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Interview mit Jens Schulte-Bockum
"Wir versuchen, Kündigungen bei Vodafone zu vermeiden"

Interview mit Jens Schulte-Bockum: "Wir versuchen, Kündigungen bei Vodafone zu vermeiden"
Jens Schulte-Bockum erklärt, wohin Vodafones Strategie zielt. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Jens Schulte-Bockum, Vorsitzender der Geschäftsführung von Vodafone, über Kündigungen, die Absage der firmeninternen Weihnachtsfeiern und die Zukunft des Zukaufs Kabel Deutschland.

Beim Netztest der Zeitschrift "Connect" lag die Telekom wieder vor Ihnen, in der Geschäftsführung gibt es Wechsel, der Umsatz schwächelt. Steckt Vodafone in der Krise?

Schulte-Bockum Dieses Jahr ist nicht einfach. Wir haben schwere Themen angefasst, um Vodafone am Markt nachhaltig zu stärken: Durch die Übernahme von Kabel Deutschland (KD) entsteht das mit Abstand leistungsfähigste Fest- und Mobilfunknetz Deutschlands. Mit unserer Netzmodernisierung haben wir uns in Sachen Sprache und Daten verbessert – und den Abstand zu den Verfolgern vergrößert. Im Mobilfunknetz werden wir jetzt noch einmal einen Gang höher schalten. Bis 2015 investieren wir vier Milliarden Euro hierzulande. Vor allem, um Kunden nicht nur das breiteste, sondern überall auch das beste Netz zu bieten. Damit investieren wir in einer Zeit, in der andere sich eher zurückziehen.

Was heißt das in der Summe?

Schulte-Bockum Der Markt bleibt hart und stürmisch. Deshalb müssen wir unsere Kosten klar im Blick behalten. Aber die Strategie stimmt und wir können investieren. Krise ist also das falsche Wort.

Die Belegschaft schockten Sie mit dem Verzicht auf Weihnachtsfeiern - immerhin hat die Firma genug Geld, um für zehn Milliarden Euro Kabel Deutschland zu kaufen.

Schulte-Bockum Die Entscheidung, die Weihnachtsfeiern dieses Jahr nicht finanziell zu unterstützen, ist uns sehr schwer gefallen. Es geht uns darum, ein Signal zu setzen. Wir müssen sparen. Hier haben wir im letzten Jahr bereits wichtige Maßnahmen eingeleitet, aber der Markt gönnt uns keine Pause. Mit unserem neuen Programm "Fit for Growth" wollen wir 100 Millionen Euro netto aus den jährlichen operativen Kosten von zwei Milliarden Euro herauskürzen.

Darum kein Geld für Feiern?

Schulte-Bockum Wie gesagt, es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Ich weiß, es ist nicht leicht zu vermitteln, auf der einen Seite hart sparen zu müssen und auf der anderen Seite in die Zukunft zu investieren. Für den Kauf von Kabel Deutschland, ins Netz, in den Service und rund 400 Millionen Euro im kommenden Jahr in die Kundengewinnung. Übrigens, bei den Kundenzahlen geht es bergauf. Das Weihnachtsgeschäft läuft richtig gut an.

Der Betriebsrat plant nun auf eigene Faust eine Weihnachtsfeier - jeder der kommt, zahlt 15 Euro …

Schulte-Bockum Eine tolle Idee! Ich finde diesen Zusammenhalt klasse. Mitglieder der Geschäftsführung, so auch ich, nehmen gerne an dieser Weihnachtfeier teil. Nur nebenbei: Die Absage der offiziellen Feier gilt natürlich auch für den Vorstand. Stattdessen kochen wir zusammen ganz bodenständig zu Hause.

Wenn Sie 100 Millionen Euro netto, also brutto 200 Millionen inklusive auszugleichender höherer Kosten sparen wollen, kann das Jobs kosten. Schließen Sie Entlassungen aus?

Schulte-Bockum Betriebsbedingte Kündigungen kann man nie ganz ausschließen. Wir versuchen aber, sie zu vermeiden. So haben wir ja auch bei der Umstrukturierung unseres Servicebereiches und bei der Netztechnik Lösungen mit Gewerkschaft und Betriebsrat gefunden. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese schon eingeleiteten Sparmaßnahmen bringen auch rund die Hälfte der künftigen Kostensenkungen.

Neue Mitarbeiter in Ihren Call-Centern verdienen jetzt nur noch 1800 Euro im Monat statt wie bisher 2500 Euro. Was bedeutet das?

Schulte-Bockum Vor allem, dass wir jetzt nach Jahren dort endlich wieder einstellen können, statt weiter outzusourcen. Mit den neuen Anfangsgehältern liegen wir jetzt auf einem sehr wettbewerbsfähigen Niveau, sogar etwas besser als die Telekom. Denn wir haben mit der IG Metall niedrigere Tarife im Servicebereich vereinbart als sie die Telekom bei sich mit Verdi abschloss. Selbstverständlich liegen diese höher als bei externen Anbietern. Wie gesagt, das betrifft Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die neu eingestellt werden.

