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Essay
Die bedrohte Zukunft der NRW-Industrie

Die bedrohte Zukunft der NRW-Industrie
Einer der größten Arbeitgeber in NRW: Bayer. FOTO: dpa, obe fdt mg
Düsseldorf. Der Fracking-Boom in den USA macht NRW als Chemie-Standort unattraktiv. Chinesen können auch Stahlwerke bauen. Immerhin gibt es mehr Gründer. Von Antje Höning

Die NRW-Wirtschaft fällt seit Jahren zurück. Seit der deutschen Einigung liegt das Inlandsprodukt pro Kopf in NRW unter dem Durchschnitt der westlichen Bundesländer. NRW-Bürger erwirtschafteten im Schnitt pro Kopf 32.600 Euro im Jahr, in Bayern sind es 36 900. "Das Land schöpft sein Potenzial nicht aus", hatte McKinsey schon in einer Studie 2013 festgestellt.

Zunehmend leiden Unternehmen unter der Konkurrenz aus China. Hatten die Chinesen zunächst Europas Textilindustrie mit günstiger Produktion den Garaus gemacht, setzen sie längst auch Chemie, Schiffs-, Auto- und Stahlwerksbauern mit ihren guten wie günstigen Standardprodukten zu.

Bahnbrechende Produkte aus NRW FOTO: AP, AP

Nun droht aus dem Westen eine neue Gefahr: Der Fracking-Boom in den USA hat dort die Preise für Energie und Rohstoffe tief fallen lassen. Das macht die USA gerade für Chemie-Betriebe immer attraktiver und den Standort NRW immer unattraktiver. Beim Fracking werden durch das Verpressen von Chemikalien in den Boden Öl und Gas aus tief liegenden Stein- und Schieferschichten hochgeholt. Das hat zu einem großen Angebot und entsprechendem Preisverfall geführt.

Mittlerweile müssen Unternehmen für Strom in den USA nur noch halb so viel zahlen wie hierzulande. Gas kostet sie nur noch ein Drittel. "Dann ist in Industrien mit einem Energiekostenanteil von 50 Prozent und mehr die Standortrechnung einfach", sagte jüngst Werner Wenning, Aufsichtsratschef von Bayer und Eon. "Neuinvestitionen finden künftig im Ausland statt. Und die Veredelungsstufen folgen nach." Das sei ein schleichender, aber umso gefährlicherer Prozess.

Zu den besonders energie-intensiven Industrien gehören Chemie und Kunststoffe, Stahlwerke und Aluhütten. Entsprechend hoch ist in diesen Branchen der Druck. Diese Entwicklung trifft besonders Nordrhein-Westfalen. Das Land ist der wichtigste Chemie-Standort in Deutschland. 400 Chemie-Unternehmen geben hier 88.000 Menschen Arbeit. Nach Metall ist die Chemie der wichtigste Wirtschaftszweig.

Aufwand für Energie so hoch wie für Personal

Besonders schwierig ist die Lage in der Kunststoff-Erzeugung. In Deutschland hat sich der Anteil der Energiekosten an den Gesamtkosten von einst fünf Prozent auf 15 Prozent erhöht. Damit müssen die Unternehmen für Energie heute ebenso viel aufwenden wie für Personal. Dass beim Fracking zudem Unmengen an Gasen wie Ethylen entstehen, die billige Rohstoffe für die Kunststoff-Industrie in den USA sind, kommt erschwerend hinzu.

Die brillantesten Köpfe der NRW-Industrie FOTO: dpa

"Die hohen deutschen Lohnkosten haben wir in den Griff bekommen, weil deutsche Fabriken nach vielen Rationalisierungs-programmen produktiver sind als ausländische. Doch gegen den Anstieg der Energiekosten können wir nicht ansparen", sagt der Lenker eines Chemie-Konzerns aus NRW.

Ähnliches gilt auch für die Stahlindustrie, für die Nordrhein-Westfalen ebenfalls der wichtigste Standort ist. Dabei tun die Konzerne viel, um die Standorte zu erhalten ThyssenKrupp etwa hat jüngst in Duisburg nach einer Grundrenovierung Europas größten Hochofen wieder angefahren. "Ein gutes Zeichen für Duisburg, dem größten Stahlstandort Europas", wie NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) lobte.

