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Gewerkschaft geht auf Konfrontationskurs
Warum Verdi so gerne streikt

Frank Bsirske: Stationen eines Berufsfunktionärs
Frank Bsirske: Stationen eines Berufsfunktionärs FOTO: dpa, upy wst
Mitgliederschwund und zunehmende Konkurrenz schlagkräftiger Spartengewerkschaften machen der Dienstleistungsgewerkschaft zu schaffen. Deshalb setzt sie häufiger auf Konfrontation. Die Politik hält sich zurück. Von Maximilian Plück

Anfang der 80er Jahre erschien in der angesehenen britischen Fachzeitschrift "Economic Journal" ein Aufsatz, der für Wirbel sorgte. Mit ihrer "Unfalltheorie" lieferten William Siebert und John Addison einen Erklärungsversuch für die Häufigkeit von Streiks. Ihre Vorstellung lief, vereinfacht gesagt, auf Folgendes hinaus: Autofahrer, die aufs Gas drücken, um schneller am Arbeitsplatz zu sein, haben zwar mehr Zeit fürs Geldverdienen, nehmen aber ein höheres Risiko in Kauf, in einen Unfall verwickelt zu werden – durch den sie dann wiederum Geld verlieren würden. Dieses Szenario übertrugen die Autoren auf Arbeitskämpfe, machten aus dem Autofahrer die Gewerkschaft, aus dem Unfall den Streik, um so zu erklären, welche Verhandlungsdauer für die Gewerkschaften optimal ist.

Bleibt man im Sprachbild dieser Theorie, kommt es in Deutschland immer öfter zu Massenkarambolagen. Auffallend häufig fällt dabei der Name Verdi. Während andere Großgewerkschaften wie die IG Metall oder die IG Bergbau Chemie Energie höchstens mit vereinzelten Warnstreiks operieren und sonst am Verhandlungstisch mit den Arbeitgebern einig werden, setzt die zweitgrößte Gewerkschaft stärker auf Konfrontation: Ob mit Streiks an den Fluggastkontrollen, einer Warnstreikwelle der Landesbeschäftigten, den Ausständen bei der Lufthansa und bei Amazon oder den angedrohten Arbeitskämpfen bei den Energie-Versorgern RWE und Eon sowie bei den Kirchen – Verdi macht Druck. Gestern traf es die Kunden der Post. 2,3 Millionen Briefe und mehr als 100.000 Pakete blieben liegen, weil 3400 Beschäftigte in den Ausstand traten, um für sechs Prozent mehr Lohn zu streiken.

"Streikfreude wegen zunehmender Konkurrenz"

"Wir erleben derzeit, dass auch große Gewerkschaften wie Verdi streikfreudiger sind. Das liegt an der Zunahme der Konkurrenz", sagt Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). "Früher traten die großen Gewerkschaften quasi als Monopolisten auf. Seitdem das Bundesarbeitsgericht aber den Grundsatz der Tarifeinheit – also nur ein Tarifvertrag pro Unternehmen – für ungültig erklärt hat, sind die Sparten- und Berufsgewerkschaften auf dem Vormarsch", sagt Lesch. "Die Solidarität, die einst in den Unternehmen auch zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen geherrscht hat, nimmt ab." Organisationen wie Verdi, die ohnehin unter sinkenden Mitgliederzahlen leiden, müssten entsprechend reagieren, damit schlagkräftige Gruppen nicht in Spartengewerkschaften abwandern.

Dabei hätte es auch anders kommen können: Kurz nachdem das Bundesarbeitsgericht im Sommer 2010 die Tarifeinheit gekippt hatte, versuchte die Dienstleistungsgewerkschaft noch, die drohende Konkurrenz per Gesetz abzuwenden. Gemeinsam mit den übrigen DGB-Gewerkschaften und den Arbeitgebern drängte Verdi die Politik dazu, die Tarifeinheit im Gesetz festzuschreiben. Allerdings hatte die Verdi-Führung die Rechnung ohne die Mitglieder gemacht. Gewerkschafter reagieren allergisch auf staatliche Eingriffe in die Tarifpolitik.

Auf Druck der Basis verabschiedete sich Verdi aus der Initiative. Seitdem ist es – wohl auch wegen der Zaghaftigkeit der Politik – still geworden um eine gesetzlich festgeschriebene Tarifeinheit. Umso lauter führt Verdi dafür die Tarifauseinandersetzungen. Die Gewerkschaft konstatiert in ihrem letzten Geschäftsbericht, dass die Zahl der von ihr geführten Arbeitskämpfe "in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen" habe.

In einer Analyse mit dem Titel "Ökonomik des Arbeitskampfrechts" hat IW-Tarifexperte Lesch unlängst die Mechanismen beschrieben, die zu der erhöhten Konfliktbereitschaft führen. "Spannend ist etwa die Frage, ob die Gewerkschaften gleichzeitig oder nacheinander mit demselben Unternehmen verhandeln." Werden die Gespräche zu unterschiedlichen Zeitpunkten geführt, haben beide Konkurrenten ein Interesse daran, zuerst am Verhandlungstisch Platz zu nehmen. "Dann ist der zu verteilende Kuchen noch größer", erklärt Lesch. Doch warum führt dies automatisch zu mehr Streiks? "Man kann von sogenannten Neideffekten sprechen", erklärt Lesch: "Die zweite Gewerkschaft wird – um mindestens ein gleiches, wenn nicht besseres Ergebnis zu erzielen als die Konkurrenz – weniger Kompromisse eingehen."

Streiks sind kalkulierte Werbemaßnahmen

Sinnbildlich für den wachsenden Wettbewerb und die komplexeren Verhandlungen steht die Lufthansa. Bei Deutschlands größter Fluggesellschaft konkurrieren gleich drei Arbeitnehmerorganisationen miteinander: Cockpit vertritt die Piloten, die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation (Ufo) steht für einen Großteil des Kabinenpersonals, und Verdi ist für den Rest verantwortlich. Ein Versuch von Ufo und Verdi, gemeinsam zu kämpfen, scheiterte im vergangenen Jahr. Seitdem sind beide wieder solo unterwegs. Verdi verhandelt derzeit mit dem Management über höhere Löhne und eine Jobgarantie – und auch hier machte die Gewerkschaft Ende März mit einem großen Streik Druck.

Arbeitskämpfe haben aus Verdis Sicht einen weiteren Vorteil: Sie sind eine kalkulierte Werbemaßnahme. Allein die öffentlichkeitswirksamen Aktionen an den NRW-Flughäfen haben nach Angaben von Verdi NRW zu mehr Beitritten geführt – die genaue Zahl verrät die Gewerkschaft allerdings nicht.

Lesch kommt in seiner Analyse zu dem Schluss, dass es gute ökonomische Gründe gibt, "den Gewerkschaftswettbewerb gewissen Spielregeln zu unterwerfen" und damit auch das Verhältnis von Branchen- und Spartengewerkschaften neu zu regeln. Dass sich der Gesetzgeber – allen Beteuerungen zum Trotz – aber zum Verkehrspolizisten in puncto Streiks aufschwingt, der Massenkarambolagen verhindert, dürfte äußerst unwahrscheinlich sein.

(RP/felt/das/gre)
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