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Interview mit Margret Suckale
"Wir haben BASF eine E-Mail-Diät verordnet"

Interview mit Margret Suckale: "Wir haben BASF eine E-Mail-Diät verordnet"
Margret Suckale im Gespräch mit unserer Redaktion. FOTO: Endermann, Andreas
Düsseldorf. Margret Suckale, Präsidentin des Chemiearbeitgeberverbandes und Arbeitsdirektorin bei BASF, spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Konjunktureintrübung, Fracking, eine Anti-Stress-Verordnung und die Frauenquote. Von Maximilian Plück

Frau Suckale, stehen wir vor einer neuen Rezession?

Suckale Wir haben ein deutlich schwierigeres Umfeld. Das liegt unter anderem an den geopolitischen Krisen. Das drückt auf die Stimmung und hat der Branche einen Dämpfer verpasst.

Sind nur die Russlandkrise und der Nahe Osten dafür verantwortlich?

Suckale Selbstverständlich spielen beide Regionen eine große Rolle. Aber da wäre auch noch Westeuropa zu nennen, wo die Reformen wie etwa in Frankreich nicht in Schwung kommen und sich das Wachstum im Laufe des Jahres deutlich abgeschwächt hat. Im Moment gibt es einige Bereiche, die uns Sorge bereiten.

Freuen dürfte Sie dagegen der niedrige Ölpreis.

Suckale Das sehe ich mit gemischten Gefühlen. Zum einen ist Öl ein wichtiger Rohstoff und Energieträger. Da kann ein niedriger Preis helfen. Zum anderen steht ein zurückgehender Ölpreis aber für nachlassendes gesamtwirtschaftliches Wachstum.

EU-Kommissar Oettinger hat moniert, dass die EU keine Häfen hat, die Flüssiggas aus den USA aufnehmen können. Passiert da zu wenig?

Suckale Wir sprechen viel über die Einfuhr von Gas, dabei haben wir doch Öl- und Gasreserven vor der Haustür. Wir müssen einfach offener und sachlicher darüber sprechen, wie wir die heimische Förderung ausbauen können. Dazu gehört auch das Thema Fracking.

Da werden Sie sich aber den Ärger der Bürger einhandeln.

Suckale Die Diskussion ist schon deutlich differenzierter geworden. Es gibt hierzulande bei konventionellen Lagerstätten bisher keinen nachgewiesenen Fall, in dem Fracking negative Folgen hatte. Deshalb wollen wir erforschen, ob sich die Schiefergas-Vorkommen umweltverträglich fördern lassen.

Und die Stichflammen, die in einigen US-Haushalten aus den Wasserhähnen kamen?

Suckale Das ist eindeutig ein natürliches Phänomen. Da geht es um das Biogas Methan in den Wasservorkommen. Damit ist zu Unrecht viel Stimmung gemacht worden.

Wird die Politik Ihnen beim Fracking genügend Rückendeckung geben?

Suckale Insbesondere das Bundesumweltministerium wird sich stärker als bislang mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Schließlich geht es um einen Beitrag zu unserer Energieversorgung.

Glauben Sie, dass die Russlandkrise für einen Stimmungswandel sorgt?

Suckale Die Russlandkrise führt jedenfalls die Bedeutung von Versorgungssicherheit und unterschiedlichen Bezugsquellen vor Augen.

Die Chemie ist als energieintensive Branche besonders von der Energiewende getroffen.

Suckale Für energieintensive Unternehmen wie die BASF war es wichtig, dass die Eigenproduktion von Energie nicht unter das Erneuerbare-Energien-Gesetz fällt. Für unseren Standort Ludwigshafen sprechen wir über Zusatzkosten von 400 Millionen Euro. Allerdings gibt es eine Revisionsklausel, das heißt, die Regelung kommt in zwei Jahren wieder auf den Prüfstand. Das schwächt die Innovationsfreudigkeit.

Sie haben mit der IG BCE die Initiative "Gutes und gesundes Arbeiten in der Chemie-Branche" ins Rollen gebracht. Klingt nach einer schönen PR-Aktion ohne bindende Wirkung.

Suckale Das Thema ist uns sehr wichtig. Angesichts des demografischen Wandels wollen wir noch mehr dazu beitragen, dass unsere Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben. Die Zahl der körperlichen Erkrankungen geht zurück, dafür steigt die Zahl der psychischen an. Das merken wir auch in der Chemie.

Was sind die Gründe für den Anstieg – größere Fallzahlen, schnelleres Erkennen oder der Wegfall von Stigmatisierung?

Suckale Ich glaube, alle Aspekte sind richtig. Wir sprechen offener über Burn-out-Fälle, weil sich inzwischen auch Prominente zu dieser Erkrankung bekennen. Wir modernen Menschen sind ständig gefordert – im Privaten und im Beruf. Das überfordert viele.

Die Bundesregierung spricht bereits offen über eine Anti-Stress-Verordnung. Warum wäre sie ein Fehler?

Suckale Das sollten die Sozialpartner und nicht die Politik regeln. Wir sind schließlich näher an den Betrieben und können besser beurteilen, was unsere Mitarbeiter benötigen. Eine Anti-Stress-Verordnung kann hier nichts beitragen, was die Unternehmen nicht ohnehin schon tun oder planen.

Wann haben Sie zuletzt Ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss eine E-Mail geschrieben?

