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Wirtschaft Im Wandel
Fernsehen mit den Stadtwerken

Monheim . Früher kümmerte sich das Monheimer Unternehmen Mega um die Versorgung mit Strom und Gas. Jetzt verlegt der Energieversorger superschnelle Glasfaserkabel für Internet, Telefon und Fernsehen quer durch die Stadt. Von Florian Rinke

Wer ein Thema für ein Partygespräch sucht, sollte nicht das Energiewirtschaftsgesetz nehmen: Sperrige Paragrafen, komische Fachausdrücke, komplizierte Sätze - man würde sich wohl schnell alleine im Raum wiederfinden, es sei denn, man heißt Udo Jürkenbeck. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Monheim braucht nicht lange, um vom ersten "Hallo" zum EnWG zu kommen, wie es die Fachleute nennen. Doch bei Jürkenbeck wandelt sich der trockene Gesetzestext zur Fundgrube einer genialen Idee: dem Bau eines Glasfasernetzes, das alle Haushalte in der mehr als 40.000 Einwohner großen Stadt am Rhein verbindet.

Im Gesetzestext ist von Smart Metern die Rede, intelligenten Stromzählern. Sie werden für die Energiewende gebraucht, für Sonnen- und Windenergie und sollen daher eingeführt werden. Dafür braucht es auch ein Kommunikationsnetz, um das sich die Energieversorger kümmern sollen. Bei Mega überlegte man, ein kleines Netz aus Kupferkabeln aufzubauen. "Dann haben wir uns gefragt: Warum verlegen wir nicht direkt Glasfaser?", sagt Jürkenbeck. Die seien einerseits viel leistungsfähiger, und andererseits lägen die Kosten auch gar nicht so viel höher - denn der größte Posten bei den Kosten entfällt auf den Tiefbau.

Ende 2014 gab der Rat der Stadt Monheim, deren Tochterunternehmen die Stadtwerke sind, grünes Licht, seit 2015 wird gebaut. Und wie: "Normalerweise graben wir zwei bis drei Kilometer pro Jahr, momentan 30", sagt Jürkenbeck: "Hier sind gerade bis zu 50 Baukolonnen unterwegs, die jeden Tag bis zu 35 Meter machen." Ursprünglich habe man mit einem Zeitraum von sechs Jahren gerechnet, um jedes Haus und jede Wohnung mit Glasfaser auszustatten, inzwischen peilt man 2019 als Ziel an. "In diesem Zeitraum graben wir einmal komplett die Stadt um. Das ist schon ein gewaltiges Programm, trotzdem hatten wir kaum Beschwerden der Anwohner. Die Leute wissen, dass sie alle davon profitieren", sagt Jürkenbeck. Das belegen auch die Zahlen: 85 Prozent der Eigentümer haben bislang dem Anschluss ans Glasfasernetz zugestimmt, der für sie kostenlos ist. Die Gesamtkosten von rund 21 Millionen Euro will Mega im Anschluss durch neue Angebote refinanzieren: Telefon, Internet, Fernsehen - die Stadtwerke werden zum Telekommunikationsanbieter. Für den Mega-Geschäftsführer ist dieser Wandel absolut naheliegend: "Ein Glasfaseranschluss am Haus wird bald so selbstverständlich sein wie ein Sicherungskasten."

Gleichzeitig würden auch die klassischen Geschäftsfelder des Unternehmens von dem neuen Projekt profitieren. Denn parallel zum Verlegen der Glasfaserkabel erneuert Mega auch Teile des Stromnetzes, tauscht alte Gehwegplatten aus und bietet Gasanschlüsse an. Wer bislang etwa mit einer Ölheizung geheizt hat, musste ungefähr 2400 Euro zahlen, um einen Gasanschluss zu bekommen. Weil wir jetzt aber sowieso die Straßen aufreißen müssen, hatten wir ein Angebot für 999 Euro, das 2015 von 300 Kunden angenommen wurde", sagt Jürkenbeck. In der Vergangenheit lag der Schnitt bei 40 bis 50 pro Jahr.

Der Wandel in Monheim blieb auch den Telekommunikationsunternehmen nicht verborgen: "Seit die Konkurrenz mitbekommen hat, dass wir bauen, tobt hier der Wettbewerb", sagt der Mega-Geschäftsführer: "Die Telekom baut die Technik VDSL aus, Unitymedia hat erstmals einen Shop aufgebaut und die Bandbreite aufgerüstet."

Profiteur des Wettrüstens sind die Monheimer, die künftig schnelleres Internet haben, aber vor allem auch die Stadt selbst, die mit einem weiteren Standortvorteil neben den extrem niedrigen Gewerbesteuersätzen werben kann.

Denn schnelles Internet wird für viele Firmen immer wichtiger bei der Standortwahl werden: Daten werden nicht mehr auf lokalen Servern, sondern in der sogenannten Cloud gespeichert, also auf Server-Farmen irgendwo auf der Welt, weil man jederzeit über das Internet darauf Zugriff hat. Gleichzeitig werden immer mehr Maschinen ans Netz angebunden.

Glasfaser bis zur Haustür ist daher eine Forderung vieler IT-Experten -wird jedoch aus Kostengründen selten umgesetzt. Dass es in Monheim klappt, ist aus Jürkenbecks Sicht auch einem weiteren Wandel zu verdanken: 2014 kaufte Monheim den Stadtwerken Düsseldorf ihren Anteil an Mega ab. "Vorher hatten wir einen Gesellschafter, der natürlich auch Rendite sehen wollte", sagt Jürkenbeck. Nun könne man stärker in die Zukunft investieren. Das sei auch deswegen wichtig, weil das Geschäft mit Strom und Gas schwieriger werde: "Es ist eine Herausforderung im klassischen Energiegeschäft die regulatorischen Vorgaben zu erfüllen, die Kunden glücklich zu machen und am Ende noch den einen oder anderen Euro zu verdienen. Auch aus diesem Grund ist das Glasfasernetz so wichtig: Es sichert langfristig Arbeitsplätze bei Mega."

Quelle: RP
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