Noch mehr Industrie darf das Land nicht verlieren. Waren 1978 noch über die Hälfte der Beschäftigten aus Nordrhein-Westfalen in der Industrie tätig, so sind es heute nur noch 29 Prozent. Dagegen ist der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich von 46 Prozent auf heute 70 Prozent gestiegen. Ende der 1970er Jahre hatte die Industrie an Rhein und Ruhr 2,7 Millionen Beschäftigte, heute sind es nur noch knapp 1,8 Millionen, wie Uwe Neumann weiß. Er ist Regionalforscher am Rheinisch-Wetsfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Im Ruhrgebiet hat die Industrie noch mehr an Bedeutung verloren. Hier liegt der Anteil der Industrie-Beschäftigten bei 26 Prozent. "Die Industrie, die hier noch ist, ist in der Regel sehr wettbewerbsfähig. Aber es wachsen zu wenige neue Unternehmen nach, um das Wegbrechen alter Industrien zu kompensieren", sagt Neumann.

NRWirtschaft im Wandel – die Jury FOTO: dpa, Jan-Philipp Strobel

Süden muss nicht auf Dauer voraus sein

Aber es gibt auch hoffnungsvolle Signale. Auf die Frage, ob der Süden auf Dauer voraus sein müsse, sagt Neumann: "Nein, das muss nicht so bleiben. Bei den Unternehmensgründungen holt NRW bereits gegenüber Bayern und Baden-Württemberg auf. Berlin liegt weiter an der Spitze, aber NRW liegt im deutschen Mittelfeld." Auch Hochwertiges entsteht: Zwar ist der Anteil der personenbezogenen Dienstleistungen bei den Gründungen mit 30 Prozent hoch. "Aber auch in NRW entstehen mehr als Fußpflege-Praxen", sagte der RWI-Forscher. Im vergangenen Jahrzehnt entfielen über zehn Prozent der Neugründungen in NRW auf den High-Tech-Bereich. Im Umfeld von Universitäten und wettbewerbsfähigen Unternehmen werde gegründet. So ist etwa das Biotech-Unternehmen Qiagen aus der Uni Düsseldorf heraus entstanden und gilt vom Börsenwert her bereits als ein Kandidat für den Dax.

Aber auch auf digitalen Unternehmen ruhen die Hoffnungen des Landes. Neben den großen Telekommunikationsunternehmen wie Telekom und Vodafone sind junge hoffnungsvolle Unternehmen entstanden - wie in Düsseldorf Secusmart, der Hersteller abhörsicherer Handys, oder Trivago, die Reisesuchmaschine. Mittlerweile arbeiten gut 200.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in über 23.000 Telekommunikations- und Infrastruktur-Unternehmen und erwirtschaften einen Umsatz von fast 100 Milliarden Euro.

Grundlegende Probleme bleiben: Abgesehen von Großen wie Henkel, Bayer oder Evonik investieren zu wenige in die Zukunft. "In Baden-Württemberg entsprechen die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung über vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in NRW nur 1,2 Prozent", mahnt RWI-Forscher Neumann. NRW habe eben kein SAP oder Microsoft, hatte schon Duin bedauert.

Auch lässt sich der Standortnachteil bei den Energiekosten, der durch die Energiewende noch verschärft wurde, nicht ausgleichen, indem man weiter Unternehmen zulasten von Stromkunden von Abgaben befreit. Eine Chance könnte es sein, das umstrittenen Fracking in Deutschland wenigstens zu testen (genug Lagerstätten gibt es auch in NRW) und die kostspielige Förderung des Ökostroms auf neue Beine zu stellen.

Sonst könnte Werner Wenning womöglich recht behalten: "Ich mache mir große Sorgen, dass wir bald an dem Punkt angelangt sind, wo wir eine Agenda 2025 brauchen, also harte Einschnitte, damit wir im globalen Wettbewerb nicht zurückfallen."

Quelle: RP
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