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Düsseldorf
VW blamiert das Kraftfahrtbundesamt

Düsseldorf. Obwohl Volkswagen keine offizielle Genehmigung hatte, begann der Autobauer seinen Rückruf. Doch der Aufschrei unter Politikern und Verkehrsbehörden bleibt aus. Ist das zu viel Nähe zum Hersteller oder ein Fehler im System? Von Jan Drebes und Florian Rinke

Der Rückruf beginnt mit 8000 Pick-up-Trucks, Modell Amarok. In die Firmengeschichte von VW wird der 27. Januar als der Tag eingehen, an dem der Abgas-skandal endlich per Software-Update aus den ersten Motoren getilgt wurde. Es ist ein Tag des Aufbruchs.

Für das Kraftfahrtbundesamt (KBA) verlief der Tag weniger schön - immerhin hatte Deutschlands größter Autokonzern das Amt mit dem einseitig begonnenen Rückruf vorgeführt. Kaum vorstellbar, dass US-Behörden so etwas hätten durchgehen lassen. Die Flensburger schickten hingegen am selben Tag artig eine Genehmigung hinterher und betonten tapfer: "Wir haben das Heft des Handelns noch in der Hand." Doch daran gibt es erhebliche Zweifel.

"Das Kraftfahrtbundesamt ist eine Behörde ohne Kompetenz", kritisiert Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen. Sie verstecke sich, erkläre Entscheidungen zu wenig und, was aus seiner Sicht am Schlimmsten sei, "sie schützt Kunden nicht annähernd so gut, wie es US-Behörden beispielsweise tun". Auch Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach sagt: "Die Kommunikation und Transparenz sind nicht das, was man sich wünschen würde."

Wer nachfragt, warum es - trotz mündlicher Zusage - so lange gedauert hat mit der Freigabe des Rückrufs, erhält nur die Antwort, dass die Prüfung noch nicht abgeschlossen gewesen sei. Das galt sogar dann noch, als VW längst die ersten Fahrzeuge in der Werkstatt nachgerüstet hatte. "Die Freigabe stand von uns bis Mittwoch Nachmittag noch aus", sagte ein Sprecher. Was sich dann kurzfristig änderte? Darauf gibt es keine Antwort.

Die Verunsicherung bei der Behörde scheint groß zu sein. Dass der Abgasskandal in den USA statt vom KBA aufgedeckt wurde, nehmen dem Amt viele übel. Sie fordern Konsequenzen - da will man ungern weitere Fehler machen, etwa durch eine überhastete Erlaubnis.

In der Politik scheinen die Beamten jedenfalls nur noch wenig Rückhalt zu genießen. Denn obwohl die Staatsvertreter eigentlich empört sein müssten über das eigenmächtige Vorgehen von VW, das öffentlich die Autorität des KBA untergrub, geben sie sich moderat - oder äußern sich, wie Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), gar nicht.

"In Deutschland war die Sorge groß, dass der VW-Skandal die gesamte deutsche Autoindustrie in Mitleidenschaft ziehen würde", sagt Martin Burkert, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag: "Das ist glücklicherweise nicht geschehen. Und deswegen müssen wir jetzt aufpassen, einen der wichtigsten Spieler einer Kernindustrie nicht unnötig schlecht zu reden." Verkehrspolitiker und Ex-NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) nennt den Wirbel um den Rückruf eine "Petitesse": "Natürlich wäre es nicht in Ordnung gewesen, mit dem Rückruf zu beginnen, wenn die Behörden grundsätzlich etwas auszusetzen gehabt hätten." Doch es habe ja eine mündliche Zusage gegeben. "VW ist ein wichtiges Unternehmen, dass wir nicht weiter belasten sollten", findet Wittke.

Ist das zu viel Nähe zur Autoindustrie? Ist die Sicherung von Arbeitsplätzen wichtiger als Recht und Ordnung? Der Präsident des Branchenverbands der Automobilindustrie weist solche Vorwürfe zurück. Auf dem Neujahrsempfang der Lobbyorganisation sagte er, von "Kumpanei" oder Interessenvermischung zwischen Herstellern und Behörden könne keine Rede sein.

Aus Sicht von Stefan Bratzel war der verfrühte Rückruf dennoch ein Fehler: "Aus taktischen Gründen wäre VW gut beraten gewesen, den Institutionen den Vortritt zu lassen. Das ist kein guter Eindruck nach außen." Auch Verkehrspolitiker Burkert sagt: "Es kommt für VW darauf an, das Vertrauen von Kunden und Behörden zurückzugewinnen. Die Irritationen bei der gestarteten Rückruf-aktion tragen nicht dazu bei." Umso wichtiger sei es, dass KBA zu stärken: "Es kann nicht sein, dass Behörden kaum Durchgriffsmöglichkeiten bei Verstößen haben und die Autohersteller sich ins Fäustchen lachen."

Quelle: RP
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