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Wirtschaft im Wandel
Verwandler der Zechen-Flächen

Essen. Der Vorgänger der RAG Montan-Immobilien GmbH wurde gegründet, um neues Gelände für den Steinkohle-Bergbau anzukaufen. Heute geht es um das Erbe dieser Zeit: die Suche nach neuen Nutzungsflächen - mit kreativen Ergebnissen. Von Florian Rinke

Hans-Peter Nolls Aufgabe ist es, Gewinne zu machen, so wie das Manager eben so tun. Aber wenn Noll über seinen Job spricht, ist zunächst mal von Bienen die Rede, dem Schutz der Fledermäuse - und einem tiefen Gefühl der Traurigkeit. Denn der Geschäftsführer der RAG Montan-Immobilien GmbH, das wird schnell deutlich, sieht noch eine weitere Aufgabe neben all den Finanzthemen: Er will die Menschen im Ruhrgebiet mit dem Unvermeidlichen versöhnen.

"Ein stillgelegtes Bergwerk ist zunächst mal eine Stätte der Niederlage", sagt er: "Dort sind Tausende Arbeitsplätze verloren gegangen." Im Ruhrgebiet gibt es viele dieser Stätten, eine Zeche nach der anderen wurde geschlossen, zuletzt traf es Auguste Victoria in Marl. 2018 wird es mit dem Steinkohlebergbau im Revier ganz vorbei sein. Nolls Aufgabe ist daher auch, den Menschen zu zeigen, dass es weitergeht. "Das Fallen des Förderturms ist auch ein Startsignal für die Zukunft", sagt er.

Für dieses Startsignal ist Noll verantwortlich, oder besser gesagt: die RAG Montan-Immobilien GmbH. Gegründet wurde sie 1977, damals noch als Montan-Grundstücksgesellschaft. Ihre Aufgabe war es zunächst, geeignete Flächen für den Bergbau zu beschaffen, damit dort Kokereien, Förderschächte und andere Anlagen entstehen konnten. Doch irgendwann wurden die gar nicht mehr gebraucht.

Denn mit jedem weiteren Grundstück wurde der schleichende Niedergang der Kohle-Industrie lediglich hinausgezögert. Irgendwann war klar, dass es so nicht weitergeht. "Der Bergbau mit seinen Aufgaben schrumpft, dadurch bricht für uns ein komplettes Betätigungsfeld weg, weil wir keine Flächen mehr ankaufen in dem Bereich", sagt Noll. "Auch wir mussten uns wandeln."

Also baute man im Unternehmen neue Kompetenzen auf - und konzentrierte sich immer mehr darauf, für die alten Kohleflächen eine neue Perspektive zu finden. 80 Millionen Euro Umsatz macht man damit im Jahr, Tendenz steigend.

"Die erste Ansiedlung ist auch immer die schwierigste, weil sie den Stil der Fläche setzt", sagt Noll. Und die Möglichkeiten sind vielfältig: Auf manchem Gelände entstehen Unternehmenszentralen wie die der RAG in Essen an der Zeche Zollverein, auf anderen Einkaufszentren oder Wohngebäude. In Dortmund baute der Möbelriese Ikea sein europäisches Logistikzentrum auf eine alte Kohle-Fläche. Manche werden auch heute noch zur Energiegewinnung genutzt - nur sauber. "Wir sind heute der größte Photovoltaik-Anbieter im Saarland", sagt Noll. Auch auf dem Gelände der Zeche Lohberg in Dinslaken baue man gerade eine Solaranlage, die dort die Windräder ergänzen soll. Das Ruhrgebiet wird grün, Schutz von Fledermäusen und Bienen inklusive.

Jedes Projekt dient dabei einem Zweck: "Unser Ziel ist es, aus einem Stück stillgelegtem Bergwerk ein neues Stück Stadt zu machen", sagt Noll, wohl wissend, dass diese Stadt eine andere sein wird. Denn die typische Ruhrgebiets-DNA, bei der erst der Förderturm errichtet wurde und dann die Siedlungen drumherum entstanden, wird es allein aufgrund gesetzlicher Vorschriften nicht mehr geben. "Heute wäre sowas nicht mehr möglich, da müssen 300 Meter Abstand zur Wohnbebauung eingehalten werden", sagt Noll: "Das führt dazu, dass heute in Ballungsräumen Industrieflächen Mangelware sind."

Gleichzeitig wandeln sich auch die Flächen immer schneller, das müssen Nolls rund 350 Mitarbeiter immer mitdenken, immerhin dauert es fünf bis sieben Jahre, um aus einem stillgelegten Bergwerk wieder eine vermarktbare Fläche zu machen. "Früher war ein Bergwerk etwa 100 Jahre in Betrieb, bei Opel war es nicht mal mehr die Hälfte", sagt Noll: "Die Zyklen der Nutzungsdauer werden immer kürzer, weil sich die Betriebe schneller wandeln. Durch Industrie 4.0 wird es eine völlig neue Form von Industrie geben, weniger Fläche, dafür kleine Fabriken mit 3D-Druckern."

9500 Hektar Fläche wurden zwar bereits entwickelt, doch die alten Kohleflächen dürften noch genug Arbeit für die kommenden 30 Jahre bereithalten. Trotzdem denkt man in Essen bereits einen Schritt weiter: "Die nächste Wertschöpfungsstufe ist für uns, nicht nur die Flächen zu entwickeln, sondern auch die Projekte zu bauen", sagt Noll. Bei all dem geht es ihm jedoch auch um das Erbe des Ruhrgebiets: "Mein Opa und Vater waren unter Tage. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass hier eine neue Zukunft entsteht, damit es hier auch noch für meine Kinder und Enkel Arbeitsplätze gibt."

Quelle: RP
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