| 08.50 Uhr

Kolumne: Der Ökonom
Homo oeconomicus - ein seltsames Wesen

Gruppen wie Attac machen sich gern über das Leitbild der Wirtschaftstheorie lustig - den homo oeconomicus. Der ist nur ein Konstrukt, um Zusammenhänge zu verstehen.

Mit viel Klamauk zog vor einer Woche eine Gruppe von Künstlern und Attac-Aktivisten durch Düsseldorf, um den "Neoliberalismus im Museum abzugeben". Eine gut gemachte Aktion (Museumsstücke waren etwa die Handtasche der erzliberalen britischen Premierministerin Margaret Thatcher), die aber neben dem berechtigten Angriff auf einen ungezügelten Kapitalismus am Kern der Ökonomie vorbeiging. Denn der Bösewicht in diesem Stück war - als wilder Neandertaler verfremdet - der homo oeconomicus, ein gedachtes Wesen der Volkswirtschaftslehre, das vielen ökonomischen Theorien zugrunde liegt.

Dieses Wesen ist in der Tat seltsam, aber auch höchst praktikabel. Es rechnet den ganzen Tag, wägt Entscheidungen ab, ob es etwas mehr von einem Gut zugunsten eines anderen Guts eintauschen soll, um so seinen Nutzen zu steigern. Ebenso verfährt es bei der Frage, wie viel es arbeiten und was es auf die hohe Kante legen soll. Dabei unterstellen die Wirtschaftsforscher, dass der homo oeconomicus alles weiß, unabhängig von außen entscheidet und nur im Eigeninteresse handelt. Er ist also wahrhaft kein besonders sympathischer Zeitgenosse.

Für die Theorie ist dieses hochrationale Wesen aber sehr nützlich. Denn mit ihm können Ökonomen seit mehr als 200 Jahren wirtschaftliche Prozesse verstehen, Modelle ersinnen und sie empirisch testen. In der Realität liegen sie oft sehr gut. Denn es ist sicherer, einen auf Eigeninteresse gepolten Wirtschaftsakteur anzunehmen als einen, der sich vorbildlich um andere oder das Gemeinwohl kümmert. Schon Adam Smith, der Vater der modernen Ökonomie, hat erkannt, dass sich das Wohl aller mit dem Eigennutz der Einzelnen verbinden lässt. Der homo oeconomicus entspricht einem eher pessimistischen Menschenbild. Er macht aber ein effizientes Wirtschaftssystem möglich, das nicht unbedingt auf Selbstlosigkeit baut. Übrigens: Der Ökonom Amartya Sen hat entdeckt, dass ein Wirtschaftssystem zum gleichen Ergebnis führt, wenn sich alle perfekt altruistisch verhalten. Nur erzwingen kann man das nicht.

Fragen? Schreiben Sie dem Autor unter kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kolumne: Der Ökonom: Homo oeconomicus - ein seltsames Wesen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.