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Wirtschaft im Wandel
Fleisch aus Fernost

Wirtschaft im Wandel : Fleisch aus Fernost
FOTO: gourmetfleisch.de
Mönchengladbach . Vor mehr als 100 Jahren eröffneten die Vorfahren von Burkhard Schulte in Mönchengladbach-Rheydt eine kleine Stadtmetzgerei. Heute vertreibt Schulte + Sohn über den Online-Shop "Gourmetfleisch.de" Premium-Steaks aus aller Welt. Von Florian Rinke

Natürlich gibt es sie noch, die Männer, die mit einer Flasche Spiritus die Holzkohle auf dem Schwenkgrill durchtränken und dann die Nackensteaks vom Discounter für 4,32 Euro das Kilo draufklatschen. Aber irgendwie ist in den vergangenen Jahren noch eine zweite Spezies entstanden. Die genießt es, über die Maserung des Fleisches zu fachsimpeln, als würden sie über edle Tropenhölzer reden; die betet Reifezeiten von Rindfleisch herunter, als ginge es um Wein oder Whisky; die macht den gemütlichen Grillabend zur Zeremonie.

"Heute wird beim Grillen viel mehr Wert auf Perfektion gelegt, die Leute kaufen einen hochwertigen Grill, ein tolles MesserSet, beschäftigen sich viel intensiver mit Gar-Arten. Klar, dass man da am Ende natürlich auch Wert auf ein gutes Stück Fleisch legt", sagt Burkhard Schulte, Geschäftsführer des Mönchengladbacher Traditionsbetriebs Schulte + Sohn.

Also eröffnete er 2008 einen Online-Shop: Gourmetfleisch.de. Statt Nackensteaks und Grillfackeln gibt es hier Filet-Medallions vom japanischen Wagyu-Rind für 75,39 Euro das Stück, Entrecôte vom Kobe-Rind für 176,29 Euro und Bison-Rumpsteak für 46,50 Euro.

Das Fleisch kommt aus allen Ecken der Welt nach Mönchengladbach-Güdderath, wo sich Schultes Metzgermeister um den abschließenden Feinschliff kümmern: aus Argentinien und den USA, Irland und Neuseeland. 70.000 Kunden beliefert Gourmetfleisch.de inzwischen regelmäßig mit Fleisch - 80 Prozent davon sind Männer. Der Online-Shop ist ein Erfolg.

Dass es so kommen würde, war jedoch alles andere als klar, als Schulte ihn 2008 mit seinen Leuten startete. Klar, mit Wandel kannte man sich aus, er ist schließlich nicht der erste des Familienbetriebs, der inzwischen in vierter Generation geführt wird. 1904 war man als kleine Metzgerei im heutigen Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt gestartet. In den 1970er-Jahren hatten die Schultes dann angefangen, immer stärker auch Hotels und die Gastronomie zu beliefern. Unter Burkhard Schulte, der 1986 die Leitung übernahm, kamen dann auch noch Catering-Betriebe hinzu. Der kleine Stadtmetzger ist längst Geschichte, heute arbeiten rund 100 Leute für Schulte + Sohn.

Trotz dieser Geschichte war der Start von Gourmetfleisch.de nicht ohne Risiko. Denn in Deutschland tun sich die Menschen bis heute mit dem Kauf von Lebensmitteln im Internet schwer - zu dicht ist das Netz aus Supermärkten und Discountern, zu verwöhnt sind die Kunden von niedrigen Preisen bei vergleichsweise guter Qualität. Und dann war da natürlich noch die Frage nach dem Transport: Wie schafft man es, das Fleisch so zu verpacken, dass es auch die Lieferung übersteht?

Also probierte man ein bisschen herum, guckte sich an, wie es andere machen - und fand am Ende eine Lösung: Das Fleisch wird in einer Styropor-Box mit Kühlpacks verschickt, so dass die Ware mindestens 72 Stunden kalt bleibt. Und auch die ersten Kunden ließen sich auf das Experiment ein - und bestellten.

Die ersten Lieferungen hat der Chef sogar noch selbst verpackt. "Damals war es noch nicht selbstverständlich, Lebensmittel online zu bestellen - daher sollte alles perfekt sein, um dem Vertrauensvorschuss der Kunden gerecht zu sein" , sagt er.

Auch für Schultes Metzger war das neue Angebot eine Umstellung. "In Deutschland kannte man klassischerweise vor allem Entrecôte, Roastbeef und Filet", sagt Burkhard Schulte: "Inzwischen bieten wir 16 Teilstücke an." Für die Metzger bedeutete das: Sie mussten lernen, ganz andere Fleischstücke zu zerlegen als bislang gewohnt.

Bis heute kommen immer wieder neue Fleischsorten hinzu, zuletzt etwa aus der spanischen Region Galizien. Besuche vor Ort werden dabei schon mal in die Urlaubsreise integriert - und getestet wird im Anschluss natürlich in der betriebseigenen Kantine. Gleichzeitig entwickeln die Metzger auch immer wieder eigene Produkte, etwa Bratwürste aus Black-Angus-Fleisch oder Burger aus Bison-Fleisch.

Das ist auch wichtig für das Unternehmen, um sich auch in Zukunft abzuheben - denn natürlich tummeln sich inzwischen viele andere Anbieter auf dem Markt. Zum Teil sogar in direkter Nachbarschaft: Auch das Heinsberger Unternehmen Otto Gourmet bietet Edel-Fleisch an - und das sogar schon seit 2005. Damit weckte der Feinkost-Lieferant auch das Interesse des Handelskonzerns Tengelmann, der sich vor einigen Jahren beteiligte.

Die Konkurrenz beobachtet man natürlich auch in Mönchengladbach genau, betont aber selbstbewusst, Marktführer zu sein. Man wolle der "Internet-Metzger 2.0" sein, hat Schulte mal den eigenen Anspruch formuliert: "Wenn man so will, bauen die Grill-Hersteller die Hardware, und wir liefern die Software."

Quelle: RP
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