktion des CO2-Ausstoßes künftig viel mehr tun als bisher. Dabei müssen wir uns endlich über mehr Einsparungen bei der Heizenergie unterhalten. Deshalb brauchen wir die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung unbedingt.

Warum darf der bestehende Handwerkerbonus nicht gekürzt werden?

Wollseifer Es ist einfach falsch, beides miteinander zu verknüpfen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge: Das eine ist gut für den Klimaschutz, das andere gut gegen Schwarzarbeit. Der Steuerbonus ist unverzichtbar, weil er dabei hilft, Schwarzarbeit zu bekämpfen.

Wie also soll die steuerliche Förderung der Gebäudesanierung gegenfinanziert werden, die pro Jahr eine Milliarde Euro kostet?

Wollseifer Die Förderung wird erst über mehrere Jahre hinweg auf diesen Betrag anwachsen. Dabei ist uns klar, dass die Länder eine Kompensation wollen, wenn ihre Ausgaben steigen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Investitionen in Energieeffizienz auch die Steuereinnahmen sprudeln lassen. Unabhängig davon sehen wir ein, dass die Finanzämter mit vielen kleinteiligen Rechnungen beim Steuerbonus viel bürokratischen Aufwand haben. Wir können uns eine Lösung vorstellen, bei der die Finanzämter entlastet würden und die zu etwas weniger Steuerausfällen führt. Diese Lösung muss aber so gestaltet sein, dass Mieter und Menschen mit kleinem Budget nicht benachteiligt werden. Das erörtern wir gerade mit der Politik.

Wie groß wird die Lehrlingslücke im kommenden Jahr sein?

Wollseifer 20 000 Lehrstellen konnten wir schon 2014 nicht besetzen. Diese Zahl wird 2015 wohl trotz großer Anstrengungen noch einmal steigen. Uns fehlen ausbildungsfähige und ausbildungswillige junge Leute. Die Zahl der Schulabgänger sinkt demografiebedingt deutlich. In zehn Jahren werden wir noch mal 100 000 Schulabgänger weniger haben. Wir hoffen einen Teil dieser Lücke durch die assistierte Ausbildung schließen zu können, die über die Allianz für Aus- und Weiterbildung gefördert werden soll.

Wie sehr helfen Sie sich schon mit ausländischen Jugendlichen? Unter den Flüchtlingen sind viele, die gern eine Ausbildung machen möchten.

Wollseifer Für eine Ausbildung im Handwerk kommen zunehmend Jugendliche aus anderen EU-Ländern, etwa aus Spanien. Auch unter den Flüchtlingen sind sehr viele mit guter Schulbildung, zum Beispiel aus dem Irak und Syrien, und viele, die großes praktisches Geschick haben. Wenn wir einen jungen Flüchtling ausbilden, muss aber auch klar sein, dass er über die gesamte Lehrzeit in Deutschland bleiben darf. Hier ist die Politik gefordert, denn unsere Betriebe brauchen Planungssicherheit. Zweitens: Die jungen Flüchtlinge müssen rasch Deutschkurse besuchen, um in Betrieb und Berufsschule mithalten zu können. Unsere Erfahrung ist, dass sie innerhalb weniger Monate so gut deutsch sprechen, dass eine reguläre Ausbildung möglich ist.

B. MARSCHALL STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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