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Wirtschaft im Wandel
Von ostdeutschen Giebeln ins Internet

Wirtschaft im Wandel: Von ostdeutschen Giebeln ins Internet
Heute gehören auch Youtube-Stars wie Melina Sophie und Julien Bam sowie Fitnesstrainer Detlef D! Soost zum Netzwerk des Werbevermarkters Ströer. FOTO: Ströer, Screenshots Instagram, Dpa | Montage: Radowski
Köln. Mit der Vermarktung von Plakatwerbung an Hauswänden und an Bushaltestellen ist das Kölner Unternehmen Ströer groß geworden - inzwischen hat es sich zu einem der führenden Online-Werbevermarkter gewandelt. Von Florian Rinke

Irgendwie ist es ganz passend, dass die Geschichte über den Umbruch des Werbevermarkters Ströer mit einem Umbruch beginnt. Um genauer zu sein dem größten Wandel der jüngeren deutschen Geschichte: Dem Mauerfall. Damals herrschte Goldgräberstimmung in Berlin, für kreative Köpfe mit guten Ideen gab es tausende Möglichkeiten. Udo Müller war so jemand.

Der heutige Ströer-Chef arbeitete damals in einer Werbeagentur und träumte von der Selbstständigkeit. Er dachte an Außenwerbungen, große Plakatwände, doch davon gab es in der Bundesrepublik genug. Also musste er neue Flächen finden, zum Beispiel Häusergiebel - und die gab es auf der anderen Seite der Mauer.

"Ich habe mir im Maßstab 1:1000 die Pläne der ganzen Mauer fotokopiert", hat Müller mal dem "Kölner Stadtanzeiger" verraten: "Und dann bin ich mit Motorrad und Fotoapparat die Mauer abgefahren, um zu gucken, wo man Werbeflächen aufstellen kann, die dem Osten gehörten, aber vom Westen zu sehen waren - und wo man keine Baugenehmigungen brauchte."

Die Idee war genial, doch die Konkurrenz schlief nicht. Irgendwann kamen sich daher Müller und der Kölner Unternehmer Heinz Ströer in die Quere, doch statt sich gegenseitig zu bekriegen, schlossen sie sich 1990 zu einem Gemeinschaftsunternehmen zusammen: Der Ströer City Marketing GmbH.

Fortan beklebt man gemeinsam die Werbeflächen der Republik. Litfaßsäulen, Plakatwände und Bushaltestellen, sogar Treppenstufen dienen als Werbefläche. Rund 300.000 sind es inzwischen weltweit. Das Problem ist: Was bringt Werbung in einer Bushaltestelle, wenn die Menschen dort die ganze Zeit auf den kleinen Bildschirm ihres Smartphones starren?

"Ich glaube, es wird noch erhebliche Umbrüche geben. Große Teile des Lebens werden sich im Netz abspielen", orakelte Müller schon 2008. Und in der Tat: Der Online-Werbemarkt wurde immer wichtiger - doch Ströer, das 2010 an die Börse gegangen war, - spielte dort lange Zeit keine Rolle.

Irgendetwas musste passieren. "Wir können von der amerikanischen Einstellung lernen: Es ist besser, etwas zu wagen und dabei möglicherweise zu scheitern, als nie etwas Neues zu machen", hatte Aufsichtsrat Dirk Ströer, Sohn des verstorbenen Firmengründers Heinz Ströer, vor einigen Monaten im Gespräch mit unserer Redaktion gesagt. Die Sätze bezogen sich auf die deutsche Gründermentalität allgemein, doch sie passen auch gut zu dem Kölner Unternehmen.

Denn Ströer wandelt sich - und wie. Das Unternehmen investierte massiv ins Online-Geschäft. Zahlreiche kleinere Unternehmen wurden dazu übernommen, zuletzt wanderte mit T-Online allerdings auch eines der größten Internetportale des Landes ins Portfolio und ließ den Umsatz explodieren. Im ersten Halbjahr stieg er um 38,2 Prozent auf 502,3 Millionen Euro. Ströer kann jetzt alles aus einer Hand anbieten, Plakat- und Onlinewerbung.

Längst gehört mit Tubeone auch eine Firma zum Ströer-Netzwerk, die sich um den Aufbau und die Vermarktung von Youtube-Künstlern kümmert. Sie heißen Julien Bam, Melina Sophie oder Dagi Bee - Namen, die kaum einem Erwachsenen etwas sagen, aber in den Kinderzimmern der Republik weithin geläufig sind. Und genau das ist für Unternehmen, die Werbung schalten wollen, interessant. Auch auf anderen Feldern tummelt sich Ströer inzwischen. Um im lukrativen Markt mit Fitness-Videos mitmischen zu können, hat Ströer zuletzt das Münchner Start-up Social Media Interactive übernommen, bei dem unter anderem der ehemalige Tanztrainer aus der ProSieben-Castingshow "Popstars", Detlef D! Soost, in Videos zeigt, wie man schnell in Form kommt - passend zum Namen des Programms: "Imakeyousexy.com"

Die digitale Aufholjagd macht sich auch im Börsenwert bemerkbar, der Kurs hat sich seit dem Start 2010 verdoppelt. Die Kölner könnten noch besser dastehen, doch die Attacke eines Hedgefonds hatte zuletzt für einen Kurssturz gesorgt. Langfristig soll daraus nur eine Fußnote der Geschichte werden. Im Internet stehen die großen Umbrüche am Werbemarkt noch bevor - und Müller will wieder dabei sein.

Quelle: RP
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