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Wirtschaft im Wandel
Nur noch kurz die Welt retten

Wirtschaft im Wandel : Nur noch kurz die Welt retten
Theo Besgen zeigt Computer-Mäuse, deren Hülle aus biobasiertem Plastik besteht. FOTO: Matzerath
Langenfeld. Mit dem Herstellen von Kunststoffteilen ist das Langenfelder Unternehmen Beoplast sehr erfolgreich. Doch dann entdeckte Gründer Theo Besgen seine grüne Seite - seitdem trimmt er den Betrieb radikal auf Nachhaltigkeit. Mit großem Erfolg. Von Florian Rinke

Mit einem Ruck setzt sich der Arm von Ilse in Bewegung, greift, legt ab, greift erneut. Es hat etwas Meditatives, wie die Maschine ein Kunststoffteil nach dem anderen in eine Kiste stapelt. Theo Besgen hat allen seinen Maschinen einen Namen gegeben. "Die erste war Adele", sagt er. Hinzu kamen Gertrud, Paula, Ramona - und eben auch Ilse. Sie alle stehen in einer Fabrikhalle in einem Langenfelder Industriegebiet, in der im Drei-Schicht-Betrieb Kunststoffteile gefertigt werden.

Beoplast hat Besgen sein Unternehmen genannt. Die Firma ist ein gefragter Lieferant von Spritzgussteilen - von der Halterung für den Anschnallgurt bis hin zum verchromten Kühlergrill. "Wir leben vom Auto", sagt Besgen.

Begonnen hat die Geschichte von Beoplast 1990. Sechs Jahre hatte Besgen zuvor beim Chemiekonzern Bayer gearbeitet - unter anderem unter dem heutigen Aufsichtsratschef Werner Wenning - und dabei immer mehr über Kunststoffe gelernt. Dann entschloss sich Besgen zum Schritt in die Selbstständigkeit. Ein halbes Jahr habe er sich darauf vorbereitet, mit potenziellen Kunden gesprochen und in einer kleinen Halle des Schwiegervaters die ersten Spritzguss-Maschinen aufgebaut. Dann konnte es losgehen - doch das Telefon blieb still. "Der Beginn der Selbstständigkeit war komplett frustrierend", sagt Besgen heute. Er klapperte seine Kontakte ab, führte Gespräche, doch die Aufträge blieben aus. Irgendwann gelang der Durchbruch, eine Firma aus Solingen beauftragte Beoplast mit der Herstellung von Teilen für Koffer. Wenig später folgte ein Auftrag des früheren Küchengeräteherstellers Krups. Beoplast war im Geschäft.

Heute sind die großen Autohersteller die wichtigsten Kunden - für den Mini Cooper stellt Beoplast die Kunststoff-Verkleidung für die Rückenlehnen der Sitze her, in der G-Klasse von Mercedes stammen sogar 70 Einzelteile aus Langenfeld. "Da sind wir Hauptlieferant für die Kunststoffteile", sagt Besgen stolz. 95 Prozent des Geschäfts macht die Auto-Industrie aus. Das werde sich so schnell auch nicht ändern, sagt Besgen. Trotzdem arbeitet er am Wandel seines Betriebs. "Mein Ziel ist es, weg von den ölbasierten zu biobasierten Kunststoffen zu kommen." Technisch sei das kein Problem. Schon jetzt produziert er die Hülle für eine Computer-Maus aus biobasiertem Plastik, weitere Artikel sind gerade in Planung. Das Problem: "Die Rohstoffe sind teurer."

Aus dem Unternehmer ist ein Klimafreund geworden, der seinen Betrieb innerhalb kürzester Zeit auf Nachhaltigkeit getrimmt hat: Vor dem Fabrikgebäude hängen Elektrofahrzeuge an den Steckdosen, das Dach pflastern Photovoltaikanlagen und die Heizung wird mit der Abwärme von Ilse, Gertrud und Co. betrieben. "Wir produzieren und versenden CO2-neutral", sagt Besgen, der seinen Mitarbeitern Zuschüsse zahlt, wenn sie energiesparende Kühlschränke oder Waschmaschinen für den eigenen Haushalt kaufen. In Zukunft sollen auch fast alle verwendeten Kunststoffe bio sein. Daran forscht Beoplast jedenfalls mit der Universität in Hannover.

Dass ausgerechnet ein Unternehmer, der von der Abgasskandal-geplagten Auto-Industrie lebt, zum grünen Vorreiter geworden ist, ist aus Besgens Sicht kein Widerspruch: "Spätestens mit den Elektroautos wird sich der Umweltgedanke auch in der Autobranche weiter durchsetzen." Und Beoplast soll ein Teil dieses Wandels sein. Wenn VW, Daimler und BMW nun massiv in die E-Mobilität investieren, will Besgen sie überzeugen, auf Bio-Kunststoffe zu setzen: "Ziel ist es, fünf biobasierte Artikel in ein E-Auto zu bekommen." Denn sobald die Stückzahlen für Bio-Kunststoffteile steigen und der Rohöl-Preis auf dem Weltmarkt anzieht, zähle das Preis-Argument nicht mehr. "Das wird vergleichbar."

Überhaupt, sagt Besgen, seien die Unterschiede oft gar nicht so groß, wie mancher vielleicht denkt. Beoplast habe Stromkosten von rund 300.000 Euro im Jahr. "Der Wechsel auf Ökostrom kostet uns nur 5000 Euro mehr - pro Jahr." Auch im Verpackungssektor hätten sich Bio-Kunststoffe schon durchgesetzt. "Ich bin überzeugt, dass sich das in der Autowelt wiederholen wird", sagt er. Schließlich hat es auch bei Besgen irgendwann "Klick" gemacht.

Die Einsicht kam dem 58-Jährigen, als sein Sohn ihn darauf hinwies, dass das Pendeln zwischen Betrieb und Haus "ökologischer Schwachsinn" sei. Als Theo Besgen die Geschichte erzählt, grinst Johannes Besgen. Welche Auswirkungen der Spruch haben würde, ist ihm wohl auch nicht klar gewesen. Inzwischen wird sogar die Rasenpflege klimaneutral betrieben, den Rasenmäher hat Besgen durch zwei Bretonische Zwergschafe ersetzt. Und weil sich das Gas Argon beim Schweißen nicht ersetzen ließ, pflanzte Besgen zum Ausgleich sechs Apfelbäume. "Das CO2 haben wir so substituiert, und unsere Mitarbeiter haben dadurch auch noch frisches Obst."

Quelle: RP
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