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Serie Wirtschaft im Wandel
Die Mehrdrescher

Serie Wirtschaft im Wandel: Die Mehrdrescher
Ein Landwirt erntet mit einem Claas Lexion 550 Mähdrescher einen Wintergerstenschlag bei Großdittmansdorf (Sachsen). FOTO: dpa
Seit mehr als 100 Jahren baut Claas Landmaschinen. Im Laufe der Zeit wurden aus Mähdreschern und Traktoren wahre Hightech-Maschinen. Das spricht sich rum: Inzwischen kennt sogar Barack Obama den Familienbetrieb aus Harsewinkel. Von Florian Rinke

Der Name Harsewinkel klingt nicht unbedingt nach Rock'n'Roll, nach Exzessen - hier geht es eher gediegen zu. Und deswegen ist der lokale "Technoparc" auch keine Großraum-Disko, sondern eine Mischung aus Zukunftswerkstatt und Museum. Besucher sehen hier hochmoderne Mähdrescher und Traktoren, aber auch die Anfänge von Claas, dem Unternehmen, das dem Ort seinen Spitznamen gegeben hat: Mähdrescherstadt.

Wer nach Harsewinkel kommt, sieht diesen Namen auf dem Schild am Ortseingang. Knapp 24.000 Menschen leben hier, fast jeder arbeitet bei dem Landmaschinen-Hersteller - oder kennt dort jemanden. Claas ist Harsewinkel und umgekehrt.

1913 wurde das Unternehmen von August Claas gegründet, bis heute ist es - anders als Konkurrenten wie der börsennotierte US-Konzern John Deere - im Familienbesitz. Im Technoparc können Besucher einen Spaziergang durch die Claas-Geschichte machen, vom ersten Strohbinder, mit dem sich die Bündel besser verzurren ließen, bis hin zu dem heutigen Hightech-Mähdrescher Lexion.

Aus dem kleinen Familienbetrieb ist ein global agierendes Unternehmen geworden: Mähdrescher, Traktoren, Feldhäcksler - weltweit kann man auf Feldern die grünen Claas-Maschinen sehen. 2015 erwirtschafteten die 11.500 Mitarbeiter rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz. Dank Claas ist die Region Ostwestfalen inzwischen sogar in Russland oder den USA ein Begriff.

In St. Petersburg wurde man zuletzt am Rande des Wirtschaftsforums sogar zum "russischen Hersteller" ernannt. Damit würdigte die Regierung zum einen das Engagement von Claas, das dort eine Fabrik errichtet hatte, zum anderen ermöglichte sie den Deutschen so den gleichen Zugang zu staatlichen Beihilfen wie der heimischen Industrie.

Und als US-Präsident Barack Obama zuletzt die weltgrößte Industrieschau Hannover-Messe besuchte, nahm auch Claas-Aufsichtsratsvorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser am abendlichen Essen mit Kanzlerin Angela Merkel teil.

Die Unternehmerin aus Harsewinkel zwischen den Chefs von Microsoft, Siemens oder Boeing - das ist nur auf den ersten Blick ungewöhnlich. Denn Claas ist nicht nur ein gelungenes Beispiel für den weltweit bewunderten deutschen Mittelstand, sondern auch für das Thema "Industrie 4.0", also die Vernetzung von Maschinen, das die Geschichte der deutschen Ingenieurskunst im Zeitalter der Digitalisierung fortschreiben soll.

Ging es beim ersten Strohbinder von Claas noch darum, dass minderwertige Garne zum Binden genutzt werden können, ohne zu reißen, sind die Ansprüche an Claas-Maschinen inzwischen ungleich höher. Heute können die Mähdrescher satellitengesteuert auf zwei Zentimeter genau autonom ihre Bahnen über die Felder ziehen, Sensoren analysieren dabei permanent die Ernte. So weiß der Landwirt genau, auf welchem Quadratmeter Fläche er beim nächsten Mal mehr oder weniger düngen muss. "Wir sehen uns als einer der Pioniere der Digitalisierung weltweit", hat Claas-Chef Lothar Kriszun mal gesagt. An Themen wie der Ertragskartierung, bei der genau gemessen wird, wie viel Ernte pro Quadratmeter eingefahren wird, arbeite man beispielsweise schon seit den 1990er Jahren.

In den kommenden Jahren, ist man bei Claas sicher, werde das Zusammenspiel von Maschinen und Daten noch wichtiger. Denn die Landwirte müssen immer produktiver werden. Um in einem schrumpfenden Markt für Landwirtschaftstechnik weiter wachsen zu können, setzt Claas einerseits auf die Kompetenz im eigenen Haus, weshalb zuletzt der Grundstein für ein neues Elektronikentwicklungszentrum in der Nähe von Osnabrück gelegt wurde. Andererseits ist Claas auch Mitglied im Netzwerk "It's OWL", in dem sich verschiedene Unternehmen aus der Region Ostwestfalen-Lippe zusammengeschlossen haben, um gemeinsam Grundlagenforschung zu betreiben und sich so gegenseitig zu stärken.

Was das heißt, konnte man auf der Hannover Messe beobachten. Dort gaben die Unternehmen der Region eine gemeinsame Pressekonferenz, an der Claas genauso teilnahm wie der Küchengerätehersteller Miele. Und zwischen diesen Weltmarken stand Simon Jegelka, ein junger Gründer.

Er hat mit seinem Start-up Topocare eine Maschine entwickelt, mit der sich bei Hochwasser riesige Textilschläuche verlegen lassen. In einer Stunde schafft diese so viele Barrieren aus sandgefüllten Schläuchen wie sonst 420 Hilfskräfte mit 10.000 Sandsäcken. Möglich wurde die Entwicklung nur, weil Jegelka und Claas zusammenarbeiteten. Claas hatte ein System entwickelt, mit dem sich die Wege der Mähdrescher genauer steuern lassen. Die Technik nutzt Topocare für den Hochwasserschutz. Für Claas kein Problem - so ist das in Kleinstädten: Man kennt sich, man hilft sich.

Quelle: RP
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