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Kolumne Roland Tichy
"Wohlstand für alle" durch Integration

Was Politik und Industrie tun müssen, um die Migranten in den deutschen Arbeitsmarkt einzubinden.

Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise herrscht Notstand: Es fehlt an Unterkünften für den Winter, an Helfern, an Integration. Aber auch eine Behebung dieser Notstände wäre nur der erste Schritt. 1,5 Millionen Migranten werden am Ende im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen sein - und ein Ende des Zustroms ist nicht in Sicht. Bis 2025 dürften, bedingt durch den Familiennachzug, zehn Millionen Menschen mehr im Land leben. Dafür fehlt uns noch jede Vorstellung - politisch, wirtschaftlich, kulturell.

Viele der Migranten sind jung, deutlich jünger als die Einheimischen. Das könnte helfen, der Überalterung unserer Gesellschaft zu begegnen - aber nur, wenn die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt. Heute sind drei Viertel der Deutschen erwerbstätig. Damit die Zuwanderung nicht zu einer in die Sozialsysteme wird, müssen auch Zuwanderer in den allermeisten Fällen einen Arbeitsplatz finden - und zwar nicht irgendeinen. Auch gut bezahlt sollte der Job sein, andernfalls wächst nur die Armut. Schon heute ist ein großer Anteil von Mi-granten beruflich nicht aktiv, und dieser Anteil wird sich zunächst vergrößern, vielleicht sogar dramatisch vergrößern. Damit wird ein vergessener Slogan wieder aktuell: Wohlstand für alle. Dieses große Ziel von Ludwig Erhard schien verwirklicht. Jetzt stellt sich diese Forderung neu.

Leben aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung - nur das kann das Ziel sein, nicht Zuwanderung in Sozialsysteme und fragwürdige Vollversorgung auf niedrigem Niveau. Die Wirtschaftspolitik spielt hier die zentrale Rolle, und sie muss bei den Menschen ansetzen: Da viele Zuwanderer über keine Berufsausbildung verfügen oder sogar Analphabeten sind, wird es Jahre dauern, bis sie in den Arbeitsmarkt vermittelt werden können. Das ist zwar nicht ganz aussichtslos, aber eben auch nicht umsonst zu haben. Für die meisten der Neuankömmlinge bieten sich von ihrer Qualifikation her ohnehin nur Arbeitsplätze in einfachen bis mittleren Leistungsstufen an. Dieser einfache Satz hat Konsequenzen. Setzt Deutschland seine Politik der De-Industrialisierung fort, gibt es wenig Angebote an Arbeitsplätzen für die Zuwanderer jetzt und in den kommenden Jahren.

Das ist leichter gesagt als getan. Mittlere und einfache Jobs stehen nicht im Zentrum derzeitiger Politik. Die hat sich auf den Weg gemacht, nur hoch qualifizierte und damit wenige Jobs zu ermöglichen. Das war nicht falsch vor dem Hintergrund einer schrumpfenden, alternden, immer besser ausgebildeten Bevölkerung. Auch Energiewende und steigende Umweltauflagen drängen die job-intensive und leider oft "schmutzige" deutsche Wirtschaft außer Landes. Nicht ein Beschäftigungswunder steht im Zentrum derzeitiger Politik, sondern das Umweltwunder einer sonst gesättigten Gesellschaft, die sich das leisten kann. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hält daher seit Ende 2001 "einen - sozial abgefederten und rechtzeitig eingeleiteten - Strukturwandel weg von den energieintensiven Altindustrien für langfristig ohnehin sinnvoll".

Aber wo bleiben die neuen Industrien, die Beschäftigten mit niedrigerer Qualifikation Chancen auf Arbeitsstellen bieten? Die deutsche Politik hat nicht formuliert, welche Industrie sie langfristig will, sondern nur, welche nicht. Genau dies muss in den nächsten Monaten geschehen. Die Ergebnisse dieser Politik waren schon vor Beginn der großen Migrationswelle bekannt. Aber angesichts der großen Herausforderung von Millionen Zuwanderern drohen die Folgen der De-Industrialisierung in einen Verdrängungswettbewerb zwischen gering qualifizierten Einheimischen und Zuwanderern auszuarten. Dagegen helfen keine Versprechen und auch keine garantierten Mindestlöhne, sondern nur eine Neuorientierung. Auch die Industrie ist gefordert: Sie bejubelt neue Arbeitskräfte, aber es kommen Menschen mit ihren ganz eigenen Wünschen und Voraussetzungen. Dem müssen wir Rechnung tragen; das erfordert ein grundsätzliches Umdenken. Die Not der kalten Tage zu lindern, ist dabei nur ein erster Schritt. "Wohlstand für Alle" ist wieder aktuell.

Quelle: RP
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