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Düsseldorf
Zwei Frauen entscheiden im Poststreit

Düsseldorf. Die eine ist Sozialarbeiterin und hat während des Studiums als Postbotin gearbeitet, die andere ist Physikerin und war früher Unternehmensberaterin. Andrea Kocsis und Melanie Kreis stehen sich in einem komplexen Tarifstreit gegenüber. Von Maximilian Plück

Seit vier Wochen stapeln sich in den Brief- und Paketzentren die Lieferungen. Der massive Streik der Gewerkschaft Verdi sorgt zunehmend für Frust - bei Kunden und beim Management.

Verantwortlich dafür ist eine Frau aus Mülheim an der Ruhr. Die 49-jährige Andrea Kocsis, Vize-Bundesvorsitzende von Verdi, will Druck machen auf den Konzern. Man kann Kocsis, die erst kürzlich zur Bundesfachbereichsleiterin für Postdienste, Speditionen und Logistik wiedergewählt wurde, abnehmen, dass sie von der Materie Ahnung hat - und vor allem die Nöte der Mitarbeiter kennt. Während ihres Sozialarbeit-Studiums jobbte sie in Düsseldorf als Postbotin, schaffte so den Einstieg in die Gewerkschaft.

Ihre Gegenspielerin hat eine gänzlich andere Vita: Melanie Kreis, seit vergangenem Jahr Personalvorstand der Deutschen Post, ist von Haus aus Physikerin, durchlief wie ihr Chef Frank Appel und dessen Vorgänger Klaus Zumwinkel die harte Schule bei der Unternehmensberatung McKinsey, arbeitete bei einem britischen Finanzinvestor, ehe sie zur Post kam. Dort war Kreis zunächst für den Kauf und Verkauf von Unternehmensteilen verantwortlich. Als die frühere Personalchefin Angela Titzrath "aus persönlichen Gründen" im vergangenen Jahr hinwarf - aus Firmenkreisen heißt es, wohl auch wegen ihres zu arbeitnehmerfreundlichen Kurses - schlug Kreis' Stunde.

Ihre Bewährungsprobe wird nun die Auseinandersetzung mit Kocsis. Die Gemengelage ist schwierig. "Der Streit bei der Post hat ganz klar nichts mit klassischer Tarifpolitik zu tun", sagt Hagen Lesch, Tarifexperte am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Auch wenn Verdi das nicht klar benennt, geht es der Gewerkschaft in erster Linie um die Ausgründung bei den Paketzustellern." Was der Experte meint: Post-Chef Frank Appel muss auf den immer härteren Wettbewerb mit Konkurrenten wie Hermes und UPS reagieren. Deshalb hat Appel 49 Regionalgesellschaften gegründet, die DHL Delivery. Dort kommt nicht der Post-Tarif, sondern der um 20 Prozent niedrigere Tarifvertrag der Logistikbranche zur Anwendung. Da die Bildung einer neuen Gesellschaft eine unternehmerische Entscheidung ist, hat Verdi ein Problem. Sie dürfte gegen die Ausgründung überhaupt nicht streiken. Streik ist nur als letztes Mittel in Tarifverhandlungen zulässig. Deshalb hat sich Kocsis mit einem Trick beholfen: Sie hat als Reaktion die bisherige Arbeitszeitregelung (38,5 Stunden) und die Entgelt-Vereinbarungen mit der Post gekündigt. Zum Ausgleich für die Ausgliederung fordert Verdi für die Post-Beschäftigten 5,5 Prozent mehr Geld und eine Arbeitszeitverkürzung auf 36 Stunden mit Lohnausgleich. Und für genau diese Forderungen streiken derzeit die Postbeschäftigten.

Doch ist das strategisch geschickt? "Ich bezweifele, dass sich die Gewerkschaft einen Gefallen damit getan hat, sich in diese Situation hineinzumanövrieren", meint IW-Experte Lesch. "Es wird schwierig, diesen Konflikt zu lösen." Die Post müsse der Gewerkschaft etwas anbieten, damit sie deren Zustimmung bekommt. "Denkbar wäre etwa eine Bestandsschutzgarantie in einem anderen Bereich. Das wäre etwa bei den Briefzustellern möglich. Mit der Zusage, dass es dort in Zukunft nicht zu Ausgründungen kommt. Außerdem könnte die Post Verdi bei deren klassischen Tarifforderungen - kürzere Arbeitszeit und höhere Gehälter - entgegenkommen", so der Gewerkschaftsexperte.

Ob Personalchefin Kreis dazu jedoch bereit ist, ist unklar. Strategisch gesehen, wäre die Garantie für die Post kein Problem. Der Briefmarkt trägt immer noch monopolistische Züge. Die Wettbewerber sind zu klein, um dem Konzern ernsthaft gefährlich werden zu können. Entsprechend könnte Kreis der Gegenseite ohne Probleme eine solche Garantie geben.

Kocsis hat jüngst davor gewarnt, die Post werde bei den Paketzustellern nicht haltmachen und möglicherweise auch die Briefzusteller auslagern. Denkbar, dass sie diese Drohkulisse absichtlich aufbaut, damit sie - wenn sie denn Kreis eine Bestandsgarantie abringen kann - dies den Briefzustellern als großen Erfolg verkaufen kann. Es wäre ein möglicher Weg aus dem festgefahrenen Konflikt.

Kocsis braucht die schnelle Einigung. Denn es wird immer schwieriger, ihre konfrontative Taktik aufrechtzuerhalten. Mit dem Beginn der Sommerferien sinkt die Bereitschaft der Beschäftigten zum Arbeitskampf. Ein vierwöchiger Streik macht sich auch im Geldbeutel ihrer Mitglieder bemerkbar - denn Streikgeld ersetzt nicht eins zu eins den Lohn. Entsprechend zuversichtlich gab sich Kocsis vor den gestern aufgenommen zweitägigen Tarifgesprächen.

Inzwischen heißt es aus Gewerkschaftskreisen, der Streik könnte für die Zeit der Sommerferien ausgesetzt werden. Die Kunden würde das freuen.

Quelle: RP
 
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