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Düsseldorf
Wer Visionen hat, sollte ins Netz gehen

Düsseldorf. Bei Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter können Privatpersonen mit ihrem Geld die Ideen von Gründern und Erfindern unterstützen. Deren Pläne reichen von Videos bis Handwerkskunst. Wir stellen Projekte aus der Region vor. Von Tobias Jochheim

Wer eine Vision hat, solle zum Arzt gehen, hat Ex-Kanzler Helmut Schmidt gesagt. Wer seine Vision allerdings nicht loswerden, sondern Wirklichkeit werden lassen will, sollte ins Netz gehen.

Crowdfunding-Plattformen bringen Erfinder direkt mit Fans ihrer Ideen zusammen, die größte ihrer Art ist Kickstarter.com. Seit 2009 haben dort mehr als zehn Millionen Privatleute aus aller Welt knapp 2,3 Milliarden US-Dollar investiert. So sind vor allem viele Comics und Kurzfilme für Hardcore-Fans produziert worden, aber auch das genial-einfache, extrem preisgünstige, windbetriebene Landminen-Räumgerät "Kafon" aus Bambus und Plastik, das sogar vom Museum of Modern Art in New York geadelt wurde.

Deutsche Tüftler haben bislang rund 2000 Ideen eingereicht. Aus Düsseldorf kamen 48, von denen sieben ihre Zielsumme erreichten. Die auf der Seite zu findenden Ideen aus der Region vermitteln einen Eindruck davon, was auf Kickstarter funktioniert. Da wäre etwa der Promi-Faktor: Die Düsseldorfer Sängerin Doro Pesch ("Queen of Metal") sammelte bei Fans 40.000 Euro für einen Musikvideo-Dreh.

Bodenständiger ist die "Ouver Cover Station", entwickelt vom Schreiner Birger Schneider (22) und seinem Vater. Im Grunde ist das bloß eine Filtertüten-Halterung für Menschen, die ihren Kaffee selbst aufbrühen möchten. Dem handgefertigten Produkt aus Edelstahl und Eschen-, Eiche, Kirsch- oder Walnussholz sieht man aber an, dass es am Ende einer Entwicklungsreihe aus sieben Prototypen steht. Mehr als 200 der Geräte hat Schneider inzwischen versandt, größtenteils ins Ausland, zum Preis von 59 Euro pro Stück. Sein Architekturstudium betreibt er weiter - und plant schon die nächsten Küchenprodukte.

Der Fotograf Moritz Leick (28) sammelte bei Freunden und Fremden 3500 Euro für einen Kalender mit Porträts von Mitgliedern des schwul-lesbischen Schwimmclubs "Düsseldorf Dolphins". "Ein tolles Erlebnis" nennt Leick die Kampagne: "Die Dynamik und Begeisterung, die man damit entfachen kann, ist einfach inspirierend."

Damian Kaczmarek (29) aus Siegen hat den "Sockenkuss" erfunden - Druckknöpfe aus Plastik, die beim Tragen nicht stören, aber Sockenpaare auch nach 10.000 Waschgängen noch zusammenhalten sollen, so dass das lästige Suchen und Sortieren der Vergangenheit angehört. Die Produktion läuft gerade an.

Weniger handfest geht es in Neuss zu: Schlappe 95.000 Euro wollte ein Motivationscoach einwerben, um unter anderem an einem einzigen Tag den Mount Everest zu besteigen. Für 313 Euro bekam er Zusagen - ein Fan wollte 88 Euro beisteuern, für das gute Gefühl und ein Buch über das Projekt. Tatsächlich zahlen muss nun niemand: Ähnlich wie bei "Wer wird Millionär?" fällt der Ideengeber auf null zurück, wenn er das selbstgesteckte Finanzierungsziel nicht erreicht.

Manchmal zieht auch der Erfinder die Reißleine: Dem Leverkusener Chun-Hee Her (42) hatten im Dezember viele Fans seines geplanten Brettspiels "Rogue Squad" geklagt, dass sie am Jahresende schlichtweg kein Geld mehr zur Verfügung hätten. 10.000 von 45.000 Euro hatte er in einer Woche schon gesammelt, ging aber auf Nummer sicher. Bald will er eine zweite Kampagne für das Spiel beginnen: noch größer, düsterer, geheimnisvoller.

In alles wird aber nicht investiert: Für das Krefelder Projekt "Die größte Party im Ruhrgebiet" fand sich kein einziger Fan. Ebenso erging es einem 23-jährigen Düsseldorfer, der in seinem Debütroman "Prayboy" die Radikalisierung eines Jugendlichen beschreiben wollte: Für 30.000 Euro wollte er "das beste Buch aller Zeiten" abliefern. Nix war's.

Doch das Scheitern einer Kickstarter-Kampagne muss nicht den Tod der Idee bedeuten. Die Firma Multiholz aus Tönisvorst konnte für ihren ergonomischen Holzschreibtisch Zusagen für ein Drittel der erhofften 85.000 Euro einwerben. Der Designer Adrian Geiger (25) produziert trotzdem - in der Garage seiner Eltern statt in der erhofften Halle.

Die skurrilste Idee zum Schluss: Gemeinsam mit drei Freunden wollte der Düsseldorfer Unternehmensberater Nick Piepenburg (31) Unterhosen auf den Markt bringen, die mittels eingewebter Silberfasern die männlichen Geschlechtsorgane vor Handy- und W-Lan-Strahlung schützen sollen. Dass ihr Produkt diesen Zweck erfüllt, wies das Quartett nach. Ob der unterstellte schädliche Effekt auf die Zeugungsfähigkeit so überhaupt existiert, ist jedoch fraglich. 25.000 Euro brachte das nicht ein. Die "Kronjuwelen"-Boxershorts gibt es dennoch zu kaufen, für 30 Euro pro Stück. Bei dem Unternehmen, das in einer guten Woche so viel Umsatz generiert wie Kickstarter.com in seiner gesamten Geschichte: Amazon.com.

Quelle: RP
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