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Lieferdienste
Wettrennen zum Kunden

Berlin/Bonn. Amazon will Kunden in Berlin innerhalb einer Stunde beliefern. Demnächst soll das Angebot in weiteren Städten starten. Noch setzt der Internetriese auf externe Logistik-Unternehmen. Das könnte sich langfristig ändern. Von Reinhard Kowalewsky und Florian Rinke

Lieferungen innerhalb einer Stunde per Rohrpost oder das Anmieten einer Bohrinsel in der Nordsee, um skandinavische Länder noch schneller zu beliefern - zuletzt haben sich Online-Händler wie Amazon und Zalando ziemlich kuriose Lieferwege als April-Scherz einfallen lassen. Und doch: So abwegig die Ideen auch klingen mögen, zuzutrauen wären sie ihnen.

Denn längst hat ein Wettrennen zum Kunden begonnen, das selbst etablierte Logistikanbieter ganz schön ins Schwitzen bringt. Auf der Suche nach dem noch kürzeren, noch schnelleren Weg zum Kunden scheint dabei alles infrage zu kommen, was in irgendeiner Form schwimmen, rollen, fliegen oder laufen kann: In Berlin hat Amazon gestern die Belieferung von Kunden innerhalb von einer Stunde gestartet - unter anderem per Elektro-Lastenfahrrad. Die Deutsche Post/DHL setzt hingegen Drohnen ein, um auch entlegene Regionen versorgen zu können. Und wer in deutschen Innenstädten unterwegs ist, sieht schon jetzt regelmäßig die Paketboten von Hermes, UPS oder GDL um den besten Parkplatz kämpfen.

Das Geschäft mit Paketen ist ein Milliarden-Markt - und je mehr die Kunden im Internet bestellen, desto größer wird er. Allein in Deutschland erhielten die 40 Millionen Familien und Singles im vergangenen Jahr im Schnitt jeweils 28 Pakete von der Post, vor fünf Jahren waren es 20, in fünf Jahren werden es wohl knapp 35 Stück sein. Hinzu kommen Lieferungen von anderen Anbietern, wobei die Post hierzulande den größten Teil der Sendungen abdeckt.

Doch je kürzer die Lieferfristen werden, desto mehr Bewegung kommt in den Markt. Start-ups wie Liefery bieten schon jetzt die Zustellung von Paketen innerhalb von 90 Minuten an. Und der Mitgründer des Online-Modehändlers Zalando, Robert Gentz, sprach bereits Anfang 2015 davon, dass man langfristig Lieferungen innerhalb von 30 Minuten zustellen wolle - zuletzt testete man bereits Zustellungen am selben Tag, unter anderem in Köln.

Doch niemand drückt so sehr auf das Tempo wie Amazon. Die Anzeichen verdichten sich immer mehr, dass der Konzern den Aufbau einer eigenen Lieferflotte plant. Zuletzt gab es Meldungen, dass das Unternehmen Flugzeuge angemietet habe. Und an den Logistik-Zentren wie dem in Rheinberg gibt es zwar ein direkt angeschlossenes DHL-Versandzentrum, aber auch Möglichkeiten, um beispielsweise mit eigenen Transportern die Waren zu verschicken.

Das Muster ist dabei stets das Gleiche: Amazon testet die Verfahren, beobachtet genau, wie andere vorgehen - und schlägt dann mit eigenen, oft besseren Angeboten zu.

In Berlin sollen die Kunden aus einer rund 3000 Quadratmeter großen Station im Kudamm Karree im Stadtteil Charlottenburg beliefert werden. 6,99 Euro kostet der Express-Service innerhalb von 60 Minuten, innerhalb eines Zwei-Stunden-Fensters ist die Lieferung für Kunden des kostenpflichtigen Abo-Dienstes Prime gratis. Geliefert werden unter anderem frische Lebensmittel, Bücher, Bekleidung, DVDs oder Spielwaren. In vielen Städten in den USA, England oder beispielsweise auch Japan gibt es das Angebot bereits seit längerem.

Entsprechend genau beobachtet man die Aktivitäten von Amazon auch beim Partner DHL, gibt sich nach außen hin aber selbstbewusst: "Die probieren etwas Neues aus, so wie wir es auch oft machen", kommentierte zuletzt der für das Paketgeschäft zuständige Post-Vorstand Jürgen Gerdes als Amazon jüngst in einem Münchner Testversuch die eigene Zustellung ausprobierte, "aber tiefgreifende Verwerfungen des Marktes schließe ich aus". Es sei absehbar, dass Amazon lange wichtiger Partner bleibe. Wie wichtig, wurde im vergangenen Jahr während der Post-Streiks deutlich. Da gab es Gerüchte, dass die Post die Pakete von Amazon-Prime-Kunden bevorzugt durchgeleitet habe. Kein Wunder, Amazon ist der wichtigste Kunde.

Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Die Post hat überproportional stark vom Paket-Boom profitiert. Seit 2010 sei der ganze Paketmarkt in Deutschland beim Umsatz von 6,8 Milliarden Euro um knapp 30 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro gestiegen, sagte zuletzt Konzernchef Frank Appel. Aber weil die Post pro Jahr um fast neun Prozent zulegte, kontrolliert sie jetzt 44 Prozent des Marktes. 2010 seien es 39 Prozent gewesen. Auch deshalb konnte im ersten Quartal, dessen Zahlen gestern vorgestellt wurden, ein Gewinn von knapp 640 Millionen Euro - fast 30 Prozent mehr als 2015. Wichtigster Treiber: das Paketgeschäft.

Um auch weiter die Nase vorn zu haben, verlässt sich die Post nicht nur auf ihr enges Netz von Zustellstationen, sondern geht auch neue Wege, wie der erfolgreiche Test von Zustellungen per Drohne zuletzt zeigte.

Der Ausgang des Duells ist auch für Experten noch völlig offen. "Das ist ein extrem enges und auch spannungsreiches Verhältnis", sagt etwa der Essener Logistikberater Detlef Symanski, "Amazon kann ohne die Post in Deutschland nicht agieren, will sich aber teilweise von dieser Abhängigkeit befreien."

Quelle: RP
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