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München
Der Mann, der Siemens erfand

München. Werner von Siemens gilt als einer der großen Erfinder seiner Zeit. Gestern feierte der Konzern den 200. Geburtstag seines Gründers. Von Georg Winters

Wenn die Kanzlerin persönlich kommt, dann gilt es einen Großen zu ehren. Selbst, wenn der schon fast 124 Jahre tot ist. Aber das spielt in solchen Fällen keine Rolle. Schließlich geht es um den 200. Geburtstag eines Mannes, ohne den Deutschland heute um einen Weltkonzern ärmer wäre: Werner von Siemens gilt als einer der großen Erfinder seiner Zeit. Schon zwei Wochen vor dem Geburtstag am 13. Dezember hat der Konzern gestern seinen Gründer mit einem Festakt gefeiert - nicht am Firmensitz München, sondern in Berlin-Siemensstadt, am Ostrand von Spandau, wo ein wesentlicher Teil der Siemens-Geschichte spielt.

Werner von Siemens erfand den Zeigertelegrafen (1846), den Generator (1866), die elektrische Eisenbahn (1879), den elektrischen Personenaufzug (1880). Alles bahnbrechende Leistungen. Dabei hat der Pionier beileibe keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere gehabt. Er geht ohne Abitur vom Gymnasium ab, den Eltern fehlt das notwendige Geld, mit dem sie ihrem Sohn ein Studium hätten finanzieren können. Seine militärische Ausbildung absolviert er bei der Artillerie, wo er zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wird, nachdem er als Sekundant an einem Duell teilgenommen hat. Schon da wird er zum Tüftler, entwickelt e später Seeminen für die Marine. 1849 verlässt Werner von Siemens das Militär. Zwei Jahre zuvor ist Siemens & Halske entstanden, ein Telegrafenwerk, das der Noch-Soldat zusammen mit dem Mechaniker Johann Georg Halske gegründet hat.

Von nun an nimmt die Siemens-Historie ihren Lauf. Und weil sich die Geschichte von einem Kreativkopf aus Berlin, der mit seinen Ideen und Erfindungen die Welt revolutionierte, genauso schön in der Neuzeit der Digitalisierungswunder und Start-ups erzählen ließe, wird dieser Tage in der einen oder anderen Würdigung des Siemens-Gründers die Frage gestellt, was wohl aus Werner von Siemens geworden wäre, wenn er eindreiviertel Jahrhunderte später zur Welt gekommen wäre. In welchem Hinterhof oder in welcher Garage er seine verrückten Ideen ausgebrütet hätte und ob er dereinst so wichtig für die Welt geworden wäre wie Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos.

Siemens hat den Spieß umgedreht und die Gegenwart in die Vergangenheit zurückversetzt. "In Deutschland wurde schon Gründerzeit praktiziert, da gab es im Silicon Valley noch nicht mal Garagen", hat der amtierende Vorstandschef Joe Kaeser gesagt. Da beschwört einer die Vergangenheit, um den Menschen zu zeigen, wie gut der Konzern Zukunft kann. Damals die Elektrifizierung, heute die Digitalisierung, im 19. Jahrhundert die elektrische Eisenbahn, im 20. der Transrapid in China. Von der Osram-Glühlampe zu großen Investments in erneuerbare Energien, vom ersten Megabit-Chip zu jenen von heute mit den unvorstellbar großen Speicherkapazitäten. Die Botschaft: Siemens war immer mit vorn dabei, und der Konzern trägt das Erbe seines Erfinders weiter durch die Zeit.

Mit mehr oder weniger Erfolg, werden Kritiker sagen. Stimmen nämlich die überlieferten Zitate, die man Werner von Siemens zuschreibt, wäre beispielsweise die Korruptionsaffäre von 2006 dem Gründervater ein Graus gewesen ("Ich sehe im Geschäft erst in zweiter Linie ein Geldwertobjekt, es ist für mich mehr ein Reich, welches ich gegründet habe und welches ich meinen Nachkommen ungeschmälert überlassen möchte, um in ihm weiter zu schaffen"). Und dann wäre da noch die unselige Geschichte um die Mobilfunksparte, die ihren Mitarbeitern erst extreme finanzielle Zugeständnisse abverlangte, das Geschäft dann ein Jahr später weiterverkaufte an den taiwanesischen BenQ-Konzern, der das Unternehmen 2006 in die Pleite schickte und rund 3300 Mitarbeiter ihrer Arbeitsplätze beraubte. Was hätte Werner von Siemens wohl dazu gesagt? Der Mann, der von sich behauptete: "Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich treuen Gehilfen nicht den erwarteten Anteil gäbe"?

Natürlich hinkt so ein Vergleich immer, weil ein Werner von Siemens keinen Konzern mit rund 350.000 Mitarbeitern und 75 Milliarden Euro Umsatz steuern musste, weil er nicht den Zwängen des Aktienmarktes unterlag und nicht den Anforderungen vieler anonymer Aktionäre gerecht werden musste. Aber die Beteiligung der Beschäftigten am Erfolg war für ihn schon in den Anfängen des Unternehmens selbstverständlich, ebenso später Inventurprämien als Form der Mitarbeiterbindung. Ein Unternehmer, für den soziales Engagement mehr als nur eine Worthülse war.

Die Gründerfamilie ist übrigens immer noch an Siemens beteiligt. Mehrere hundert Mitglieder halten noch sechs Prozent der Anteile, und einige von ihnen sollen noch heute im Konzern arbeiten - weitgehend unerkannt. Sie tragen das Erbe des Werner von Siemens auf jeden Fall weiter.

Quelle: RP
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