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Zürich
Wieder bringt sich ein Zurich-Manager um

Zürich. 2013 nahm sich der Finanzchef des Versicherungsriesen das Leben. Nun hat auch Ex-Chef Martin Senn Selbstmord begangen. Wieder stellt sich die Frage: War der Erfolgsdruck zu groß oder gibt es andere Gründe? Von Georg Winters

Bei der Schweizer Versicherungsgruppe Zurich herrscht Fassungslosigkeit. Zum zweiten Mal binnen drei Jahren hat ein hochrangiger Manager Selbstmord begangen. Diesmal ist es kein amtierender Vorstand wie 2013 Finanzchef Pierre Wauthier. Martin Senn (59) war vor einem halben Jahr von seinem Posten als Vorstandschef zurückgetreten - und damit angeblich seiner Ablösung durch den Verwaltungsrat zuvorgekommen. Am Freitag soll Senn sich Medienberichten zufolge in seiner Wohnung im Ort Klosters erschossen haben. Die Kantonpolizei bestätigte einen Einsatz. Senn war mit einer Geigerin aus Korea verheiratet. Er hinterlässt zwei erwachsene Kinder.

Grund für Senns Rücktritt war ein Gewinneinbruch 2015. Er drohte also wegen Erfolglosigkeit gefeuert zu werden. Bringt man sich deshalb sechs Monate nach der Demission um? War der Druck zu groß? Hat er seinen erzwungenen Abschied nicht verkraftet? Oder gibt es andere Gründe, die noch tiefer im persönlichen Umfeld liegen? "Die Familie von Martin Senn hat uns darüber informiert, dass Martin am letzten Freitag freiwillig aus dem Leben geschieden ist", teilte Zurich mit. "Aus Respekt vor Martin und aus Rücksicht auf die Familie geben wir dazu keine weiteren Kommentare ab."

Der Schock sitzt tief in Zürich. Aber die Situation ist anders als beim Freitod von Wauthier. Der hatte 2013 in einem Abschiedsbrief den damaligen Verwaltungsratsvorsitzenden Josef Ackermann für ein "unmenschliches Arbeitsklima" verantwortlich gemacht. Ackermann räumte daraufhin seinen Stuhl, auch wenn eine interne Untersuchung und die Schweizer Finanzaufsicht später zum Ergebnis kamen, dass den früheren Deutsche-Bank-Chef kein moralisches Verschulden am Selbstmord Wauthiers getroffen habe. Senn hat niemanden im Unternehmen kritisiert, sein Abschied war ohne Krawall, wenn auch nicht geräuschlos. Es schien wie so oft zu sein - das Aus für einen Manager, der den Ansprüchen der Stakeholder nicht mehr genügt hat, der nicht mehr als einer galt, der in die Erfolgsspur zurückfinden könnte.

Zweifellos ist der Druck auf das Management in den großen Konzernen in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen. Die Renditeansprüche der Investoren werden immer größer. Die Anforderungen, die Regulierungs- und Aufsichtsbehörden stellen, steigen ebenfalls. Das Internet macht im Sekundentakt jeden auch noch so kleinen Fehler sofort rund um den Globus öffentlich. Menschen steigen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens schneller auf - aber die Gefahr, rasch abzustürzen, ist auch weitaus größer, als das früher der Fall war. Auch Senn mag diesen Druck gespürt haben. Sein Freitod ist einer in einer Reihe von Manager-Selbstmorden, die sich in den vergangenen Jahren ereignet haben.

Swisscom Carsten Schloter, deutscher Chef des Schweizer Telekommunikationskonzerns, wird im Juli 2013 zu Hause tot aufgefunden. Er soll sich erhängt haben. Die Parallele zum Fall Wauthier: ein gestörtes Verhältnis zwischen dem Manager und seinem Verwaltungsratsvorsitzenden. Schloter, der sich zudem von seiner Frau getrennt hatte, fühlte seinen Job offenbar bedroht.

Deutsche Bank Ex-Deutsche-Bank-Manager William Broeksmit erhängt sich im Januar 2014 in seiner Londoner Wohnung. Er war im Frühjahr 2012 schon vor dem Start der Doppelspitze Anshu Jain/Jürgen Fitschen als Risikovorstand auserkoren worden. Doch noch ehe die neue Führungsriege in Amt und Würden war, musste sie schon nach einem neuen Mann Ausschau halten, weil die deutsche Finanzaufsicht Bafin Broeksmit für zu leicht befunden hatte. Sein Selbstmord soll im Zusammenhang mit Angst vor Ermittlungsverfahren bei der Deutschen Bank gestanden haben. Die betonte stets, Broeksmit habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Deutsche Bank Im selben Jahr erhängt sich der Deutsche-Bank-Manager Calogero Gambino. Wie bei Broeksmit wird ein Zusammenhang mit dem Verdacht auf Zinsmanipulationen hergestellt. Dies wird aber nie offiziell bestätigt. Die Bank ist in eine Vielzahl von Gerichtsprozessen wegen Manipulationen verwickelt und räumt nun auf.

Siemens Heinz-Joachim Neubürger stürzt sich im Februar 2015 von einer Eisenbahnbrücke in München in den Tod. Er war einer der Hauptverdächtigen in der Korruptionsaffäre, aber keiner hat so vehement seine Unschuld beteuert und so intensiv um seinen Ruf gekämpft wie er. Am Ende stellte die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen ein, Neubürger und Siemens einigten sich auf einen 2,5-Millionen-Euro-Vergleich. Materiell und strafrechtlich war alles ausgestanden - aber der Schaden an Neubürgers Seele war offenbar irreparabel.

Quelle: RP
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