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London/Brüssel
Wirtschaft warnt vor Brexit

London/Brüssel. Der Austritt des Landes aus der EU würde vor allem die britische Wirtschaft selbst treffen. Entsprechend sind britische Unternehmer alarmiert. EU-Ratspräsident warnt vor einem Bruch.

EU-Ratspräsident Donald Tusk hat vor einem Bruch in der Europäischen Union angesichts eines drohenden Austritts Großbritanniens gewarnt. "Das Risiko eines Bruchs in der EU ist real", sagte Tusk beim Treffen mit dem rumänischen Staatspräsidenten Klaus Iohannis. "Und was zerbrochen ist, kann man nicht reparieren." Tusk befindet sich derzeit auf einer Reise durch Europa, um für die Vorschläge der EU zu werben, die den britischen EU-Kritikern entgegenkommen sollen.

Auch die Wirtschaft warnt vor einem Ausstieg der Briten aus der EU (Brexit). "Vier von fünf Unternehmensführern in Großbritannien und Deutschland sprechen sich klar gegen ein Ausscheiden aus der EU aus", heißt es in einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung. Die meisten Befragten rechneten mit negativen Folgen eines Brexits auf die Arbeitsmärkte, die Umsätze und die Investitionen. Diese Befürchtungen gelten für beide Länder branchenübergreifend. Und das droht noch:

Währungsturbulenzen Wenn Großbritannien austritt, könnten ausländische Anleger massiv Kapital aus dem Land abziehen. Das würde das britische Pfund unter Druck setzen. Die Bank Goldman Sachs hält einen Wertverlust von bis zu 20 Prozent für möglich. Daher hat die Bank of England ihre "Kriegskasse" auf 98 Milliarden Dollar (87,5 Mrd Euro) aufgestockt, um einem drohenden Währungskollaps begegnen zu können, berichtet die Zeitung "Times".

Finanzplatz London Mit dem Brexit droht die City in London an Bedeutung zu verlieren. Für die britische Wirtschaft wäre das ein Schlag. Die britische Wirtschaftsleistung hängt bis zu zehn Prozent an den Finanzgeschäften, entsprechend hatte sich London schon früher gegen Regulierungen wie eine EU-weite Finanzsteuer gewehrt. Letztlich kommt es auf die Umstände des Austritts an: Wird es für Großbritannien einen großzügigen Freihandelsstatus geben, wie ihn Norwegen, Schweiz, Lichtenstein und Island genießen? Oder gibt es nur eine "türkische Lösung", die für die Länder der Welthandelsorganisation (WTO) gilt? Dann bleibt zwar der freie Warenverkehr bestehen, aber die Dienstleistungsfreiheit fällt. Und gerade auf diese Freiheit ist der Finanzplatz London angewiesen.

Handel Es gibt Schätzungen, wonach die Exporte der britischen Unternehmen um bis zu 30 Milliarden Pfund (38,8 Milliarden Euro) einbrechen, falls London beim Austritt kein Freihandelsabkommen abschließt. Das wären rund acht Prozent der Exporte. Das könnte auch das Wirtschaftswachstum hart treffen. Das britische Bruttosozialprodukt könnte sich auf rund ein Prozent halbieren, heißt es in den besonders pessimistischen Prognosen. Andere halten das für übertrieben, in jedem Fall steigt die Unsicherheit. Und die Bürokratie nimmt zu, über Ausfuhrregeln müsste neu gefeilscht werden. Besonders betroffen wären die britische Autoindustrie und der Maschinenbau, die stark von EU-Zulieferern abhängen.

Die Staats- und Regierungschefs der EU beraten am Donnerstag in Brüssel über das von Tusk vorgelegte Reformpaket, mit dem die EU dem britischen Premier David Cameron helfen will, das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU zu gewinnen. Vorgesehen ist eine "Notbremse", mit der Großbritannien Sozialleistungen für neu zuziehende EU-Bürger für vier Jahre aussetzen kann.

Quelle: RP
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