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Analyse
Von Waldorf lernen heißt Inklusion lernen

Gastbeitrag Reformpädagogische Schulen praktizieren seit Jahren einen Unterricht, der jedem Raum für seine Interessen und Fähigkeiten gibt. Das ist eine Abkehr von der deutschen Selektionskultur, aber noch lange keine Gleichmacherei. Und es ist eine Chance auch für Regelschulen. Von Lena Wilms

Inklusion ist das Reizthema der aktuellen Schulpolitik. Das Projekt hat genauso viele glühende Fürsprecher wie erbitterte Kritiker. Und in der Umsetzung holpert es gewaltig: Eltern und Lehrer beklagen Mehrbelastung bei fehlendem Fachwissen und sorgen sich um das Leistungsniveau, Kommunen fühlen sich alleingelassen.

Dabei ist Inklusion in Deutschland längst gelebte Praxis. Reformpädagogische Schulen wie Waldorf und Montessori bauen schon jahrelang mit Erfolg darauf. Methodisch umgesetzt etwa im "Epochenunterricht", der mehrere Stunden für ein Überthema reserviert - fächerübergreifend und praxisnah. Lautet das Thema also "Geld und Finanzen", wird nicht nur das Thema Zinsrechnung aufgefrischt. Die Schüler lernen auch die Abläufe in einer Bank kennen. Zudem werden etwa durch das Anlegen eines Klassenkontos Praxisbezug und Eigeninitiative hergestellt - daran soll es ja in Regelschulen mangeln.

Was das mit Inklusion zu tun hat? Das Zauberwort lautet Differenzierung: bei Zugang, Lernweg und Zielsetzung. So wird jedem Schüler die Möglichkeit geboten, sich ein Thema eigenständig zu erschließen und so einfacher an vorhandenes Wissen anzuknüpfen. Dass am Ende auch ein individuelles Lernziel steht, mag befremdlich klingen - im deutschen System werden Schüler mit schwächeren Leistungen abgestuft, und ein Ziffernzeugnis "differenziert". Macht man sich frei von dieser Selektionskultur, zeigt sich, wie viel individuelle Förderung möglich ist.

So sind etwa "Kinderbesprechungen" in der Reformpädagogik gängige Praxis. Dort werden die Fortschritte der Schüler im Kollegium erörtert und Ziele in einem individuellen Förderplan abgesteckt. Zusätzlich schafft das Klassenlehrerprinzip bis Klasse acht Sicherheit. Unterstützt wird der Klassenlehrer meist durch einen Sonderpädagogen und einen Integrationshelfer.

All das ist teuer und stellt höhere Anforderungen an die Lehrer. Aber es bietet auch Chancen für Regelschulen. Ziel der Inklusion ist eine Schule für alle, die jedem Raum für seine Interessen und Bedürfnisse gibt. Der Vorwurf der Gleichmacherei ist überholt: In einem Unterricht, der jedem Individualität zugesteht, muss nicht separiert werden. Alle lernen in Gruppen gemeinsam, jeder auf seine Art. Das gilt nicht nur für Kinder mit Behinderung, sondern lässt alle Schüler, egal ob mit Lernschwäche, Migrationshintergrund oder Hochbegabung, vom Konzept Inklusion profitieren.

Auf dieses Potenzial werden immer mehr Regelschulen aufmerksam. Bund und Länder sollten hier tätig werden und die Schulen unterstützen. Hauptaufgabe muss es sein, den Austausch weiter zu fördern und endlich die Frage nach der Zahlungszuständigkeit aus dem Weg zu räumen.

Man kann von den Schulen keine Quantensprünge in der Inklusion erwarten. Man kann aber das Konzept als Chance verstehen. Inklusion erfordert nämlich vor allem eins: Umdenken in einer Grundsatzdebatte. Wollen wir regelschultaugliche Kinder oder vielleicht doch kindertaugliche Schulen?

Quelle: RP
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