Evolution: Ärger mit Darwin
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 13.07.2007 - 09:10Düsseldorf (RP). Hat Gott das Leben erschaffen oder ist es per Zufall entstanden? In der Debatte über Evolutionslehre und Schöpfungsmythos geht es um eine große Frage: Wem verdanken wir unser Dasein?
Als Friedrich Nietzsche 1882 die Welt aufschreckte mit seinem Diktum „Gott ist tot“, war diese Nachricht schon ein alter Hut. Gott ist bereits früher gestorben, und die Wissenschaft war sein Totengräber. Das war 1859, als Charles Darwin sein Buch „The Origin of Species“ veröffentlichte. Seine Gedanken über die Entstehung der Arten war derart brisant, dass die erste Auflage in nur einem Tag verkauft war.
Ein Megaseller mit viel Sprengstoff. Denn Darwin beschreibt darin das Prinzip der Evolution: Variation und Selektion haben das Leben entwickelt und verschiedene Organismen hervorgebracht. Quasi per Zufall. Der aber ist kein schöpferisches Prinzip. Wo also bleibt da noch Platz für einen Gott. Ist er wirklich tot? Oder doch nur arbeitslos?
Die Debatte ist alt und brandaktuell, seit der Wiener Kardinal Christoph Schönborn 2005 in der „New York Times“ gegen das Darwinsche Zufallsprinzip das gezielte göttliche Wirken ins Feld aller Lebensentstehung führte. Auf eine Kurzformel gebracht: Wissenschaftliche Evolution contra Kreationismus, der in Gott den alleinigen Verantwortlichen komplexer Lebensformen sieht.
Jetzt ist auch der Augsburger Bischof Walter Mixa in den Ring getreten mit seiner Forderung, die biblische Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufzunehmen. Weil es nach seinen Worten „Einsichten und Wahrheiten über den Menschen gibt, die man nicht mit dem Spaten ausgraben kann“. Ähnliches war einige Tage zuvor auch von der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) verlautet.
Solche Vermischungen dürften in absehbarer Zeit aber nicht zu erwarten sein. Eine Änderung des Lehrplans für den Biologieunterricht werde es nicht geben, sagte gestern gegenüber unserer Zeitung Nina Schmidt, Sprecherin des NRW-Schulministeriums. „Für die Schöpfungsgeschichte gibt es den Religionsunterricht.“ Ähnlich sieht es naturgemäß der Sprecher des deutschen Biologen-Verbandes, Georg Kääb.
Trotz der eifrig geführten Diskussion sieht er - anders etwa als in den Vereinigten Staaten - hierzulande keinen Trend zum Kreationismus. Nach einer Studie folgten über 80 Prozent der Deutschen der Evolutionstheorie, sagte er gestern auf Anfrage. Damit könne man leben - und Darwin wäre zu Lebzeiten wohl mächtig stolz gewesen über eine solche Akzeptanz seiner Theorie. Manches Gerangel ist oberflächlich, der Streit um Lehrpläne letztlich zweitrangig.
Weil die Fragen, um die es geht, im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar groß sind: Woher kommen wir? Wer erschuf das Leben und das Universum? Hat unsere Existenz einen tieferen Sinn oder ist sie ein Produkt des Zufalls? Man kann darauf mit der Wissenschaft antworten und mit dem Glauben. Jene, die auf der Seite der Vernunft stehen, erblicken weit und breit keinen Gesprächspartner auf Augenhöhe. Und die, die an Gott glauben, warnen vor einer Welt, die ihren Sinn nur noch aus sich selbst heraus konstruiert.
Auf einem solchen Planeten kennt man zwar sämtliche Bedingungen unserer Entstehung, aber man kann dennoch nicht erklären, wer wir sind. Mit den Worten des Münchener Philosophen Robert Spaemann gesprochen: „Leben ist nicht ein Zustand von Materie, sondern das Sein eines Lebendigen.“ Nun ist diese Debatte weder der Untergang des aufgeklärten Abendlandes noch die Auslöschung des Schöpfungsmythos’. Aber sie zeigt die alte Spaltung des Weltbildes von Physik und Metaphysik: Wissenschaft hier, Glaube dort. Dabei ist nicht der Dualismus das eigentlich Bedenkliche, sondern die Unversöhnlichkeit beider Positionen.
Erst in dieser Ausschließlichkeit wird die Debatte heikel. Dann nämlich kämpfen beide Seiten um ihre Existenz, es geht - salopp formuliert - jeweils ums Eingemachte. Dabei lassen sich Darwin und Schöpfungslehre sehr wohl miteinander versöhnen. Denn den Ursprung aller Existenz, den magischen Augenblick, in dem der Funke des Urlebens schlug, werden auch die Biologen nie erklären können. Beide Seiten zu denken, ist schwer.
Papst Benedikt XVI. hat es in seiner Regensburger Vorlesung getan: „Die Evolutionstheorie hebt den Glauben nicht auf; sie bestätigt ihn auch nicht. Aber sie fordert ihn heraus, sich selbst tiefer zu verstehen und so dem Menschen zu helfen, sich zu verstehen und mehr und mehr zu werden, der er ist: das Wesen, das in Ewigkeit zu Gott Du sagen soll.“
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