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Kolumne: Der Ökonom
Hat Griechenland noch eine Chance?

Die hohe Staatsverschuldung Griechenlands erstickt jedes Wachstum, behaupten viele Experten. Das gilt aber nur dann, wenn die Zinsen höher sind als das Wachstum. Von Martin Kessler

Auf fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist die Staatsverschuldung in Griechenland angestiegen. Das heißt, die Hellenen müssten fast zwei Jahre lang arbeiten, nur um ihre Schulden zurückzuzahlen. Eine solche Last ist untragbar, sagen viele Experten. Der Internationale Währungsfonds verlangt deshalb einen Schuldenschnitt, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

Tatsächlich spricht vieles dafür, den Griechen für die Rückzahlung der Schulden lange Fristen einzuräumen. Ein Schnitt hätte sogar die gute psychologische Wirkung, dass die Wirtschaft bei gleichzeitig stattfindenden Reformen Luft zum Atmen hätte.

Ökonomisch zwingend ist ein Schuldenschnitt allerdings nicht. Die beiden Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben einmal ausgerechnet, dass ab einer Verschuldung von 90 Prozent die Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können. Daraus haben sich viele Tragfähigkeitsanalysen entwickelt. Leider haben sich die beiden Ökonomen verrechnet. Es ist sehr wohl möglich, auch jenseits dieser Marke aus der Schuldenfalle zu kommen. Voraussetzung dafür ist, dass das Wirtschaftswachstum höher ausfällt als die Zinsen.

Im Lichte der großzügigen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist dieses Szenario möglich. Hier hätte Griechenland die Chance, mit Hilfe von Reformen die Wende zu schaffen. Zögert das Land hingegen, helfen noch nicht einmal die niedrigen Zinsen.

Die Lage für Athen ist also keineswegs hoffnungslos. Die Wirtschaftsleistung ist in der Krise um fast ein Viertel gefallen. Es sollte deshalb bei dem vorhandenen Produktionspotenzial, ergänzt um eine rationalere Verwaltung und effizientere privatisierte Staatsunternehmen, möglich sein, wieder auf einen zumindest bescheidenen Wachstumspfad zu kommen. Ist der erreicht, können die Schuldenquote schnell sinken. Die anderen Krisenländer machen es derzeit vor.

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Quelle: RP
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