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Wirtschaft Im Wandel
Textilien für Autobahn und Elbe

Wirtschaft Im Wandel: Textilien für Autobahn und Elbe
60.000 mit Sand gefüllte Säulen aus Kunststoffhaut wurden am so genannten Mühlenberger Loch an der Hamburger Elbe-Mündung ins Wasser gelassen, damit ein neues Stück Land entstehen konnte. Verantwortlich: Huesker Synthetic. FOTO: dpa
Früher webte man in Gescher Baumwollstoffe, heute stellen die Ingenieure von Huesker Synthetic Hightech-Fasern her. Mit ihnen lassen sich Deiche errichten, Straßendecken robuster und Bergbauschächte sicherer machen. Von Florian Rinke

Gescher Wer im Hamburger Airbus-Werk aus dem Fenster guckt, kann direkt auf die Elbe sehen. Das ist einerseits schön, weil es schlechtere Aussichten gibt. Andererseits war das aber auch ein Problem, als es Anfang des Jahrtausends darum ging, noch mehr Flugzeuge des Typs A380 zu produzieren. Denn da, wo man eigentlich dringend Platz für eine neue Halle gebraucht hätte, war Wasser. Also musste es weg.

Die Planer riefen im münsterländischen Gescher an, dort kennt man sich mit sowas aus. Zwischen 2001 und 2003 wurden 60.000 Säulen ins Wasser gelassen, um dieses zu verdrängen und eine 140 Hektar große Fläche entstehen zu lassen. Zwischen vier und 14 Meter waren sie hoch, außen bestanden sie aus einer Kunststoffhaut, innen aus Sand.

Huesker Synthetic ist ein weltweit gefragter Experte für so genannte Geotextilien, doch wäre die Geschichte etwas anders gelaufen, gäbe es den Mittelständler, der im vergangenen Jahr rund 140 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete, gar nicht mehr.

Das Unternehmen wurde vor mehr als 150 Jahren gegründet. Damals herrschte in Deutschland dank der Industrialisierung Aufbruchstimmung, und das Münsterland stieg durch den erfolgreichen Anbau von Flachs und Hanf zu einem der Mittelpunkte der europäischen Textilindustrie auf. Auch Huesker profitierte von diesem Aufschwung. Sechs Jahre nach der Gründung produzierte man bereits auf 200 Web-stühlen Baumwollgewebe, bis 1913 stieg die Zahl sogar auf 1172.

Doch irgendwann war klar, dass es so mit dem Wachstum nicht weitergehen würde, zu stark war die Konkurrenz aus Fernost, wo man deutlich günstiger produzierte. "Ende der 1950er Jahre haben die damals Verantwortlichen gerade noch rechtzeitig erkannt, dass unser Geschäftsmodell, das Weben von Baumwolle für die Bekleidungsindustrie, nicht mehr konkurrenzfähig ist", sagt Friedrich-Hans Grandin, der heutige Huesker-Geschäftsführer. Die Krise traf das Unternehmen hart, innerhalb weniger Jahre schrumpfte der Betrieb von mehr als 1000 auf rund 50 Mitarbeiter.

Gleichzeitig richtet sich Huesker neu aus, statt Bekleidung werden nun synthetische Fasern produziert, die unter anderem bei Deichsäcken zum Einsatz kommen. Man habe den Vorteil gehabt, so klein geschrumpft zu sein, dass man wie ein Start-up das Geschäft neu entwickeln konnte, sagt Grandin: "Glücklicherweise agierten die Banken damals noch anders als heute - sie glaubten an unsere Strategie und trafen die unternehmerische Entscheidung, das Risiko gemeinsam mit uns zu tragen. Das war ein riesiger Vorteil für uns."

Auch Gescher profitierte von dieser Treue, Huesker ist heute das größte Unternehmen - und auch der größte Steuerzahler - der Stadt. "Wir sind eng mit der Stadt verbunden, bei vielen Mitarbeitern haben schon die Eltern und Großeltern bei Huesker gearbeitet", sagt Grandin. Seit April vergangenen Jahres gibt es zwar im benachbarten Dülmen einen weiteren Standort, allerdings nur, weil man in der Heimatstadt nicht weiter wachsen konnte.

Knapp 30 Kilometer trennen die beiden Orte voneinander. Mehrmals im Monat fährt Grandin die Strecke über die Bundesstraße 474, die zum Teil aus Huesker-Produkten besteht. Denn aus den Synthetikfasern werden heute auch Gitter hergestellt, die beim Straßenbau zum Einsatz kommen. "Diese so genannten Geogitter kommen zwischen Sand- und Kiesschicht und Asphalt-decke", erklärt Grandin: "Dadurch halten die Straßen länger."

Überall auf der Welt kommen daher Huesker-Produkte zum Einsatz. Geogitter des Unternehmens wurden bei der Autobahn 52 zwischen den Kreuzen Neersen und Mönchengladbach verbaut, machen einen Lärmschutzwall in Neuss standsicher und sichern Teile des Ruhrgebiets vor dem Abrutschen der Erde. Sogar die sumpfige Landschaft in Brasilien, auf der Thyssenkrupp sein Stahlwerk errichtete, wurde zum Teil mit Gittern von Huesker stabilisiert. "Huesker steht für Sicherheit und Wirtschaftlichkeit", sagt Grandin: "Wir sind daher überzeugt, dass wir sowohl im Infrastrukturbereich als auch in Landwirtschaft und Industrie noch deutlich stärker wachsen können."

Dazu investiert das Unternehmen gezielt in Forschung und Entwicklung, jeder siebte der insgesamt 513 Mitarbeiter bei Huesker ist Ingenieur. Baumwolle spielt dabei jedoch keine Rolle mehr. Ein Großteil der Produkte besteht aus Polyester. "Viele unserer Produkte haben eine Lebensdauer von 100 Jahren und mehr", erklärt Grandin: "Da können wir keine biologisch abbaubaren Stoffe verwenden."

Quelle: RP
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