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Düsseldorf
Wem die Niedrigzinsen nutzen

Düsseldorf. An der Enteignung der Sparer durch Billigzinsen gibt es massive Kritik. Allerdings haben große Teile der Bevölkerung auch in Deutschland spürbare Vorteile durch die aktuelle EZB-Politik. Unser Autor hat das einmal durchgerechnet. Von Reinhard Kowalewsky

Schaue ich auf mein Festgeldkonto, bin ich geschockt: praktisch null Zins für die eiserne Reserve von einigen Tausend Euro. Der einzige Vorteil: Wenig Zinsen bedeuten sicher keine Steuern auf die Erträge. Und weil die Inflation deutlich unter einem Prozent liegt, hält sich am Ende die Geldvernichtung in Grenzen - ein Eis weniger pro Monat?

Lese ich dagegen meine Kreditverträge durch, komme ich ins Jubeln: Im Juni 2020 läuft ein Kredit von jetzt 130.000 Euro aus - statt schon jetzt sehr günstigen 3,2 Prozent dürfte ich bei jetzigem Zinsniveau bei vielleicht nur 1,5 Prozent neuem Zins landen. Statt 4100 Euro wären dann im Jahr 2000 Euro Zins fällig. Mit der Ersparnis von 2100 Euro im Jahr kann ich einen ganzen Urlaub finanzieren - mit täglich Eis.

Die Gegenüberstellung zeigt Licht und Schatten der aktuellen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Wer sich Geld leiht, egal, ob Staat, Unternehmen oder Privatbürger, profitiert enorm. Diejenigen, die bereits Vermögen in Form von sogenannten Sachwerten haben, gehören ebenfalls meistens zu den Gewinnern - die Immobilienpreise in den Metropolen boomen, der Wert deutscher Aktien (Dax 30) hat sich im Schnitt seit 2011 verdoppelt. Schwer zu beziffern sind natürlich die Effekte der Niedrigzinspolitik auf Arbeitsplätze und Löhne: Auch weil mit dem billigen Geld wenigstens eine breite Rezession in Europa verhindert wurde, liegt in Deutschland die Arbeitslosigkeit so niedrig wie lange nicht.

Und wegen der hohen Beschäftigung und der zunehmend steigenden Löhne ziehen in Westdeutschland die Renten im Sommer um fast fünf Prozent an - mehr als zehn Millionen Rentner können sich freuen, auf ihre staatliche Witwenrente erhält die Mutter eines Freundes pro Monat knapp 50 Euro mehr.

Bedeutet all dies, dass die deutschen Bürger EZB-Chef Mario Draghi nun doch Beifall klatschen müssen? Immerhin kauft die EZB mittlerweile sogar Anleihen von Unternehmen für monatlich viele Milliarden Euro auf, um so indirekt die Zinsen für Investitionen weiter zu senken. Banken müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken - das ist praktisch Nötigung zur Kreditvergabe. Und als entscheidendes Risiko provoziert natürlich die lockere Geldpolitik den weiteren wirtschaftspolitischen Schlendrian in einigen Ländern Südeuropas - und ganz am Ende könnte Europa gegenüber den Volkswirtschaften Asiens oder teilweise auch den USA insgesamt geschwächt dastehen - Eurosklerose statt Euroaufschwung.

Trotz dieser möglichen langfristigen Folgen des Discountgeldes muss die Lage sehr differenziert betrachtet werden: Ja, die realen Rendite auf Sparbücher liegt nach Abzug der Inflation im Minusbereich, aber wegen hoher Inflation gab es dies in den 70er und 80er Jahren bereits dreimal.

Ja, seit 2011 büßten deutsche Sparer insgesamt 88 Milliarden Euro an Zinserträgen auf Sparbüchern, Anleihen und Anleihefonds ein, aber dem stehen fast genauso große Zinsersparnisse von 85 Milliarden Euro von Häuslebauern gegenüber.

Beide Zahlen hat die Postbank erhoben, doch die Wahrheit ist noch differenzierter: Von den Billigzinsen profitieren netto am meisten diejenigen, die bereits ein Haus haben und nun günstig umschulden können. Der nominale Wert ihrer Immobilie steigt im Wert, während die Zinsbelastung sinkt - an sich müsste die etwas ältere gehobene Mittelschicht im Speckgürtel rund um Düsseldorf jeden Tag Sekt trinken.

Wer dagegen erstmals eine Immobilie kauft, für den sieht die Rechnung schon viel schwieriger aus. Er oder sie zahlt zwar oft nur 1,5 oder zwei Prozent Zins statt den früher üblichen vier oder fünf Prozent, doch in boomenden Städten wie Düsseldorf oder Köln "fressen" die steigenden Immobilienpreise den Vorteil der sinkenden Zinsen zum Teil wieder auf. Allerdings nicht ganz: Laut dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft ist es in den meisten Städten mittlerweile günstiger, eine Immobilie zu kaufen, als zur Miete zu wohnen.

Ein Kauf nach dieser Logik ist aber nur dann ohne zu großes Risiko, wenn der Käufer oder die Käuferin sehr schnell die Schuld tilgt, um beim notwendigen Umschulden in zehn oder 15 Jahren das Risiko möglicherweise gestiegener Zinsen kontern zu können. Wer drei Prozent des Kredites pro Jahr tilgt, muss nach zehn Jahren mehr als ein Drittel weniger neues Geld aufnehmen.

So bleiben als die großen Verlierer des Zinsmonopolys die Kunden der deutschen Lebensversicherungen und Pensionsfonds. 37 Milliarden Euro weniger an Einnahmen haben sie laut Postbank, weil die verbuchten Beiträge weniger hohe Renditen bringen als einst erhofft.

Wen trifft es am meisten? Auch hier ist die Wahrheit differenziert: In den 90er Jahren erhielten viele Kunden von Lebensversicherungen die Zusage eines Garantiezinses von vier Prozent - verbunden mit der Ankündigung, es könnte auch mehr werden. Gut, mehr als vier Prozent werden es nun praktisch nie, aber vier Prozent Rendite bei weniger als einem Prozent Inflation bringen drei Prozent risikolose Nettorendite - ganz so wenig ist das nicht.

Schlechter stehen dagegen Kunden mit neueren Verträgen da: Wer beispielsweise 2007 einen Garantiezins von 2,25 Prozent akzeptierte, weil er in Wahrheit auf mehr hoffte, wird nun eben nicht mehr bekommen. Kurzfristig verkraftbar, langfristig beim Aufbau der Altersvorsorge aber ganz bitter.

Quelle: RP
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