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Teheran/Düsseldorf
Voreilige Goldgräberstimmung im Iran

Teheran/Düsseldorf. Nach dem Ende der Wirtschaftssanktionen bringen sich deutsche Unternehmen für die erhofften Milliardenaufträge in Stellung. Der Nachholbedarf des Landes ist riesig. Aber zögerliche Banken und sinkende Öl-Preise bedrohen den Boom. Von Matthias Beermann

Offiziell hat die Führung des Iran stets bestritten, dass die Wirtschaftssanktionen, die wegen des umstrittenen Atom-Programms gegen das Land verhängt worden waren, irgendeine Wirkung hätten. Reine Propaganda. Die Menschen wussten es besser: Ein Jahrzehnt lang mussten sie den Gürtel schmerzhaft enger schnallen. Kein Wunder, dass das Ende des Embargos auf den Straßen von Teheran begeistert gefeiert wurde. Aber auch in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft herrscht Hochstimmung. Nach dem Wegfall der Sanktionen wittern viele Unternehmen Milliardengeschäfte. Der Iran lockt mit rund 80 Millionen Einwohnern und einer Wirtschaftskraft von über 400 Milliarden Dollar. Und der Nachholbedarf des ausgezehrten Landes ist riesig. Es herrscht Goldgräberstimmung.

Wie um die hohen Erwartungen noch zu schüren, kündigte der Iran vor wenigen Tagen die Bestellung von 114 Airbus-Jets an, die die über 40 Jahre alte Boeing-Flotte der staatlichen Fluggesellschaft ersetzen sollen. Es ist kein Geheimnis, dass der Iran darüber hinaus auch 200.000 Lkw ausmustern muss, und dass das marode Schienennetz ebenfalls dringend erneuerungsbedürftig ist. Gerade deutsche Firmen, die vor dem Embargo im Iran ganz groß im Geschäft waren, sind schon auf dem Sprung. So will die Lkw-Sparte von Daimler noch im ersten Quartal eine Repräsentanz in der iranischen Hauptstadt Teheran eröffnen. Die Pkw-Sparte soll schnell folgen. Und Siemens unterzeichnete in der vergangenen Woche sogar schon eine Absichtserklärung für ein möglicherweise milliardenschweres Geschäft bei der Modernisierung der iranischen Eisenbahn.

Volker Treier, Außenwirtschafts-chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), hält mittelfristig ein Exportvolumen von fünf Milliarden Euro für deutsche Unternehmen für denkbar. "Langfristig sind zehn Milliarden Euro durchaus realistisch." Erneuern müsse der Iran nämlich nicht nur seinen Maschinenpark, sondern auch den Fahrzeugbau, die Baustoffindustrie, das Wassermanagement, die Abfallwirtschaft, das Energiesystem und die Gesundheitsbranche - eigentlich fast alles. Auch BDI-Präsident Ulrich Grillo setzt daher in den kommenden fünf Jahren auf eine Verdopplung der deutschen Exporte nach Iran von derzeit rund 2,4 Milliarden Euro.

Eine Branche allerdings hält sich mit dem Jubel auffallend zurück, und das könnte die großen Hoffnungen der deutschen Industrie empfindlich ausbremsen: Die deutschen Banken wie auch viele ihrer ausländischen Wettbewerber wollen erst einmal Vorsicht walten lassen. Die meisten Institute würden Iran-Beziehungen erst aufnehmen, wenn es Klarheit gebe, welche Geschäfte genau erlaubt seien, sagte ein Sprecher des Privatbankenverbands BdB. Es seien insbesondere von den USA nicht alle Finanzsanktionen aufgehoben worden. Außerdem könnten Strafen jederzeit wieder eingeführt werden, sollte der Iran gegen Auflagen verstoßen. Doch ohne die Banken, die den Zahlungsverkehr organisieren und Kredite anbieten, wird es schwer, größere Geschäfte mit iranischen Kunden abzuwickeln.

Eine weitere Sorge verbindet sich mit der Rückkehr des Ölproduzenten Iran. Das Land will die Förderung binnen eines halben Jahres um bis zu eine Million Fass hochfahren. Selbst wenn dieser aus Sicht von Experten zu ehrgeizige Plan nicht ganz aufgeht, so wird das zusätzliche iranische Öl die ohnehin schon extrem niedrigen Weltmarktpreise noch weiter in den Keller drücken. Zwar kann der Iran, der über die viertgrößten Öl- sowie die größten Gasreserven der Welt verfügt, zu Kosten von nur rund 15 Dollar pro Fass fördern und damit selbst bei den derzeitigen Niedrigpreisen noch Profite erzielen. Aber eben bei weitem nicht so große wie noch unlängst kalkuliert.

Weniger Geld in der Staatskasse würde jedoch die Bestellfreude des Regimes deutlich dämpfen und sich damit auch auf die Verkaufschancen der Exporteure auswirken. Von den politischen Risiken ganz zu schweigen. Denn das Ende der Sanktionen hat auch in der iranischen Bevölkerung große Erwartungen geweckt, die nun erst einmal erfüllt werden müssen. Die Reformer um Präsident Hasan Ruhani haben bei den Parlamentswahlen im Februar nun zwar gute Siegeschancen. Aber dann müssen sie schnell liefern. "Das iranische Volk hat sehr viel Geduld gezeigt", lobte Ruhani. Er ahnt, sie geht zu Ende.

Quelle: RP
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