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Serie Wirtschaft im Wandel
Nervensystem des Autos

Serie Wirtschaft im Wandel: Nervensystem des Autos
FOTO: Ferl
Wuppertal. Ursprünge hat das Wuppertaler Unternehmen Delphi in der Textilindustrie. Früher stellte man Borten und Kleiderbesatz her. Heute forschen stattdessen dutzende Ingenieure an der Zukunft des Autos. Von Florian Rinke

Die Kurbel ist verschwunden, Fenster öffnen sich heute im Auto per Knopfdruck. Das ist das eine. Doch damit ist es ja nicht getan: Sensoren sagen dem Fahrer inzwischen, ob sich jemand im toten Winkel befindet, wie viel Sprit noch im Tank ist, sie helfen beim Einparken oder Bremsen. Immer mehr Technik wird in die Fahrzeuge gestopft - und trotzdem sind sie in all den Jahren des Fortschritts deswegen nicht größer geworden. In Wuppertal ist man darauf mächtig stolz.

Denn hier entwickelt Delphi das Nervensystem des Fahrzeugs, das die Technik zum Leben erweckt. Was das bedeutet, wird schnell klar, wenn man die Deutschland-Zentrale des Automobilzulieferers im Stadtteil Cronenberg betritt. Im Eingangsbereich schwebt ein Fahrzeug an dünnen Halteseilen,aber es fehlen Türen, Sitze, Lenkrad, praktisch alles - außer den Elektrokabelsträngen, die ein feines Netz bilden.

Delphi gehört zu den weltgrößten Automobil-Zulieferern, mit insgesamt rund 173.000 Mitarbeitern in 44 Ländern und einem Jahresumsatz von zuletzt 13,7 Milliarden Euro. Praktisch alle großen Autohersteller gehören zu den Kunden. "Egal, welche Marke auf den Fahrzeugen steht, ein Stück Wuppertal steckt immer drin", sagt Markus Kerkhoff, Geschäftsführer der Delphi Deutschland GmbH. In Wuppertal hat das Unternehmen seinen Deutschlandsitz. Von hier aus treibt es die Digitalisierung der Fahrzeuge voran. Dafür will Delphi künftig auf einer Strecke in Wuppertal sogar autonom fahrende Fahrzeuge testen, die Genehmigung von Stadt und Land hat das Unternehmen bereits. Gearbeitet wird mit 360-Grad-Kameras, Radar- und Lasertechnik.

An sich sei die Entwicklung eines autonom fahrenden Fahrzeuges gar kein Problem mehr, sagt Kerkhoff: "Die Kunst ist es, ein autonom fahrendes Fahrzeug zu bauen, das auch serienreif ist." Im Klartext: sicher und bezahlbar. Also müsse die Qualität der Fertigung immer weiter gesteigert und Ineffizienz verringert werden. "Nur durch Fortschritte in der Produktionstechnik und Produktdesign können wir unsere Erfindungen serienreif machen."

Dafür muss sich das Unternehmen permanent wandeln, denn die Geschwindigkeit in der Automobil-Industrie hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen. "Unsere Kunden sind in Zukunft auch die Teslas, Apples und Ubers dieser Welt. Deren Tempo müssen wir mitgehen", sagt Kerkhoff. Und auch die großen klassischen Autohersteller würden ihre Modellpaletten immer häufiger überarbeiten. Insofern sei die inzwischen etablierte amerikanische Firmenkultur ein Glücksfall. "Das Schöne ist, dass es gewollt ist, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln", sagt der 44-Jährige.

Was nach einer Binsenweisheit klingt, ist aus der Sicht des Wuppertalers nicht selbstverständlich. Denn er hat auch die alten Zeiten im Unternehmen erlebt - und den anschließenden Wandel hautnah erfahren.

Denn Kerkhoff ist ein echtes Eigengewächs. Nach der Schule hat er seine Lehre als Werkzeugmechaniker bei den damaligen Kabelwerken Rheinshagen begonnen - dem Delphi-Vorläufer und Wuppertaler Traditionsbetrieb. Die Firma war bereits 1874 als Reinshagen & Hüttenhoff gegründet worden, damals konzentrierte man sich noch auf die Herstellung von Borten und Kleiderbesatz - Produkte für die Textilindustrie, die damals in Deutschland noch eine wichtige Rolle spielte. Rund zehn Jahre später wurde das Sortiment erweitert, fortan stellte man auch Telefonkabel her. Auch sie wurden damals mit Textilien ummantelt, so war das damals noch, als die Welt immer weiter elektrifiziert wurde.

Im Laufe der Jahre wächst die Firma und erweitert ihr Sortiment. Dabei kommt es jedoch auch immer wieder zu Übernahmen, Inhaberwechseln, Ausgründungen. Stück für Stück wandelt sich das Wuppertaler Unternehmen vom Textilhersteller zum Anbieter von Elektrik-Lösungen für die Automobilindustrie. In all diesem Wandel taucht irgendwann der US-Autokonzern General Motors auf, der das Geschäft in den USA übernimmt - und später als Delphi wieder auslagert. Auch in Wuppertal ändert man den Namen.

Und irgendwo in diesem ganzen Wandel tauchte plötzlich Markus Kerkhoff in den Listen der Personalabteilung auf - erst als Auszubildender, später als Student, der nebenbei ein bisschen Geld im Werk verdient, und seit 1998 als Ingenieur, der es bis zum Geschäftsführer schaffte. Wer mit Kerkhoff redet, merkt schnell, wie viel Spaß ihm dieser permanente Wandel auch nach all den Jahren noch macht. "Es ist einfach toll", ist ein Satz, der mehrmals im Gespräch fällt.

Und die Aufgaben werden nicht weniger: "Mit wachsenden Elektronikanteil in den Fahrzeugen müssen die Platinen immer enger bestückt werden", sagt Kerkhoff: "Der Platz wird immer kleiner, der uns in den Fahrzeugen zur Verfügung gestellt wird." Gleichzeitig müssen die Kabel natürlich weiterhin absolut sicher sein. Viele werden daher längst nicht mehr mit Textilien ummantelt, sondern mit Kevlar, dem Stoff, der auch in schusssicheren Westen steckt. "Unsere Produkte müssen auch bei Extrembedingungen sicher sein, bei Fahrten über Kopfsteinpflaster, durch die Wüste oder an den Polarkreis", sagt Kerkhoff. Noch gelingt es Delphi, die Materialien bei gleicher Leistungsfähigkeit immer feiner zu machen. Die neuste Runde im Schrumpfungsprozess will man gerade zur Serienreife bringen, damit auch das Auto der Zukunft mit Delphi startet.

Quelle: RP
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