Suckale Schreiben ist das eine, aber entscheidend ist, wann sie die Mail abschicken. Wenn ich am Abend oder am Wochenende eine Mail schreibe, schicke ich die Mail immer erst am nächsten Arbeitstag ab. So habe ich das Thema aus dem Kopf und der Kollege muss sich dennoch nicht noch am Abend damit beschäftigen.

Soweit Ihr persönlicher Tipp. Was ist mit BASF-weiten Regeln?

Suckale Bei einem globalen Unternehmen können Sie nicht einfach die Mail-Server herunterfahren. Wir haben uns aber eine "E-Mail-Diät" verordnet. Unsere Mitarbeiter auf allen Ebenen werden durch verschiedene Aktionen angehalten, ihr Mail-Verhalten kritisch zu hinterfragen. Muss ich immer auf den "Allen antworten"-Button klicken? Ein Telefonat bringt oft mehr als hin- und hergeschriebene E-Mails. Außerdem haben wir Anregungen zum Inhalt gegeben: Man sollte sich vorher überlegen, warum ich jemandem die Mail schreibe. Braucht er die Information wirklich? Wenn ich "Bitte Aktion" oder "Nur zur Info" in die Betreffzeile schreibe, ist dem Empfänger schon etwas Arbeit abgenommen. Und wir haben auch bei der Wortwahl Hinweise gegeben, quasi eine E-Mail-Etikette.

Aus der Wirtschaft kommt Kritik an der Arbeitsmarkt-Agenda der Regierung. Erleben wir eine Gängelung der Wirtschaft oder eine Korrektur von Fehlentwicklungen?

Suckale Es ist erstaunlich, wie stark sich die Politik in Themen einmischt, die Sache der Tarifparteien sind. Diese Einflussnahme ist völlig unnötig.

Laut Koalitionsvertrag sollen Werkverträgen stärker reglementiert werden. Ein überfälliger Schritt?

Suckale Vereinzelt hat es tatsächlich Fälle gegeben, in denen Unternehmer Werkverträge missbräuchlich eingesetzt haben. So etwas geht nicht! Die Fälle sind zu Recht angeprangert und nach meinem Kenntnisstand behoben worden. Wenn der Gesetzgeber neue Mitspracherechte der Betriebsräte bei Werkverträgen verankert, verlangsamt das die Prozesse so stark, dass die Unternehmen Produktivität verlieren.

Die Regierung will die Höchstdauer des Zeitarbeitereinsatzes auf 18 Monate begrenzen und Equal Pay nach neun Monaten einführen. Wäre die Zeitarbeit dann noch attraktiv?

Suckale Der Zeitarbeiteranteil in der Chemie beträgt weniger als fünf Prozent. Trotzdem benötigen wir dieses Instrument, um Auftragsschwankungen abzudecken. Als Verband fordern wir zumindest Öffnungsklauseln für die geplanten starren Regelungen. Ansonsten wird die Branche wieder stärker über Outsourcing diskutieren müssen.

Geplant ist ein Gesetz zur Frauenquote. Sie selbst haben es ohne Quote ins Top-Management geschafft – waren allerdings lange Zeit die einzige. Was halten Sie von einer Quote?

Suckale Meine Generation ist so selten in Spitzenpositionen vertreten, weil mit der dreijährigen Elternzeit falsche Anreize gesetzt wurden. Die Frauen blieben dann häufig nach dem ersten Kind zu Hause. Viele Unternehmen haben dies erkannt. Mit Teilzeitmodellen, aber auch durch firmeneigene Kinderbetreuung kehren Frauen heute in der Regel viel schneller an den Arbeitsplatz zurück.

Aber brauchen wir nicht auch die Quote?

Suckael Darüber, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen, besteht mittlerweile Einigkeit. Nur der Weg dahin ist umstritten. Mit einer Quote werden wir das Ziel nicht erreichen. Wir benötigen in Deutschland bessere Rahmenbedingungen wie verlässliche Ganztagsschulen mit einem guten Angebot an die Schüler.

Derzeit erlebt Deutschland wieder die Schlagkraft von Spartengewerkschaften. Brauchen wir ein Tarifeinheitsgesetz oder muss die Republik ein paar Luftfahrt- und Bahnstreiks aushalten können?

Suckale Das ist kein Problem nur dieser beiden Branchen. Spartengewerkschaften können sich überall bilden. Wenn einzelne Berufsgruppen dann anfangen, einen Betrieb dauerhaft lahmzulegen, schadet das der Produktivität und dem Betriebsfrieden. Außerdem führt das zu einer Entsolidarisierung der Belegschaft. Deshalb brauchen wir ein Gesetz.

Befürchten Sie in der Chemie-Branche die Bildung von Spartengewerkschaften?

Suckale Die Gefahr besteht wie gesagt überall, allerdings gibt es aktuell in der Chemie keinen Anlass zur Sorge. Wenn aber jede Berufsgruppe anfinge, für ihre individuellen Interessen zu streiken, dann würde der gesamte Betrieb stillstehen - unabhängig von der Branche. Außerdem sind die mittelbaren Schäden, die durch Streiks bei der Bahn oder bei der Lufthansa entstehen, erheblich und treffen alle, die entweder als Passagier oder als Versender von Fracht auf den Zug- oder Flugverkehr angewiesen sind.

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