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Düsseldorf
VW zahlt jedem US-Kunden 5100 Dollar

Düsseldorf. Nach langwierigen Verhandlungen hat sich der Volkswagen-Konzern mit den US-Behörden auf einen milliardenschweren Vergleich geeinigt. Während US-Kunden nun entschädigt werden, gehen Europäer wohl leer aus. Von Florian Rinke

Hanno Delp ist für Konfliktlösung zuständig. So steht es zumindest in seinem Profil bei der international bekannten Rechtsanwaltskanzlei "Freshfields Bruckhaus Deringer". Sein Talent kann der Volkswagen-Konzern momentan gut brauchen, an Konflikten gibt es seit Bekanntwerden des Abgasskandals keinen Mangel. Delp saß daher auch gestern im Gerichtssaal in Düsseldorf, um den Anwalt des Autohauses Gottfried Schultz im Prozess gegen einen lästigen Auto-Käufer zu unterstützen. Bislang hat der Konzern der Kanzlei nach eigenen Angaben für ihre Dienste einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag überwiesen, doch alle Probleme können selbst die Top-Juristen nicht lösen.

Während der Wolfsburger Auto-Bauer in Deutschland bislang vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen ist, steht nun das Ausmaß dessen fest, was der Einbau von Schummel-Software in Diesel-Fahrzeuge in den USA den Konzern kosten wird. Rund 14,7 Milliarden Dollar (13,2 Milliarden Euro) muss Volkswagen für Entschädigungen, Rückrufe und Strafen zahlen. Das ist deutlich mehr als die bislang kolportierten neun Milliarden Euro - zumal Volkswagen für die Folgen der Krise bislang nur rund 16 Milliarden Euro zurückgelegt hat. Ein Großteil des Polsters ist damit allein in den USA aufgebraucht worden. Wohl auch deshalb weigert sich das Unternehmen bislang, europäische Kunden zu entschädigen, auch wenn das immer wieder von verschiedenen Politikern gefordert wurde. So hatte die EU-Industriekommissarin Elzbieta Biénkowska im Gespräch mit der "Welt" gefordert: "Volkswagen sollte europäischen Fahrzeugbesitzern freiwillig eine Kompensation zahlen, die vergleichbar mit der ist, die den US-Konsumenten gezahlt wird."

Doch dazu dürfte der Konzern kaum bereit sein, immerhin will Volkswagen die US-Kunden mit manipulierten Fahrzeugen mit mindestens 5100 Dollar (4600 Euro) entschädigen. In manchen Fällen kann die Summe sogar fast 10.000 Dollar betragen, wie aus Dokumenten über einen Vergleich hervorgeht, die US-Kläger gestern bei einem Gericht in San Francisco eingereicht haben. Die Autobesitzer könnten sich demnach aussuchen, ob VW ihre Wagen zurückkaufen oder umrüsten soll. Die Entschädigung würde in beiden Fällen fließen. Selbst Kunden, die ihr Fahrzeug nur geleast haben, sollen eine Entschädigung erhalten.

In den USA sind jedoch "nur" 475.000 VW- und Audi-Kunden betroffen, allein in Deutschland müssen hingegen 2,4 Millionen Fahrzeuge nachgerüstet werden, weil in ihnen die Schummel-Software verbaut ist. Doch anders als in Deutschland, wo das Kraftfahrtbundesamt bereits die Nachrüstung für einen Großteil der Fahrzeuge genehmigt hat, ist es in den USA offenbar nicht möglich, die Fahrzeuge so nachzurüsten, dass sie den Gesetzen entsprechen. Die Grenzwerte für Stickoxide sind dort sehr viel strikter als in anderen Ländern. Offenbar ginge dies nur, wenn man gleichzeitig in Kauf nimmt, dass sich andere Eigenschaften der Wagen verändern - etwa der Verbrauch oder die Leistung. Ein weiterer Grund: Die Behörden machen mehr Druck. Gina McCarthy von der Umweltschutzbehörde EPA sagte gestern: "Wir senden heute eine starke Botschaft. Wenn Sie unser Gesetz brechen, gibt es sehr ernsthafte Konsequenzen."

"Vergleichslösungen in dieser Größenordnung belasten uns ohne Zweifel erheblich", räumte auch Volkswagen-Finanzvorstand Frank Witter ein. Zumal die Diesel-Affäre damit immer noch nicht ausgestanden ist. Zum einen ist der nun erzielte Vergleich noch nicht rechtskräftig. Zunächst muss der Richter Charles Breyer dem Entwurf zustimmen. Bei ihm sind Klagen in den USA gebündelt. Breyers endgültige Entscheidung wird für Ende Juli erwartet. Danach haben Kläger die Möglichkeit, das Vergleichsangebot anzunehmen. Zum anderen muss sich Volkswagen auch noch mit Anlegern auseinandersetzen, die sich vom Konzern zu spät über den Abgasskandal und die damit verbundenen finanziellen Risiken informiert fühlen. "Wir sind uns bewusst, dass wir noch viel tun müssen, um das Vertrauen der Menschen in Amerika zurückzugewinnen", sagte daher auch VW-Chef Matthias Müller. Für Deutschland dürfte das auch gelten.

Quelle: RP
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