| 15.30 Uhr

Wirtschaft Im Wandel
Die Renaissance des Fotoalbums

Mönchengladbach. Das 1961 gegründete Unternehmen Cewe reagierte auf den Wandel von analoger zu digitaler Fotografie mit einer völligen Neuausrichtung. Aus dem gesichtslosen Dienstleister für Fotoläden und Drogerien ist der Fotobuch-Marktführer geworden. Von Oliver Burwig

"Die Menschen hassen Veränderungen", sagt Matthias Meß, Geschäftsführer der Cewe-Niederlassung in Mönchengladbach. Und doch zeigt sich an der jüngsten Entwicklung seines Unternehmens, dass in einigen Branchen Stillstand den Ruin und Veränderung eine vielversprechende Zukunft bedeuten kann.

Man nehme das Beispiel Kodak, des einst bedeutendsten Fotomaterial-Anbieters, der sich an das Geschäft mit analogen Fotos klammerte, weil es mehr Gewinn versprach. Den Siegeszug der Digitalfotografie konnte das nicht aufhalten - und Kodak musste Insolvenz anmelden.

Anders Cewe: Auch der deutsche Foto-Entwickler wurde hart von den Umwälzungen in der Branche getroffen, doch dann erfand sich das Unternehmen neu: Mit einer nahezu kompletten Umstellung auf neue Produkte wie Wandkalender, Poster und vor allem Fotobücher, die Kunden im Internet selbst zusammenstellen, macht das Unternehmen heute hervorragende Geschäfte.

Die Entwicklung vom analogen zum fast ausschließlich digitalen Handwerk begann für das Unternehmen im Jahr 1997, als Cewe (benannt nach den Initialen Carl Wöltjes, Schwiegervater des Gründers Heinz Neumüller) als erste Firma Terminals in Drogerien aufstellte, an denen Kunden Abzüge ihrer mit einer Digitalkamera geschossenen Bilder bestellen konnten.

"Bei den damaligen Internetleitungen konnte man noch jedes Pixel mit einem Handschlag begrüßen", scherzt Meß heute. Eher experimenteller Natur seien die ersten Terminals gewesen, aus denen sich aber bald ernstzunehmende Konkurrenten für lokale Fotolabore entwickelten. Heute gehen um die 90 Prozent aller Druckaufträge bei Cewe digital ein. Die verbleibenden zehn Prozent werde es auch in absehbarer Zukunft noch geben, sagt Meß: "Meine Tochter fotografiert beispielsweise auf Festivals am liebsten mit Einweg-Kameras, weil ihr das Smartphone zu schade ist."

Dass die analoge Fotografie wieder zurückkommt, glaubt Meß nicht. Das gedruckte Bild hingegen erlebe gerade eine Renaissance. Den Grund dafür sieht der 55-Jährige nicht nur im Wunsch nach dem Bewahren ("Es ist etwas anderes, ob man ein Bild zu Hause im Schuhkarton aufbewahrt oder in einer Pixel-Wolke"), sondern auch darin, dass die Menschen mit zunehmendem Alter wieder bewusster mit ihren Erinnerungen umgehen möchten. Snapchat und Facebook-Posts könnten zwar der Selbstdarstellung dienen (eine Funktion, die ein Fotobuch einer Afrika-Reise zwar auch übernimmt), allerdings nie mehr als einen Sinn ansprechen: Das Sehen. "Wir möchten nicht nur vor einer flimmernden Mattscheibe sitzen, sondern auch etwas anfassen."

Kurz vor Weihnachten ist dieses Bedürfnis anscheinend besonders groß: Von den sechs Millionen Fotobüchern, die Cewe 2015 druckte, fiel der mit Abstand größte Teil in die ersten zwei Dezemberwochen. Seit der Einführung des neuen Produkts 2005 hat das in 24 Ländern vertretene Unternehmen mehr als 40 Millionen Exemplare verkauft - das Fotobuch ist der größte Umsatzträger.

Während Fotos noch an Terminals, die Cewe bei 25.000 Handelspartnern wie dm aufstellt, gedruckt werden können, werden die Fotobücher direkt online bei Cewe bestellt. Neben der Umstellung vom analogen auf das digitale Druckverfahren ist auch diese Ausrichtung auf den Endkunden ein Zeichen für den Wandel. "Ich bin stolz, dass wir das geschafft haben", sagt Meß, der seit 24 Jahren für Cewe arbeitet.

Der Übergang vom Fotolabor-Unternehmen zum Digitaldruck hinterließ allerdings auch Spuren: Neben den nötigen Betriebsschließungen machten auch nicht alle der in der chemischen Foto-Entwicklung geschulten Mitarbeiter den Sprung zum Digitaldruck mit, den Cewe in den 90er tat. "Das Unternehmen musste sich komplett neu erfinden, und unsere Mitarbeiter mussten mitgehen", sagt Meß. Lehrgänge sorgten für das nötige Know-how, man habe es "weitestgehend geschafft", die Angestellten trotz der tiefgreifenden Umstrukturierung zu behalten. Stolz verweist Meß auch auf jene 150 der derzeit insgesamt 3400 Mitarbeiter, die allein mit der Entwicklung und Betreuung der Bestellsoftware betraut sind.

Aus einem austauschbaren "White-Label"-Fotodrucker hat sich Cewe laut Meß zur Marke gemausert. Die Nachfrage nach Fotobüchern soll der Einschätzung der Marktforschungsagentur Future Source zufolge noch bis 2020 (erste Schätzungen sagten den Zenit für 2012 voraus) steigen. Wie sich das Unternehmen danach ausrichten will, kann Meß noch nicht sagen. "Jedes Produkt hat einen Lebenszyklus, es weiß aber niemand genau, wo Schluss sein wird." Wachsend sei die Nachfrage nach selbstgestalteten Postern und Fototapeten, als zusätzliches Standbein beschäftigt sich Cewe mit dem Druck für Geschäftskunden. Sollte sich die Marktsituation dann wieder ändern, müsse man eben wieder "eine Schippe drauflegen", sagt Meß.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Wirtschaft Im Wandel: Die Renaissance des Fotoalbums


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.