| 10.24 Uhr

Leverkusen/St. Louis
Wie Monsanto mit Bayer pokerte

Leverkusen/St. Louis. Für die Börsenaufsicht hat Monsanto eine Chronik der Übernahmeschlacht geschrieben. Sie zeigt, wie Marijn Dekkers seine Unschuld behielt und die Amerikaner per Parallelverhandlung mit BASF den Preis hochtrieben. Von Antje Höning

Vier Monate dauerte die öffentliche Schlacht um den umstrittenen Gentechnik-Konzern Monsanto. Am 14. September reichten sich Bayer-Chef Werner Baumann und Monsanto-Chef Hugh Grant in New York die Hände. Doch der Kampf hinter den Kulissen lief schon viel länger und härter, wie aus umfangreichen Unterlagen ("Proxy Statement") hervorgeht, die Monsanto für die US-Börsenaufsicht geschrieben und nun veröffentlicht hat. Sie erzählen einen packenden Wirtschaftskrimi.

Danach war Monsanto schon länger auf der Suche nach einem Partner. Nachdem Grant beim Schweizer Konkurrenten Syngenta abgeblitzt war, blickte er nach Deutschland. Am 17. Dezember und im Januar 2016 traf er sich mit dem Chef des Unternehmens, das in den Papieren "Company A" heißt, um "mögliche strategische Alternativen" zu diskutieren. Hinter A soll sich laut Branchenkreisen der deutsche Chemie-Riese BASF verbergen.

Im März kontaktierte Grant den damaligen Bayer-Chef Marijn Dekkers, der seinen Abschied zum 1. Mai angekündigt hatte, und bat um ein Treffen. Er, Grant, wolle Dekkers danken und den Neuen kennenlernen. Dekkers, der den Deal für zu riskant hielt, stimmte einem Treffen am 18. April zwar zu, ließ die Erwartungen aber bewusst tief hängen: Liam Condon, Chef von Bayers Agrarchemietochter Crop Science, teilte seinem US-Kollegen vorab mit, Grant solle nicht erwarten, dass es beim Treffen um die Übernahme gehe. Schließlich sei Baumann ja noch nicht im Amt.

Am 18. April reiste der Amerikaner nach Leverkusen, wo er mit Noch-Chef Dekkers und Bald-Chef Baumann zusammentraf. Man habe die generellen Visionen für die Unternehmen und die Branche diskutiert. Der Deal war kein Thema, sollte das wohl heißen. Dekkers konnte seine Unschuld in Sachen Monsanto behalten.

Dann übernahm Baumann das Steuer bei Bayer und gab Gas. Am 10. Mai traf er sich mit Grant und unterbreitete ihm ein erstes Angebot: 122 Dollar je Aktie in cash.

Kurz darauf bekam die Öffentlichkeit Wind von dem Milliarden-Deal. Die Agentur Bloomberg berichtete von Plänen, die Bayer-Aktie stürzte ab, der Monsanto-Kurs schnellte hoch. Von jetzt an wurde es für Bayer komplizierter: Die Öffentlichkeit war an Bord, es hagelte Kritik von Umweltverbänden und Politik. Zugleich verhandelte Monsanto parallel mit drei Konkurrenten: Company A, B, C. Hinter B und C stecken laut "Financial Times" der US-Konzern Koch Industries und der chinesische Konzern Sinochem. BASF wollte sich gestern nicht dazu äußern, ob sie hinter A steckt.

Am 23. Mai machte Baumann sein Angebot öffentlich und warb für die industrielle Logik der Fusion. Doch Monsanto sagte nein. Die Amerikaner wollten mehr Geld sehen. Also trieben sie die Gespräche mit den Konkurrenten voran. Grant war ständig unterwegs oder am Telefon. Er sprach offenbar noch mal mit BASF-Chef Kurt Bock. Am 20. Juni sprach ein Vertreter der US-Bank Morgan Stanley mit Company C. Der Druck auf Bayer stieg.

Baumann macht klar, dass es mehr Geld nur gibt, wenn Grant ihm einen tiefen Einblick in die Bücher ("due dilligence") erlaubt. Am 8. Juli legte der Deutsche nach und erhöhte das Angebot auf 125 Dollar je Aktie und bot eine Ausfallgebühr ("Antitrust Fee") von 1,5 Milliarden Dollar an für den Fall, dass Kartellbehörden den Deal zunichte machen. Doch Monsanto sagte wieder nein.

Am 30. Juli erreichte der Poker seinen Höhepunkt: Baumann sagte, er werde nicht weiter erhöhen. Grant konterte, Monsanto werde weiter ablehnen. Höchste Zeit für einen Joker: Der Monsanto-Chef schlug vor, sich doch mit den Chefkontrolleuren - Werner Wenning und Robert Stevens - zusammenzusetzen. Am 5. August trafen die vier mächtigen Chemiemanager zusammen. Bayer stellte 127,50 Dollar in Aussicht, und man einigte sich auf Spielregeln für die Ausfallgebühr: Bayer muss es akzeptieren, wenn die Kartellämter Verkäufe von Unternehmensteilen für bis zu 1,6 Milliarden Dollar verlangen. Muss die Bayer AG mehr verkaufen, steht es ihr frei, ob sie am Deal festhält - oder aussteigt und die Kartellstrafe zahlt.

Die Gespräche nahmen wieder Fahrt auf. In den folgenden Wochen ging es zwischen den Zentralen in St. Louis und Leverkusen munter hin und her. Aber Grant ließ auch den Draht zu den Konkurrenten nicht abreißen. Am 29. August stieg Company B aus dem Rennen aus.

Am 5. September machte Bayer dann seine Offerte von 127,50 Dollar öffentlich, nachdem unsere Redaktion über das Angebot berichtet hatte. Aber der Schotte Grant ließ nicht locker. Baumann musste noch zwei Schüppchen drauf legen: Er erhöhte die Ausfallgebühr auf zwei Milliarden Dollar. Und auch beim Preis besserte der Krefelder nach und bot nun 128 Dollar je Aktie, verbunden mit der Ansage: Dies sei das "best and final offer", das höchste und letzte Angebot.

Konkurrent BASF stieg aus den Gesprächen aus, jedenfalls bestätigte Company A am 12. September den Bankern von Morgan Stanley, man könne nicht bessere Bedingungen bieten, wie es in den Börsenpapieren heißt. Ebenso Company C.

Damit war der Weg frei: Monsanto-Verwaltungsrat und Bayer-Aufsichtsrat gaben grünes Licht für den Deal, der Bayer 59 Milliarden Euro kostet. Am 14. September schlugen Grant und Baumann öffentlich ein. Nun sind die Kartellämter und Monsanto-Aktionäre am Zug, die 2017 über den Deal abstimmen. Baumann dürfte heute, bei Vorstellung der Zwischenbilanz, etwas zum Stand der Kartell-Verhandlungen sagen. Grant ist zuversichtlich. Im Brief an seine Aktionäre, der dem 194-Seiten-Börsendokument beiliegt, heißt es: "Wir treten in eine neue Ära der Landwirtschaft ein."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Leverkusen/St. Louis: Wie Monsanto mit Bayer pokerte


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.