Ihre Vertriebsgeschäftsführerin Susanne Hennersdorf ging Ende Oktober ganz plötzlich. Warum?

Schulte-Bockum Frau Hennersdorf hatte sich entschieden, berufliche Herausforderungen außerhalb unseres Unternehmens zu suchen. Wir haben im Vertrieb jetzt die Organisation gestrafft und werden die Prozesse optimieren. Peter Waltz ist nun für den gesamten Vertrieb, Otelo und Vodafone, verantwortlich.

Warum hilft bei Ihrem Umbauprogramm eigentlich die Beratungsfirma Boston Consulting, obwohl Sie selber früher beim Branchenprimus McKinsey waren?

Schulte-Bockum Wo ich einmal beschäftigt war kann und darf doch in Auswahlprozessen keinerlei Rolle spielen. Wir haben das Projekt ausgeschrieben und dabei hat Boston Consulting den Zuschlag erhalten. So einfach war das.

Was halten Sie von der Telekom-Idee, bei DSL künftig zwischen echten Flatrates und Volumen-Tarifen zu unterscheiden, bei denen ab dem erreichten Volumen gedrosselt wird.

Schulte-Bockum Wir finden Transparenz gut – auch darum erfahren unsere Kunden ja schon bald, wie schnell ihre DSL- und Mobilfunk-Anschlüsse wirklich sind. Unterm Strich habe ich auch eine gewisse Sympathie dafür, dass wenige, die Netze stärker belasten als die Allgemeinheit, sich auch stärker einbringen. Nichtsdestotrotz haben wir bei Vodafone keine Planungen die DSL Geschwindigkeit nach einem gewissen Verbrauch zu drosseln.

Ihr künftiges Tochterunternehmen Kabel Deutschland drosselt bei Flatrates das Übertragungstempo, wenn ein bestimmtes, sehr hohes Volumen überschritten wurde. Wird diese Abkehr von echten Flatrates unter dem Vodafone-Dach beibehalten?

Schulte-Bockum Für Kabel Deutschland streben wir einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag an. Bis dahin ist und bleibt Kabel Deutschland ein völlig eigenständiges Unternehmen. Also, diese Frage kommt deutlich zu früh.

Keine Pläne für den Riesenzukauf?

Schulte-Bockum Doch: Zusammen mit Kabel Deutschland das leistungsfähigste Fest- und Mobilfunknetz in Deutschland zu schaffen. Das Ziel ist, Kunden führende Produkte für Mobil- und Festnetztelefonie anzubieten, genau wie für Breitband-Internet und TV.

Ärgerlicherweise würde Ihnen das Kartellamt aber verbieten, den in NRW dominierenden Kabelnetzanbieter Deutschlands, Unitymedia auch noch zu schlucken.

Schulte-Bockum Solche Szenarien sind für uns derzeit nicht relevant. Wir werden uns mit Kabel Deutschland beschäftigen.

Pech für die NRW-Bürger?

Schulte-Bockum Nein. Wir haben ja mit der Telekom vereinbart, ihre künftig mit der Vectoring Technik aufgerüsteten DSL-Anschlüsse unter unserem Namen zu vermarkten und zu schalten. Wir können also auch in der Region ein hervorragendes Angebot von 50 Megabit/Sekunde machen und bauen dafür unser TV- und Videoangebot stark aus.

Warum ist Vodafones Europa-Chef Philipp Humm Aufsichtsratschef von KD geworden und nicht Sie?

Schulte-Bockum Der Zukauf von KD ist die größte Akquisition von Vodafone seit Jahren. Also ist doch nur richtig, dass Philipp Humm im Aufsichtsrat vertreten sein sollte und als Verantwortlicher für unser Europageschäft diesen auch leitet.

Bleibt KD eine eigene Firma?

Schulte-Bockum Wir wollen zunächst einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit Kabel Deutschland abschließen. Sobald wir das erreicht haben, sehen wir weiter. Sicher ist aber: Wir wollen einen Großteil der Festnetzkompetenz in Unterföhring konzentrieren. Gemeinsam werden wir ein schlagkräftiges Team.

Und Vodafone Düsseldorf wird wieder ein reiner Mobilfunker?

Schulte-Bockum Unser großes DSL-Standbein haben wir schon länger in Eschborn. Mit Unterföhring wollen wir uns im Festnetz noch breiter aufstellen. Netzmodernisierung und -ausbau, Konzentration auf Kundengewinnung, Verbesserung des Service und der Erwerb von KD – spannende Zeiten stehen ins Haus.

Reinhard Kowalewsky führte das Gespräch.

(felt)
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